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CO2 Fußabdruck im Zeitalter des Klimawandels

Fenster im Zeitalter des Klimawandels
CO2-Fußabdruck als Maßstab

An der Forderung, unseren CO2-Ausstoß zu senken, geht kaum ein Weg vorbei. IFT-Chef Prof. Jörn P. Lass über die Auswirkungen auf Fenster, Türen und Fassaden.

Die EU und somit auch Deutschland haben sich im Pariser Klimaabkommen und im Rahmen der europäischen »Green Deal«-Initiative zu einer deutlichen Senkung der CO2-Emissionen verpflichtet. Ziel ist es, die globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dies ist nur zu erreichen, wenn im Gebäudesektor, der in Deutschland ca. 30 Prozent der Treibhausgasemissionen verursacht, erheblich CO2 eingespart wird.

Der Green Deal kommt

Auf europäischer Ebene kommt durch den Green Deal ein großer finanzieller Push für den Bausektor. Die Ziele der Europäischen Kommission, die das Bauwesen betreffen, sind wie folgt zusammenzufassen: »Mit der Sanierung unserer Wohnungen und Gebäude können wir Energie sparen, vor extremer Hitze oder Kälte schützen und gegen Energiearmut vorgehen«. Die Europäische Kommission greift damit die drei Kernthemen sommerlicher und winterlicher Wärmeschutz und Energieeffizienz unserer Produkte auf. Das »Sich-das-Heizen-nicht-mehr-leisten-Können« (= Energiearmut) ist aufgrund steigender Heizstoffpreise ein sehr aktuelles Thema, dem mit Effizienzverbesserungen in der Gebäudehülle begegnet werden kann. So plant die EU:

  • die Mitgliedstaaten dazu zu verpflichten, jährlich mindestens 3 Prozent der Gesamtfläche aller öffentlichen Gebäude zu sanieren
  • einen Richtwert von 49 Prozent an erneuerbaren Energien in Gebäuden bis 2030 festzulegen und
  • von den Mitgliedstaaten zu verlangen, die Nutzung von erneuerbarer Energie zur Wärme- und Kälteerzeugung bis 2030 um jährlich 1,1 Prozentpunkte zu erhöhen.

Bauelemente ganzheitlich sehen …

Bisher lag der Fokus im Bausektor überwiegend auf der Senkung des Energieverbrauchs. Emissionen durch die Erzeugung und den Transport von Baustoffen, die Errichtung von Gebäuden und das Nachnutzungsstadium wurden weitestgehend ausgeblendet. Mit immer geringerem Energieverbrauch eines Gebäudes ergibt sich jedoch ein zunehmender Einfluss der verwendeten Baustoffe auf die CO2-Emissionen. Daher ist es an der Zeit, den Betrachtungsbereich zu erweitern und Emissionen aus allen Lebenszyklen zu berücksichtigen und ganzheitlich im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft zu betrachten.

Positive Effekte wie solare Gewinne transparenter Bauteile können genauso berücksichtigt werden wie die Reduzierung der Kühlleistung von Klimaanlagen durch einen adaptiven Sonnenschutz. Auch geringe Wartungs- und Pflegeaufwände oder lange Gebrauchszyklen sowie die Möglichkeit zur sortenreinen Trennung am Ende des Lebenszyklus werden hierbei berücksichtigt. Der einseitige Blick auf die Energieeinsparung während der winterlichen Nutzung gehört der Vergangenheit an.

… mit CO2-Fußabdruck als Maßstab

Mit den heute zur Verfügung stehenden Kenngrößen aus physikalischen Werten und einer großen Menge von Kriterien aus den Product Category Rules (PCR) fällt es Planern und Investoren schwer, das ökologisch günstigste Produkt auszuwählen. Ein objektiver Vergleich in der Planungsphase benötigt stark vereinfachte Kennzahlen oder Labels. Der CO2-Fußabdruck als Maß für die Klimafreundlichkeit eines Produkts drängt sich hier auf.

