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Schall ist gemein

Bauelemente
Schall ist gemein

Im Zusammenhang mit schalldämmendem Isolierglas kommt es immer wieder zu Unklarheiten. Dr. Klaus Huntebrinker von der Isolar Glas-Beratung fasst zusammen, was man als Handwerker wissen sollte.

Dr. Klaus Huntebrinker, Isolar Glas-Beratung GmbH

Seit vielen Jahren ist für etwa fünf bis zehn Prozent des jährlich in Deutschland produzierten Isolierglases das bewertete Schalldämmmaß Rw die wichtigste ausgeschriebene Eigenschaft. Diese Isoliergläser werden allgemein als Schalldämmgläser bezeichnet, deren schalldämmende Eigenschaften nachgewiesen werden müssen. Auch bei zahlreichen Multifunktionsgläsern für Fassadenprojekte werden spezielle Anforderungen an die Schalldämmung gestellt.
Was das Thema für alle Beteiligten kompliziert macht, ist der Umstand, dass Schalldämmwerte nach wie vor nicht wie z. B. U- und g-Werte auf der Grundlage der einschlägigen Normen berechnet werden können. Deshalb prägen Messungen der Schalldämmung durch Prüfinstitute, die Erfahrungen der Beteiligten sowie die Anwendung einiger Regeln für die Schalldämmung auch weiterhin den Alltag in diesen Fragen. Nachdem inzwischen beinahe die Hälfte aller Isoliergläser in Deutschland Dreifachgläser sind, gilt das natürlich auch für Dreifachgläser.
Eine typische Frage an die Isolar Glas-Beratung lautet etwa: »Welche Schalldämmung hat der Glasaufbau VSG 8–18–4–18–4?«
Sollte es zufällig zu exakt diesem Aufbau ein Prüfzeugnis geben, so wird dies dem Mitgliedsunternehmen zur Verfügung gestellt. Andernfalls ist für die Antwort die Anwendung diverser Regeln gefragt, die sich im Prinzip als Erfahrungswerte aus vorhandenen Prüfberichten zur Schalldämmung von Isoliergläsern gewinnen lassen.
Schalldämmung mit Zwei- …
Erinnern wir uns dazu zuerst an einige Regeln zur Schalldämmung mit Zweifachglas. Im Wesentlichen lassen sich vier Schritte der Schalldämmung unterscheiden:
  • 1. Glasaufbauten mit verschiedenen Glasdicken (»asymmetrische Aufbauten«) verbessern die Schalldämmung. Es gilt sogar: Je größer die Asymmetrie, desto besser die Schalldämmung.
  • 2. Je größer der Scheibenabstand, desto besser wird die Schalldämmung. Diese Regel wird z. B. bei Kastenfenstern besonders deutlich.
  • 3. Schalldämmung für höhere Ansprüche erfordern Aufbauten mit einem schalltechnisch entkoppelten Laminat. Früher wurden dazu Gießharz-Scheiben verwendet, heute sind dies die sogenannten Akustik-VSG.
  • 4. Noch höheren Anforderungen an die Schalldämmung genügen Aufbauten mit zwei Scheiben aus Akustik-VSG.
Wichtige Nebenregeln sind z. B.:
  • die Schalldämmung verbessert sich mit zunehmender Masse
  • »normales« VSG verhält sich schalltechnisch nahezu identisch wie Floatgas
  • das thermische Vorspannen von Gläsern (ESG, ESG-H, TVG) hat keinen Einfluss auf das Schalldämmverhalten
  • das Schalldämmmaß Rw für Isoliergläser mit Luftfüllung ist fast immer gleich dem mit Argonfüllung. Das Füllgas Krypton verbessert Rw geringfügig, aber nicht so wie das mittlerweile verbotene Schwefelhexafluorid (SF6).
Für die schalltechnische Beurteilung von Dreifachglas ist dieser »Handwerkskasten« um zwei Aspekte zu erweitern:
  • neben den beiden äußeren Scheiben gibt es auch noch die mittlere Scheibe im Dreifachglas
  • Dreifachgläser haben einen zweiten Scheibenzwischenraum. Das umfasst auch die Möglichkeit asymmetrischer Scheibenabstände.
… und Dreifachglas
Aus den vorliegenden Prüfberichten mit Messungen der Schalldämmung an Dreifachgläsern lassen sich ähnliche Regeln ableiten wie oben. So verbessert die Asymmetrie der Glasdicken der beiden äußeren Scheiben das bewertete Schalldämmmaß Rw für Dreifachgläser deutlich. Interessant ist hier auch ein Vergleich der Schalldämmmaße von Zweifach- und Dreifachgläsern (vgl. Bild 1). Verglichen werden dort die gängigen Aufbauten für Zweifach- und Dreifachglas wie 6–15–4 und 6–12–4–12–4 oder 8–15–6 und 8–12–4–12–6. Es lässt sich sehr schnell erkennen:
