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Know-how geht verloren

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Know-how geht verloren

Die Furnierhersteller erwarten für 2009 ein Rekordabsatztief. Während die Möbel- und Türenindustrie sowie die kleinen Handwerksbetriebe weniger Furnier verarbeiten, entwickeln sich große Laden- und Innenausbauer zum Hauptabnehmer. Wenn Furnieren zum Randthema verkommt, geht dem Handwerk Know-how verloren. Es schlägt die Stunde der Spezialisten.

Die Produktion dekorativer Furniere ist seit Jahren in Deutschland rückläufig. Wichtige Märkte wie der Türen- oder Möbelmarkt stagnieren seit Mitte der 1990er-Jahre bzw. sind sogar rückläufig. Gleichzeitig muss sich Furnier in wichtigen Anwendungen zum einen gegen preiswerte Imitate behaupten und zum anderen gegen aktuelle Design- und Geschmackstrends (z. B. Weißlack, Materialmix).

Die Tatsache, dass die Produktionsmenge in diesem Jahr einen neuen Tiefpunkt erreichen wird, hat also nicht nur konjunkturelle Gründe, sondern ist insbesondere strukturell bedingt. Für diese strukturellen Probleme hat die Furnierwirtschaft in Deutschland in den letzten Jahren überzeugende Lösungen gefunden. Sie hat mit zahlreichen Produktinnovationen reagiert, von denen gerade der handwerkliche Verarbeiter profitiert.
Der im Juli 2009 erschienene Holzmarktbericht des Ministeriums für Ernährung Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) weist aus, dass 2008 insgesamt 180 000 fm Rohholz in deutschen Furnierwerken eingesetzt wurden. Auf dieser Basis lässt sich eine Produktionsmenge von rund 99 000 m3 dekorativer Furniere berechnen. Noch in den 1980er-Jahren wurde im damals kleineren Deutschland mehr als doppelt so viel Furnier produziert. Der Außenhandel mit dekorativen Furnieren zeigt für 2008 eine ausgeglichene Bilanz: Es wurden etwa 72 000 m3 importiert und etwa 72 500 m3 exportiert. Diese Zahlen zeigen die starke internationale Verflechtung der deutschen Furnierwirtschaft. So leidet die Furnierwirtschaft aktuell – wie alle sehr international ausgerichteten Branchen – besonders unter der Wirtschaftskrise. Für 2009 sind die Erwartungen daher auch mehr als verhalten: Die Außenhandelsstatistik weist für das 1. Halbjahr 2009 gegenüber dem 1. Halbjahr 2008 einen drastischen Rückgang sowohl im Im- als auch im Export von dekorativen Furnieren aus.
Wie besorgniserregend die Lage der deutschen Furnierwirtschaft ist, bestätigt auch der Insolvenzantrag der Furnierwerk Winsen GmbH in Winsen. Es gehört zu den wenigen großen deutschen Furniermesserwerken (nähers Seite 10).
Die jährliche Furnierumfrage von GD-Holz und IFN zeigt, dass die Möbel- und Türenindustrie als direkte Abnehmer an Bedeutung verlieren. Es profitieren auf der einen Seite die Zulieferer (z. B. Holzwerkstoff- bzw. Furnierkantenhersteller) und auf der anderen Seite die Gruppe der hochwertigen Einrichter, Ladenbauer, Nischenspezialisten (Automobil- und Yachtbau) und Tischlereien. Damit ist die Furnierverwendung gerade dort von Bedeutung, wo Furnier noch direkt in hoher handwerklicher Qualität verarbeitet wird. Jedoch gibt es hier auch einen Wermutstropfen.
Chance für Spezialisten
In den kleineren Schreinereien und Tischlereien nimmt die Furnierverwendung in den letzten Jahren ab. Abnehmer sind eher die größeren Spezialisten im Laden- und Innenausbau. Hier schlägt sich offenbar für die Furnierverwendung der allgemeine Strukturwandel im Holzhandwerk nieder, der seit rund zehn Jahren beobachtet und beschrieben wird (Ausdifferenzierung in industrielle Werkstätten, werkstattlose Betriebe/Montagebetriebe und traditionelle Werkstätten). Heute gehört die maschinelle Ausstattung zur kompetenten eigenen Furnierverarbeitung nicht mehr automatisch zum Standard einer Tischlerei. Die traditionelle Tischlerei war in der Vergangenheit ein konstanter Furnierverarbeiter. Sie steht in einer Sandwichposition zwischen industriellen Werkstätten und Montagebetrieben. Dieser Strukturwandel kann auch erklären, warum in traditionellen Tischlereien heute weniger Furnier eingesetzt wird als noch vor fünf oder sechs Jahren. Gleichzeitig verliert die Furnierverarbeitung in der Berufsausbildung an Bedeutung, sodass man einen schleichenden Verlust an Furnier-Know-how im Handwerk befürchten muss. Mit der zurückgehenden Zahl traditioneller Tischlereien verliert die Furnierwirtschaft treue Verwender, die das Material mit großer Kompetenz verarbeitet haben. Die industriellen Werkstätten könnten in Zukunft diesen Rückgang auffangen. Sie sind in der Lage, zukünftig Furnier kompetent und auch wirtschaftlich zu verarbeiten. Bei diesen Fertigungsspezialisten ist die Furnierverarbeitung jedoch heute noch eher zweitrangig und findet kein Zuhause. Gerade diese Unternehmen könnten in ihrem Produktspektrum Furnier verarbeiten und damit Zulieferer für ihre Kollegen bzw. die Industrie werden. Die Chancen, sich als Furnierspezialist im Handwerk zu etablieren, werden von Branchenexperten als gut bewertet. Die große Zahl der Montagebetriebe verarbeitet Produkte der Industrie und von industriellen Werkstätten. Sie können nur über die Integration von Furnier in einfach zu handhabenden Systemen gewonnen werden. Aber gerade diese könnten auch aus dem Handwerk selbst bereit gestellt werden.
Innovative Produkte
Neben der Furnierverwendung im Handwerk ist die Furnierwirtschaft in einem Segment erfolgreich, in dem einfach zu verarbeitende innovative Produkte angeboten werden. Abnehmer sind dabei sowohl Industrie als auch Handwerk. Unternehmen, die nicht mehr in der Lage sind, die komplette Furnierverarbeitung in ihrem Unternehmen durchzuführen, haben so die Möglichkeit, die für sie passenden innovativen Furnierprodukten einzukaufen und weiterzuverarbeiten. Dabei kann es sich um Furnierfixmaße handeln, um furnierte Holzwerkstoffplatten oder auch um fertig lackierte Kanten. Damit wird es den handwerklichen Abnehmern bei geringen Fixkosten in der Produktion leicht gemacht, Furnier einzusetzen. Die Produkte dieser Zulieferer sind ausgereift. Im Bereich der Furnierkantenherstellung z. B. sind die deutschen Unternehmen Weltmarktführer.
Schreinereien und Tischlereien können also heute sehr wirtschaftlich Furnier einsetzen und haben damit exzellente Möglichkeiten, sich im Wettbewerb zu differenzieren. Es ist daher möglich, dass gerade das Holzhandwerk dem Furnier zu einer Renaissance verhilft. Lutgart Behets-Oschmann,
Marcus Knauf

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