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Fachverband Schreinerhandwerk Bayern

Interview mit Dr. Christian Wenzler, Hauptgeschäftsführer im Fachverband Schreinerhandwerk Bayern
Innovatives Bayern

Dr. Christian Wenzler, Hauptgeschäftsführer im Fachverband Schreinerhandwerk Bayern, im Gespräch mit dds-Chefredakteur Christian Gahle.

Christian Gahle, dds-Chefredakteur, bedankt sich für die Einschätzung des Bayerischen Hauptgeschäftsführers.

Unser Titelthema im Mai lautet »Innovatives Bayern«. dds-Chefredakteur Christian Gahle wollte von Dr. Christian Wenzler wissen, wie sich der Fachverband Schreinerhandwerk hierzu positioniert.

Herr Dr. Wenzler, welche Neuheiten und Neuerungen bringen unsere Branche aktuell am meisten voran?

Innovationen finden auf vielen Ebenen statt: der Einsatz neuer Materialien, neue im Möbel integrierte Technik, virtuelle Showrooms, Online-Konfiguratoren, VR/AR in der Kundenberatung und mehr. Zwar haben wir Schreiner es vorwiegend mit vermeintlich gewohnten Produkten wie Küchen oder Fenstern zu tun, aber gerade an diesen beiden Bereichen wird die stetige Weiterentwicklung deutlich. Über die Jahre haben wir hier riesige Schritte bei Komfort und Energieeffizienz gemacht. Ein Wandel mit Bedacht. Im Handwerk dürfen wir nicht unsere Wurzeln verlieren. Das gilt für unsere Werte wie auch für traditionelle Techniken und den Gebrauch von Handwerkzeugen. Daher gilt bis heute unser Motto »Innovation aus Tradition«, welches wir schon 2002 zum 100-jährigen Jubiläum des Fachverbandes ausgerufen haben. Nicht zuletzt die Coronazeit hat neue digitale Möglichkeiten hervorgebracht, auch bei uns im Verband. So haben wir neue Veranstaltungsformate erschaffen, die auch zukünftig weiterleben werden. Sehr erfolgreich ist etwa unser neuer, virtueller Erfahrungsaustausch unter dem Titel »Hobelbank-Talk« mit dem Thema Laseraufmaß gestartet. Diese Serie wird sich zukünftig mit ganz unterschiedlichen Fragen der Unternehmensführung beschäftigen. Auf digitalem Wege konnten wir auch erstmals Weiter- bildungsangebote für Auszubildende schaffen, die sonst nicht auf zusätzliche Schulungen reisen würden.

Ein weiteres neues Format, mit dem der Fachverband auf die Coronakrise reagiert hat, ist das Digitale Praktikum: Herausfinden, ob der Beruf passt – wie kann ich mir das digital vorstellen?

Weil Berufspraktika in den vergangenen zwei Jahren nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich waren, haben wir das Digitale Praktikum auf die Beine gestellt: Sobald sich an einer Ausbildung zum Schreiner Interessierte und ein Betrieb gefunden haben und die Formalitäten erledigt sind, greifen die Praktikanten zum eigenen Werkzeug. Sie erhalten vom Betrieb ein Materialset und Hinweise in Form von kurzen Videosequenzen. Wir haben hierfür gemeinsam mit unserem Mitglied Florian Klein eine Bücherstütze als Beispiel ausgearbeitet, die unseren Betrieben als Hilfestellung im Netz zur Verfügung steht. Natürlich kann jeder Betrieb auch eigene Projekte umsetzen. Wir arbeiten haptisch – da sind Zeigen, Anfassen und auch der Werkerfolg sehr wichtig. Das Digitale Praktikum ersetzt zwar keine mehrtägige Begleitung in der Werkstatt, vermittelt aber einen Eindruck vom Beruf des Schreiners. Und den Betrieben bietet sich eine weitere Möglichkeit, interessierte Jugendliche kennenzulernen und sich als moderner Ausbildungsbetrieb zu präsentieren. Zukünftig kann diese Form ein persönliches Praktikum ergänzen, vorbereiten oder als Alternative dienen, wenn es mehr Bewerber als Praktikumsplätze gibt.

Immer wieder wird auch über das digitale Berichtsheft gesprochen. Wie ist hier der aktuelle Stand – für Bayern und bundesweit?

Über unseren Bundesverband wird zukünftig einheitlich eine Form des digitalen Berichtsheftes angeboten. Letztlich wird zwischen Betrieb und Auszubildenden individuell vereinbart, ob dieser das Berichtsheft digital oder handschriftlich führt. Beides hat wie immer Vor- und Nachteile. Wichtig ist die enge Begleitung durch die Ausbilder und deren Vermittlung des Stellenwertes eines ordentlichen, ausdrucksstarken Berichtsheftes insgesamt, und das ist unabhängig von der gewählten Form.

Vor rund zwei Jahren haben wir ein Statement veröffentlicht, in dem Sie darauf hinweisen, bei der Digitalisierung im Handwerk kämen Kommunikation und Firmenpräsentation noch zu kurz. Hat sich hier inzwischen etwas verbessert?

Wir beobachten einen Wandel: Viele Unternehmen stellen sich nun in SocialMedia vor, insbesondere auf Instagram. Sie posten oft mehrmals wöchentlich herausragende Projekte oder auch einfach nur den Arbeitsfortschritt oder Impressionen aus dem Team und der Werkstatt. Das begrüßen wir und versuchen auch, die Scheu zu nehmen. Es muss nicht immer eine choreografierte Studioaufnahme sein – oft kann ein mit dem Smartphone selbst erstelltes Video viel mehr aussagen! Hier sind es häufig die Auszubildenden und jungen Gesellen, die neue Impulse setzen. Auch hierfür hat unser Verband neue Fortbildungsangebote geschaffen.