  • offenbar nimmt bei Dreifachgläsern die Schalldämmung mit der Asymmetrie der beiden äußeren Scheiben zu
  • bei den verglichenen Zweifach- und Dreifachgläsern ist das Schalldämmmaß für das jeweilige Dreifachglas mindestens so hoch oder sogar höher wie für das entsprechende Zweifachglas.
Eine ganz ähnliche Tendenz ergibt sich auch, wenn man einen solchen Vergleich mit vorliegenden Prüfberichten zur Schalldämmung von Zweifach- und Dreifachgläsern anstellt, bei denen im Glasaufbau Scheiben aus Akustik-VSG verwendet werden. Eine Zusammenfassung für diesen Vergleich zeigt Bild 2.
Die weiter oben erwähnten »Nebenregeln« gelten in gleicher Weise auch für Dreifachgläser. Zur »Masseregel« wird auf die Bilder 1 und 2 verwiesen. Für den Ersatz von Einzelscheiben aus Floatglas durch solche aus VSG, ESG usw. gilt, dass damit keine Veränderung der Masse verbunden ist. Aus demselben Grund haben auch »dünne« Beschichtungen aller Art keinen Einfluss auf die Schalldämmung. Im Hinblick auf die Gasfüllung mit Argon und Krypton gibt es entsprechende Belege in Form von zum Vergleich geeigneten Prüfberichten.
Die mittlere Scheibe
Sehr aufschlussreich ist ein vergleichender Blick in die Messkurven zu Glasaufbauten, bei denen nur die Dicke der mittleren Scheibe verändert wird. Bild 3 zeigt als ein Beispiel den Vergleich der Messkurven für die Aufbauten:
  • 8–12–4–12–6 (Rw=39,2 dB)
  • 8–12–5–12–6 (Rw=39,0 dB)
  • 8–12–6–12–6 (Rw=38,6 dB)
Alle drei Kurven haben einen Einbruch bei der Frequenz 2000 Hz (6-mm-Glas). Auch bei 1250 Hz ist in allen drei Kurven ein Einbruch erkennbar (8-mm-Glas). Zusätzliche Einbrüche durch die mittlere Scheibe (4, 5 oder 6 mm) sind in keiner Kurve erkennbar. Das legt den Schluss nahe: Die Dicke der mittleren Scheibe in einem Dreifachglas hat offenbar keinen nachweisbaren Einfluss auf das schalltechnische Verhalten. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine Untersuchung des IFT-Rosenheim (1).
Kommen wir zurück auf die eingangs gestellte, beispielhafte Frage. Den Ausgangspunkt für die Antwort bildet der Prüfbericht für den Glasaufbau 8–12–4–12–4 mit Rw = 37 dB. Eine genauere Analyse der Messwerte zeigt, dass dieses Ergebnis »gut« erreicht wurde. Ein Austausch der 8-mm-Float-Scheibe gegen 8 mm VSG bringt schalltechnisch keinen Gewinn, wohl aber die Erhöhung der beiden Scheibenabstände auf 18 mm. Für den Aufbau VSG 8–12–4–12–4 darf man sicher ein bewertetes Schalldämmmaß Rw von 38 dB, eventuell auch von 39 dB erwarten. Im »Ernstfall« darf man damit rechnen, dass eine Prüfung zu einem solchen Ergebnis führen würde.
Scheibenbelastung beachten
Unvollständig wäre jede Abhandlung über die Schalldämmung mit Dreifachgläsern ohne einen klaren Hinweis auf die Belastungen aus dem sogenannten »Isolierglaseffekt«. Leider ist die Physik in diesem Fall im wahrsten Sinne des Wortes äußerst gemein, denn – entsprechend ihrer geringeren Steifigkeit – muss die dünnere der beiden äußeren Scheiben in einem Dreifach-Schalldämmglas die deutlich höhere Last übernehmen. Die Bilder 4 und 5 machen das Ausmaß dieser Gemeinheit anschaulich und zeigen die berechneten Spannungen, die man bei Annahme der Standardlasten aus den Technischen Regeln für die Verwendungen von linienförmig gelagerten Verglasungen (TRLV) in den dünneren, äußeren Scheiben erwarten muss. Die Bilder zeigen so zugleich auch:
  • bei Dreifach-Schalldämmglas ist von großen Scheibenabständen abzuraten
  • bei Dreifach-Schalldämmglas wird bei Kantenlängen bis zu etwa 70 cm ein Vorspannen der dünneren, äußeren Scheibe empfohlen (2).
Literatur:
(1) Vergleich der Schalldämmung von Zwei- und Dreifach-Isolierglas, IFT-Infoline 03/2011
(2) Leitfaden zur Verwendung von Dreifach-Wärmedämmglas; Bundesverband Flachglas e.V., Troisdorf; aktuelle Ausgabe 2010
(3) Prüfberichte zur Schalldämmung von Isoliergläsern, Messungen im Auftrag der Isolar-Glas-Beratung GmbH und des Bundesverband Flachglas
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