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(K)eine Frage des Formats

Isolierglas XXL
(K)eine Frage des Formats

Glasscheiben für Fenster und Fassade werden immer größer. Unter den Glasherstellern hat in den letzten Jahren eine regelrechte Format-Olympiade begonnen. Inzwischen sind Längen bis 18 m machbar. Claudia Siegele fasst den Stand der Entwicklung zusammen.

Dipl. Ing. Claudia Siegele, Stuttgart

Die Scheibenformate sind aktuell ein viel diskutiertes Thema in der Glasbranche. Herausgefordert von den Planern, haben sich die Glashersteller auf den Wettlauf eingelassen, wer es wohl schafft, die noch größere Glasscheibe zu produzieren, zu bearbeiten und zu veredeln. Sedak ist neben Thiele Glas, AGC Interpane, Saint-Gobain und anderen einer der Hersteller, die bei der Entwicklung sogenannter XXL-Gläser den Ton angeben. Das Format bis 18 x 3,21 m schafft inzwischen jedes dieser Unternehmen, während Sedak bereits dabei ist, mit 3,51 x 20 m »die größten Gläser der Welt« herzustellen und zu veredeln. Und weil solche Formate ja auch irgendwie von A nach B transportiert werden müssen, hat der 2007 gegründete Glasveredler dafür einen Spezial-Lkw entwickelt, der 16 m lange Scheiben auf die Straße bringt – in seiner Bauart mit insgesamt 23 m der wohl längste Glas-Sattelschlepper der Welt.

Statik und Logistik

Tatsächlich ist die Herstellung der XXL-Gläser das eine – die Veredelung und die Logistik hingegen das andere, das eben auch gelöst und beherrscht sein will. Denn schließlich durchläuft eine übergroße Scheibe vom Floatglasbett bis zum Einbau an der Baustelle ebenso viele Produktionsschritte und Veredelungsvorgänge wie eine übliche Scheibe.

Die Bemessung übergroßer Gläser unterscheidet sich lediglich in den Dimensionierungen der Glasstärken (6 bis 20 mm), das Verfahren an sich ist aber wie bei gewöhnlichen Scheibengrößen. Schwieriger wird es bei statischen Fragen hinsichtlich der geeigneten Konstruktion am Einbauort. Denn Befestigungsmittel, tragende Profile und Untergründe müssen in der Lage sein, das enorme Eigengewicht der Scheiben (je nach Größe zwei bis drei Tonnen) aufzunehmen und dazu die Wind- und eventuell Schneelasten mit abzutragen. Und gelöst sein will auch die Frage: Wie bekommt man so große Scheiben an der Baustelle vom Lkw zum Einbauort – ohne zu riskieren, dass sie beschädigt werden oder komplett »verloren gehen«?

Technologien bei der Veredelung

Die Veredelungsvorgänge von XXL-Scheiben umfassen – ganz nach Wunsch des Auftraggebers – vom Bearbeiten (Zuschnitt, Bohren, Kantenbearbeitung) über das Vorspannen (TVG, ESG, Heat Soak Test), den keramischen Druck (Rollen-/Digitaldruck) bis hin zum Beschichten und Laminieren die gleichen Arbeitsschritte wie bei jeder anderen Scheibe. Selbst das Biegen ist bis fünf Meter Scheibenlänge sowohl im Ofen als auch bei größeren Scheiben durch Kaltbiegen in begrenztem minimalem Biegeradius (1500 x Glasdicke, also z. B. 12 m Radius bei 8 mm Scheibendicke) möglich. Es zeigt sich: nicht die Produktion der XXL-Scheiben allein gibt für die Anwendung den »Rahmen« vor, auch die Weiterverarbeitung und Veredelung setzt Grenzen. AGC Interpane kann ebenso wie Sedak derzeit z. B. Isolierglas bis max. 3,21 x 15 m herstellen – nur Monogläser gehen größer.

Schaltbare Gläser

Neben der Veredelung, Logistik und Montage stehen bei XXL-Verglasungen auch die Aspekte Randverbund und Sonnenschutz im Fokus. Da zumindest eine Kantenlänge auf 3,2 m begrenzt ist, steigt die Eigenlast bei größer werdender Scheibe überproportionional auf die herstellungsbedingt längenbegrenzte Schmalseite. Die Klebung des Randverbunds muss – je nach Befestigungsart der Verglasung an der Fassade – deutlich mehr leisten, um Statik und Dichtheit zu genügen. Im Gegensatz zur statischen Bedeutung nimmt die energetische Relevanz des Randverbundes bei zunehmender Scheibengröße immer mehr ab, weil dessen Wärmebrückeneinfluss im Flächenverhältnis geringer wird. Umso wichtiger wird hingegen ein verlässlicher und effizienter Sonnenschutz, der bei großen Scheiben und noch dazu in großen Höhen in konventioneller Bauart – zum Beispiel mit Raffstores – kaum möglich ist. Hier kommt zudem die Frage der Ästhetik ins Spiel: Es ist kontraproduktiv, einerseits mit überformatigen Scheiben die Transparenz einer Architektur in Szene zu setzen, um sie dann hinter Sonnenschutzanlagen zu verstecken. Zwar lässt sich mit einer Low-E-Beschichtung der Hitzeeintrag spürbar reduzieren, jedoch bleibt der Blendeffekt bei strahlendem Sonnenschein ohne Verschattung ungelöst.

Für XXL-Gläser sind schaltbare Verglasungen, wie sie zum Beispiel Saint Gobain unter der Marke SageGlass anbietet, daher geradezu prädestiniert. Die geringen Kosten für den Energiebedarf (SageGlass: 2,4 W/m2) fallen quasi unter den Tisch, wenn man bedenkt, was man an Investitionen für die Installation und Wartung von Jalousien einspart. Hinzu kommt die ständig erlebbare Transparenz im Innenraum, weil der Ausblick auch im gedimmten Zustand permanent gewährleistet ist. Die Technologie der schaltbaren Gläser unterscheidet sich durch aktiv oder passiv ausgelöste Scheibentönung. Am viel versprechendsten ist derzeit die aktive elektrochrome Variante (z.B. EControl Glas) mit innen liegender Nanostrukturbeschichtung. Diese erzeugt über eine elektrische Spannung den sogenannten »elektrochromen Effekt«, wodurch sich das Glas blau einfärbt.

Beeindruckende Referenzen

Für die Glashersteller sind die Referenzen beste Werbung, um zu zeigen, welche großartige Architektur mit XXL-Scheiben möglich ist und welche Kompetenz dahintersteckt, solche Projekte umzusetzen. Beispiele hierfür sind der Austausch der 45 Jahre alten und 13 m hohen Fassadenscheiben des UNO-Gebäudes »Konferenz der vereinten Nationen für Handel und Entwicklung« in Genf – ein Scheibenformat aus nicht vorgespanntem Glas, das für das Jahr 1971 sehr ungewöhnlich war – damals vermutlich die bislang größten je eingebauten Scheiben. Für Furore sorgten auch die 15 m hohen Fassadenscheiben für das neue Apple-Hauptquartier in Cupertino. Solche Projekte wecken bei Architekten und imagebewussten Konzernen natürlich Begehrlichkeiten, weshalb man davon ausgehen kann, dass die 20-m-Marke noch lange nicht den Schlusspunkt bei der Herstellung von XXL-Gläsern setzt.


Messe-Tipp

Die neuesten Entwicklungen rund um die Glasherstellung, -veredelung und -verarbeitung werden auf der Messe Glasstec vorgestellt, die vom 23. bis 26. Oktober 2018 in Düsseldorf stattfindet.

www.glasstec.de

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