Die Umweltwirkung einzelner Produkte erschließt sich derzeit leider erst im späteren Zertifizierungsprozess des Gebäudes – sofern überhaupt eine Umweltzertifizierung angestrebt wird. Dann ist es in der Regel nicht mehr möglich, auf ressourcenschonendere Produkte umzuschwenken. Durch eine einfach zu erfassende Kennzeichnung wie den CO2-Fußabdruck könnten die Umweltwirkungen des Produktes über den Lebenszyklus sichtbar gemacht werden. Hierdurch werden Entscheider in die Lage versetzt, verschiedene Produkte miteinander zu vergleichen und sich bewusst für ein nachhaltiges Produkt zu entscheiden. Sinnvoll ist es daher, Fenster mit allen Aspekten wie dem sommerlichen Wärmeschutz, den Zugewinnen, den Energieverlusten über Bauteile und die Lüftung, dem Energieeinsatz bei Herstellung, Wartung und Betrieb und dem Materialeinsatz zu bilanzieren und dies leicht verständlich mit dem CO2-Fußabdruck zu kommunizieren.

Recycelbar bauen und recyceln

Auch die steigenden Preise für Baustoffe aller Art zeigen an, dass auf der Rohstoffseite ein Umdenken erforderlich ist. Noch immer landen viele Wertstoffe auf der Deponie oder in der Verbrennung, weil für Rückbau, Trennung und Aufbereitung die Möglichkeiten fehlen. Einerseits, weil die Baustoffe speziell aus dem letzten Jahrhundert mit zweifelhaften Stoffen wie Asbest, Schwermetallen usw. belastet sein können, und dies ohne eingehende Analytik nicht zu klären ist. Andererseits liegen die Stoffe vielfach nicht in reiner Form vor, sondern sind mit Klebstoffen, Beschichtungen, Armierungsmaterialien und vielem mehr »verunreinigt«.

Die gut funktionierenden Recycling-Systeme der Branche kümmern sich hauptsächlich um verhältnismäßig saubere Reste aus den Fertigungen. Für die Rückführung von Profilwerkstoffen aus dem Bau braucht es deutlich erweiterte Konzepte bei der Analytik und Aufbereitung. Weiterhin müssen für Werkstoffe aus Recycling-Materialien neue Produktansätze erdacht werden. Bei der Akzeptanz des Kunden hinsichtlich der neuen Ästhetik von recycelten Werkstoffen wurde von anderen Branchen (Möbel, Fahrzeuge usw.) schon gut vorgearbeitet. Recycelte Materialien werden heute als Kaufargument genutzt. Neue Produkte sollten schon unter dem Gesichtspunkt der leichten Trennbarkeit und Sortenreinheit konzipiert sein. Zukünftig ist eine artgleiche Wiederverwendung auf gleichem Qualitätsniveau von Materialien anzustreben.

Konstruktionen anpassen

Auch mit ambitionierten Zielen bei der CO2-Vermeidung muss jedoch akzeptiert werden, dass ein Wandel des Klimas nicht mehr zu vermeiden ist. Klimabedingte Katastrophen und Veränderungen nehmen zu. Ein Tornado in Kiel, die Flut im Ahrtal, Waldbrände in Brandenburg … es ist beängstigend, wie häufig derartige Ereignisse mittlerweile sind.

Für Fenster, Türen und Fassaden sind daher die Randbedingungen extremer und die daraus resultierenden Konstruktionen robuster auszulegen. Die Einwirkungen, die hierbei zu berücksichtigen sind, sind vielfältig. Eine stabilere Auslegung der Komponenten, geringere thermische Längenänderungen und eine höhere Temperaturfestigkeit, helle Farben, größere Widerstandsfähigkeit gegen Starkregenereignisse bis hin zur Hochwasserbeständigkeit … ein cleverer Einsatz von Design und Material ist gefragt. Aber auch die Architektur ist gefordert. Größen, Fensterteilungen, Öffnungsarten, Anordnung der Fenster – ein Umdenken wie bei den Werkstoffen wird hier stattfinden (müssen).

Keine Angst vor Veränderung

Die anstehenden Veränderungen scheinen überwältigend. Veränderungen gab es jedoch zu jeder Zeit und sie bieten immer Möglichkeiten, neue Produkte und Dienstleistungen an den Start zu bringen. Für eine Branche, deren größter Antrieb in den letzten Jahrzehnten bereits die Optimierung der Energieverluste war, stehen die Chancen gut, diese Zukunft zu meistern.


Prof. Jörn P. Lass ist Leiter des Instituts für Fenstertechnik IFT in Rosenheim. Er ist sicher: Die »Fridays for future«-Kids sind die Fensterkäufer von morgen, für die CO2-Bilanz und Recycling wichtig sind.


Prof. Jörn P. Lass

»Es ist sinnvoll, Fenster mit allen Aspekten zu bilanzieren und dies leicht verständlich mit dem CO2-Fußabdruck zu kommunizieren.«

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