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Aus klein mach größer

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Aus klein mach größer

Auch kleine Betriebe, die auf engstem Raum arbeiten, haben oft ein unterschätztes Optimierungspotenzial. Hier hilft es, das gesamte Werkstattkonzept zu überdenken und um jeden halben Quadratmeter zu kämpfen. Dass sich das lohnt, zeigt die Kölner Schreinerei Friedmann. Betriebsberater Martin Buck beschreibt ihren Weg zur optimalen Werkstatt.

Martin Buck

Platzmangel ist die Konsequenz aus der intensiven Technisierung der Tischlereien und Schreinereien in den letzten 15 Jahren: Plattensäge, Kantenanleimmaschine und Bearbeitungszentrum sind inzwischen selbst in kleinen Betrieben mit lediglich zwei oder drei Beschäftigten Standard. Diese Maschinen benötigen von sich aus viel Platz und steigern den Materialdurchsatz erheblich, sodass die Fläche im ohnehin oft knapp bemessenen Bankraum nicht mehr ausreicht.
Die Schreinerei Friedmann in Köln hat hier im wahrsten Sinne des Wortes viel bewegt. Eine neu gebaute Werkstatt mit drei Mitarbeitern in der Produktion und einem Untermieter, der selbst vier Mitarbeiter in der Produktion beschäftigt. Bei einer Werkstattfläche von insgesamt 560 m² stehen jedem Beschäftigten 80 m² zur Verfügung. Aber sie teilen sich diese Fläche mit stehender Plattensäge, waagerechter CNC, Kantenanleimer, großer Formatsäge, großen Hobelmaschinen Abrichte/Dickte, Tischfräse, Furnierpresse, Breitbandschleifer, Gabelstapler, den üblichen Lagerflächen für Platten, Massivholz, Magazin mit Spritzraum und Lagerflächen für Kleinserien und Halbfertigprodukte, die phasenweise benötigt werden.
Die engen Platzverhältnisse gehen – wie oft – zu Lasten des Bankraums. Hier gilt der Ansatz, dass sich im Bankraum tatsächlich nur das befindet, was dort zurzeit auch bearbeitet wird. Im Umkehrschluss müssen maschinenfertigte Teile oder Werkstücke im Maschinenraum zwischengelagert werden. Man könnte für jedes Ding überlegen, ob man es braucht oder nicht – oder vielleicht brauchen könnte. Der effizientere Weg ist es, gedanklich zunächst alles aus Werkstatt und Lagern zu verbannen, um dann nur das, was man für die Produktion tatsächlich braucht, wieder einzuplanen.
Die Frage heißt also: Was brauche ich wofür – und nicht: Wofür brauche ich was? Konkret stellt sich beispielsweise die Frage: »Welche Fräsköpfe brauche ich tatsächlich?« Und es ist nicht hilfreich, sich an den Schrank zu stellen, und bei jedem Fräskopf zu sagen: »Den brauche ich an der Tischfräse«.
Produktionsfläche ist wertvoll
Mit den richtigen Fragen nach dem optimalen Flächenbedarf und sinnvollen Standorten wird so eine komplett neue Struktur erarbeitet, die nur das für die Produktion tatsächlich Nötige enthält. Leicht verschiebt man etwas nur von A nach B, obwohl es eigentlich nichts mehr in der Werkstatt zu suchen hat. Jede Produktionsfläche ist viel zu wertvoll, um dort Sachen zu lagern, die nicht für die Produktion benötigt werden. Es gibt Verschwendung durch Flächen, die nur dazu dienen, zu etwas zu gelangen, so wie bei den Bändern am Breitbandschleifer bei Friedmann: Sie hingen an der Wand, schon die Fläche darunter war nur noch eingeschränkt nutzbar und der Weg zur Schleifmaschine selber betrug auch noch einige Meter (Bild oben links). Jetzt wird ein Wagen genutzt, der die Bänder eng neben- und übereinander bereitstellt (Bild oben rechts). Das löst zwei Probleme auf einmal: Es wird Fläche dadurch frei, dass der Platz neben dem Breitbandschleifer doppelt genutzt wird – für die Wartung muss er nur einmal monatlich frei sein. Und die Bänder werden direkt am Nutzungsort bereitgestellt.
An vielen Stellen der Schreinerei Friedmann gab es leere Bereiche im Raum über oder unter genutzten Ebenen. Gerade bei Maschinen, auf denen in der Regel nur in einer Ebene gearbeitet wird. Kombiniert man dieses Potenzial der Flächennutzung mit dem richtigen Standort, erhält man nochmal deutliche Einsparungen. Die Schreinerei lagerte Kantenrollen im Schrank an der Wand weit entfernt von der Maschine. Jetzt befindet sich ein Regal unter dem Teller des Kantenanleimers. Es steht hier flächenneutral dort, wo die Kanten benötigt werden.
