Geschichten aus dem wahren Leben. Die Kolumne von Schreinermeister Laurenz E.

Ich sehe was, was du nicht siehst

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Bild: Artqu, Adobestock

Ich hatte schon kein gutes Gefühl, als wir das ortsansässige ältere Ehepaar, welchem der Ruf als »nicht ganz einfach« vorauseilte, in unseren Kundenstamm aufnehmen durften. Es wurde eine klassische Vitrine mit zwei Ganzglastüren beauftragt. So kam also die Zeit der Auslieferung und das Prachtexemplar wurde an Ort und Stelle verbracht. Bei meinem drei Tage später angesetzten Routinebesuch wurde ich mit großem Hallo empfangen und mit einem Gläschen Prosecco das hohe Lied der Handwerkskunst gesungen. Ja doch, auch ein bisschen stolz, ob meiner Gabe, auch die schwierigste Kundschaft zufrieden zu stellen, verließ ich das Heim jener im Vorfeld so negativ Behafteten.

Zwei Wochen später kam er dann, der Anruf der weiblichen Hälfte der Auftraggeber. Ihr sei beim Reinigen der Glastüren aufgefallen, dass beide Türen einen Kratzer aufwiesen. Und es wäre doch schade, weil ja ansonsten alles so schön geworden sei und das Möbelstück ja auch so viel Geld gekostet habe (von dem bis dato selbstredend noch kein Cent den Weg auf unser Konto gefunden hatte!). Ach, und sie müsse mir gleich am Telefon sagen: »Diese Kratzer – die kann nur ich sehen! Selbst mein Mann kann da nichts entdecken, aber mich stören sie ungemein. Bitte kommen Sie vorbei und schauen Sie sich das an!«

Wie soll ich mir etwas ansehen, was nur sie sehen kann, fragte ich mich? Da jedoch auch bei mir die Kundin Königin ist, stehe ich fünfzehn Minuten später mit der Dame im Esszimmer und starre auf die Glasfronten. Trotz präziser Ortsangabe mittels ihres Zeigefingers und frenetischen Anfeuerungen wie : »Seh’ n Sie’ s, seh’ n Sie’ s?« kann ich nichts erkennen! In mir reift ein diabolischer Plan. Um die Kundin zufriedenzustellen, höre ich mich sagen: »Ich werde die Türen mitnehmen und beim Glaser reklamieren. In zwei Wochen erhalten Sie Ersatz«. Gedacht habe ich: Gläser mitnehmen, zwei Wochen warten, Gläser einhängen – fertig!

Zwei Wochen später stehe ich also erneut vor der Haustür, in jeder Hand eine Glasfront. Zu blöd, dass ich keine Hand mehr für die Klingel frei habe. Die Option, die Gläser auf dem Granitpflaster abzustellen, verwerfe ich. Die Kanten könnten Schaden nehmen! Also verbiege ich mich derart, dass ich mit meiner zugegebenermaßen beträchtlichen Nase die Klingel zum Läuten und somit die Dame des Hauses zum Öffnen der Tür bringe. Blöd nur, dass ich dabei die Fronten aus Versehen zusammenschlage und nur noch mit zwei Griffen bewaffnet der Kundin gegenüberstehe – wie ein Revolverheld in einem billigen Italowestern. Wiederum zwei Wochen später habe ich die neuen Glasfronten schließlich montiert. Diesmal offensichtlich »kratzerfrei« – Gott sei Dank!

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