Angesichts der zumeist guten bis sehr guten Auftragslage bei gleichzeitigem Fachkräfte- und Nachwuchsmangel wird die Forderung lauter, bei den Gehältern zuzulegen. Wie sehen Sie das?

Hier greift bereits der aktuelle Tarifabschluss mit einer Laufzeit von 24 Monaten: Die erste Erhöhung von vier Prozent gilt seit dem 1. April 2022 und zum 1. Juli 2023 folgen weitere 2,5 Prozent. Dies sind für Schreiner schon verhältnismäßig große Schritte. Hinzu kommt die Erhöhung der monatlichen Ausbildungsvergütung ebenfalls seit dem 1. April 2022. Diese beträgt nun 800 Euro im ersten, 900 Euro im zweiten und 1000 Euro im dritten Lehrjahr. Für spezielle Ausbildungsgänge, wie dem Technischen Produktdesigner mit 3,5 Jahren, sind es dementsprechend 1100 Euro im vierten Jahr. Insgesamt sind dies Mindestbeträge, die für das gesamte Bundesland gelten. Es steht natürlich jedem Betrieb frei, auch mehr zu zahlen, wenn entsprechende Umsätze generiert werden. Speziell in Ballungszentren wie München wird das auch gemacht. Generell liegt jedoch die Attraktivität eines Berufes nicht nur am Gehalt. Daher haben wir steigende Ausbildungszahlen, während manche Baugewerke, die teilweise höhere Löhne zahlen, es nicht schaffen, in gleichem Maße Nachwuchs und Fachkräfte zu finden. Hier gilt es also, die Vorzüge des Schreinerberufes klar herauszustellen.

Am 24. September 2021 ist Bernhard Daxenberger zum neuen Präsidenten und Nachfolger von Konrad Steininger gewählt worden. Was ist seitdem passiert?

Herr Daxenberger ist bereits seit 1999 Vizepräsident gewesen. Mit der Wahl
im vergangenen September sind zudem Hans Bauereiß, Richard Siegler und Johannes Lange in den Vorstand eingetreten, sodass es schon ein größerer Wechsel war. Der neue Vorstand hat direkt einen intensiven Prozess für eine langfristige Strategie und eine Priorisierung der Verbandsarbeit angestoßen.

Viele Messen wurden abgesagt, so gingen wertvolle Gelegenheiten zur Imagewerbung und Kundenakquise verloren. Welche Alternativen haben Verband und die einzelnen Betriebe gefunden – und wird dies auch in Zukunft Schwerpunkte verändern?

Der direkte Kontakt zum Kunden ist gerade für Schreiner sehr wichtig. Digitale Wege konnten die Einschränkungen etwa zum Tag des Schreiners zwar mildern, aber nicht gänzlich ersetzten. Mit unserer Radio- und Plakataktion »Wir sind da!« haben wir mit Humor und einheitlichem, professionellem Erscheinungsbild viel Zuspruch erfahren. Das gilt vor allem auch für unseren neu produzierten Nachwuchsfilm, sowie den inspirierenden Kurzclips für Social Media. Auf der anderen Seite haben Impulse
und Input für die Schreiner gefehlt. Die Messen Heim + Handwerk in München sowie die Holz-Handwerk in Nürnberg sind für uns alle besonders wichtig. Letztere findet ja nun im Juli statt und die Münchener Messe wieder turnusmäßig vom 30. November bis 4. Dezember 2022, was wir sehr begrüßen! In München werden wir wieder in gewohnter Weise die Gesellenstücke »Gute Form Bayern« einem großen Publikum zeigen.

Was ist für das laufende Jahr aus Ihrer Sicht sonst noch wichtig?

Interessant ist die Ausbildung zum Technischen Produktdesigner! Diese ist aus dem Technischen Zeichner Holz hervorgegangen und bietet für Betriebe und Interessenten tolle Perspektiven in der Arbeitsvorbereitung, Gestaltung und Konstruktion, je nach Qualifikation auch in der Beratung, ohne dass dort unbedingt ein Meister eingesetzt werden muss. Natürlich gibt es auch in der Digitalisierung viel zu tun. Aber nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Verbesserung von der Effizienz von betrieblichen Abläufen sowie zur Kundenakquise. Wir haben in der Geschäftsstelle eine neue Position geschaffen und unterstützen unsere Betriebe nun mit einem IT-Experten. Gänzlich unklar ist, wie sich der Krieg in der Ukraine und seine Folgen auf die Bau- und Ausbaugewerke auswirken wird. Betroffen sind konkret die Materialströme bei Zulieferteilen, die Versorgung mit dem Rohstoff Holz sowie steigende Energiekosten – aber auch das Konsumverhalten der Gesellschaft insgesamt.

Wie wird sich der Klimaschutz aus Ihrer Sicht auf den Wohnungs- und Innenausbau auswirken?

Maßnahmen zum Klimaschutz bieten große Marktchancen für unsere Betriebe. Sie werden jedoch das Bauen weiter verteuern. Gleichzeitig geraten jetzt die Finanzmärkte und die Zinsen wieder in Bewegung. Das zweite Halbjahr 2022 und das kommende Jahr 2023 dürften daher richtungsweisend für die kommenden zehn Jahre werden!


Kontakt

Fachverband Schreinerhandwerk Bayern
Landesinnungsverband des bayerischen Schreinerhandwerks
Geschäftsstelle Fachverband
Fürstenrieder Str. 250
81377 München
Tel. +49 89 545828-0
www.schreiner.de

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