Innerbetrieblicher Transport
Eine erhebliche Flächeneinsparung erzielen Transportmittel, in denen die Werkstücke senkrecht statt waagerecht stehen. Da es fast immer Teile über 2 m Länge gibt, wird dafür waagerecht eine Fläche von etwa 1,2 m² benötigt. Beim Rangieren benötigt man noch mehr Platz. Ein Wagen für die gleichen Werkstücke im senkrechten Transport misst 900 x 800 mm, ist fast halb so groß und leicht auf der Stelle zu drehen (Bild rechte Seite, oben rechts). Sobald die Werkstücke größer sind, multipliziert sich das Problem in der Waagerechten und es wird hin- und her geschoben. Bei senkrechtem Transport bleibt die Fläche unverändert klein. Nach einer Testphase tauschte die Schreinerei Friedmann alle waagerechten Transportwagen gegen 15 senkrechte Wagen eines Typs aus. Im Layout vorher (ganz oben links) ist zu erkennen, wie viel Fläche waagerechte Transportwagen (Nr. 1 bis 9) und Paletten vor der Planung belegten und welcher Flächengewinn im Ergebnis durch senkrechte Wagen erzielt wurde (Layout nachher, darunter). Die Pufferflächen konnten genau auf dessen Maße ausgelegt werden (Bild Seite 120). Voraussetzung ist eine hohe Flexibilität des Wagentyps, damit er in jeder Transportsituation passend ist.
Was braucht man wofür?
Das Erarbeiten von Lösungen folgt im Kleinen wie im Großen der Fragestellung, was man wofür braucht. Zunächst wurde bei Friedmann in einem Workshop mit einem Holzmodell die Werkstatt nachgebaut. Die Frage nach der Anordnung von Maschinenraum, Bankraum und Spritzraum stellte sich nicht, da das Gebäude erst vor einigen Jahren errichtet wurde. In das leere Modell wurden zuerst die Maschinen der Priorität 1 (Plattensäge, Kantenanleimer, CNC) in ihre bisherige Position gestellt.
Hier waren sich alle einig, dass diese schon mit kürzestem Weg in richtiger Reihenfolge angeordnet waren. Unter der Frage »Was brauche ich wofür – Priorität 2« war dagegen der Standort der Formatsäge fraglich, weil sie oft vom Bankraum aus genutzt wurde und dafür relativ weit entfernt stand (Layout vorher, hellroter Pfeil). Auch eine gut zugängliche Freifläche für Fertiglager und Handelsware war hier letztlich genauso wichtig wie eine Stationärmaschine (Vorhersituation: dunkelroter Pfeil).
Die Erreichbarkeit der Furnierpresse hingegen wurde als untergeordnet angesehen. So ergab sich ein Tausch der Standorte: Die Formatsäge rückte dicht an den Bankraum (Layout nachher, hellblauer Pfeil), die Freifläche direkt ans Tor (dunkelblauer Pfeil). Hier reicht der Platz jetzt sogar noch für ein weiteres Plattenlager.
Die Presse steht jetzt hinten in der Halle. In dieser Art und Weise wurde mit allen Einrichtungsgegenständen der Halle verfahren. Die Werkstattmöbel wurden hier im Layout bewusst nicht eingeplant. Bei den in der Schreinerei Friedmann geltenden Platzverhältnissen sollten sie alle flächenneutral – wie oben beschrieben – integriert werden.
»Leistungsfähigkeit gesteigert«
Für Werner Friedmann ist es mit dem Beratungsprojekt gelungen, seinen relativ kleinen Betrieb tatsächlich größer zu machen: »Als ich seinerzeit in den Neubau eingezogen bin, hatten wir ausreichend Platz. Aber mit der Kapazitätssteigerung stießen wir bald wieder an Grenzen. Durch die Maßnahmen, die wir im Projekt entwickelt und umgesetzt haben, konnten wir unsere Leistungsfähigkeit erneut deutlich steigern.«

Steckbrief

Martin Buck, Tischlermeister und Industrie-Designer, berät Tischler und Schreiner, wie sie ihre Produktionsabläufe verbessern können. Er befasst sich mit den oft sehr unterschiedlichen Blickwinkeln der einzelnen Mitarbeiter und Inhaber und erarbeitet Konzepte mit ganz pragmatischen Lösungen. www.buckoptimal.de

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BuckOptimal
»Wer nur das tatsächlich Notwendige in die Werkstatt hineinlässt, arbeitet effektiver.«
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