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Der Fall Mayer

Bauelemente
Der Fall Mayer

Erhöhter Kondesatanfall an Fenstern ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen. Der Gebäudeenergieberater und Sachverständige Harald Schmidt schildert einen Fall aus seiner Beratungspraxis.

Familie Mayer bewohnt ein Haus im Schwarzwald, gebaut im Jahr 2005. Die Fenster sind aus Holz, IV 68, Verglasung Ug=1,2 W/m²K, Randverbund Aluminium. Der örtlich ansässige Schreiner hat sie fachgerecht eingebaut. Die Fensterfuge ist auch vorschriftsmäßig abgedichtet, die Funktionsfuge weist keine Mängel auf. Außenseitig ist der Fensterrahmen mit ca. 1,5 cm überputzt. Das Wohnzimmer verfügt über vier Fenster und eine Balkontür. Das Wohnzimmer und die Küche sind miteinander offen verbunden. Beheizt wird mit einer Zentralheizung und Radiatoren. Zum Einsatz kommt im Wohnzimmer auch ein Kaminofen.

Familie Mayer hat über die Wintermonate fast jeden Morgen Kondensat an den Fensterscheiben. Das Kondensat sammelt sich unten auf der Glasleiste und der Versiegelungsfuge. Auf der Versiegelungsfuge ist an jedem Fenster im Wohnzimmer und auch im Schlafzimmer ein mikrobakterieller Befall sichtbar (Schimmelpilz). Der Kaminofen ist abends fast täglich an und die Heizkörper sind heruntergedreht. Nachts hat Familie Mayer die Nachtabsenkung aktiv. Die Heizkörper stehen auf einer niedrigen Stufe. Morgens gleich nach dem Aufstehen werden die Heizkörper wieder auf Stufe 3 eingestellt (entspricht 20–21°C Raumlufttemperatur).
Was bedeuten die Ergebnisse?
Wohnzimmer. Ein Kubikmeter Luft bei einer relativen Luftfeuchte von 51,9 % und einer Temperatur von 24,9°C beinhaltet absolut 11,9 g Wasser. Obwohl in der Raummitte die relative Luftfeuchte nur bei 51,9 % liegt, beträgt sie zum Zeitpunkt der Messungen in der Scheibenmitte bereits 67,6 %. Grund: die niedrigen Temperaturen an der Scheibenoberfläche. Im Bereich des Abstandhalters liegt sie sogar bei 82,6 %!
Bereits zu diesem Zeitpunkt besteht Schimmelpilzgefahr, da Schimmelpilze ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 80 % wachsen können. Im Laufe der Nacht kühlt das Wohnzimmer auf 18 bis 19°C ab. Die Scheibenoberfläche sogar bis auf zirka 16 °C in der Scheibenmitte und 13,5°C im Bereich des unteren Randverbundes. Angenommen, die absolute Feuchte bleibt über die Nacht konstant bei 11,9 g Wasser, führt das zu einer relativen Luftfeuchte im mittleren Bereich der Fensterverglasung von 87,2 % und von über 100 % im Bereich des Randverbundes. Es entsteht Kondensat.
Wenn Familie Mayer morgens in die Küche kommt, sind die Scheiben im Wohnzimmerbereich feucht. Durch Duschen, Waschen, Kaffee kochen etc. nimmt die Feuchtigkeit weiter zu. Helfen würde jetzt ein rascher Luftaustausch. Der ist jedoch praktisch nicht möglich, da die Fensterbänke zugestellt sind und eine Querlüftung unmöglich machen.
Schlafzimmer. Ein Kubikmeter Luft bei einer relativen Luftfeuchte von 59,3 % (Raummitte) und einer Temperatur von 21°C beinhaltet absolut 10,9 g Wasser. Im Bereich der Scheibenmitte beträgt die relative Luftfeuchte 71,5 %, im Bereich des Abstandhalters 88,8 %. Über Nacht steigt die relative Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer. Bei zwei Personen muss innerhalb von sieben Stunden mit einer zusätzlichen Feuchte von 40 g/h und Person, also insgesamt 560 g, gerechnet werden. Bei einem Raumvolumen von 48 m³ sind das 11,6 g Wasser pro Kubikmeter Luft. Das führt zu einer absoluten Feuchtigkeit von insgesamt 10,9 g + 11,6 g = 22,9 g Wasser pro Kubikmeter Luft.
Das bedeutet: Irgendwann nachts wird der Taupunkt erreicht sein. Zuerst im Bereich des Scheibenrandverbundes und danach auch in der Scheibenmitte. In den frühen Morgenstunden werden auch die übrigen Bereiche im Schlafzimmer gefährdet sein, weil die Raumluft selbst in der Raummitte mit 21 °C nur 18,4 g Wasser aufnehmen kann.
Wie sieht die Lösung aus?
Familie Mayer ist gut beraten, wenn Sie mehrmals täglich querlüftet, um die relative Luftfeuchte grundsätzlich zu reduzieren. Morgens sollte ebenfalls gleich nach dem Aufstehen quergelüftet werden. Die Fenster sollten neu versiegelt werden, um den Schimmelpilz zu beseitigen. Helfen würde auch der Einsatz einer Lüftungsanlage mit Zu- und Abluft. Über Wohnzimmer, Büro und Schlafzimmer strömt über Außenwandluftdurchlässe Frischluft ein und über das Bad und das WC wird die feuchte Luft nach aussen wieder abtransportiert. Diese Investition möchte Familie Mayer nicht tätigen.
Um den Feuchteschutz zu gewährleisten, helfen auch Fensterfalzlüfter, die zwischen Rahmen und Fensterflügel eingebaut werden. Sie sind in der Lage, Feuchtspitzen abzutragen und helfen, die relative Luftfeuchtigkeit zu reduzieren. Der örtliche Schreiner hat inzwischen den Auftrag zum Einbau der Fensterfalzlüfter erhalten. Er wird in diesem Zusammenhang auch neu versiegeln.
Ob Familie Mayer ihr Lüftungsverhalten ändert und täglich mehrmals querlüftet, bleibt abzuwarten. Die Einsicht ist auf jeden Fall vorhanden.
Harald Schmidt, Gebäudeenergieberater HWK, Sachverständiger für Bewertung und Sanierung von Schimmelpilz www.fsw-energieberater.de
»Bei Kondensatproblemen und Schimmelpilzbefall steht immer zuerst der Fensterbauer unter Verdacht.« Harald Schmidt, FSW

Hintergrund Wissen ist das eine, Taten sind das andere
Die Bedeutung des richtigen Lüftens ist vielen Fensterkunden nicht klar.
Moderne Gebäude werden immer luftdichter. Die Anforderung an feste Fugen wie die Anschlussfuge von Blendrahmen zum Mauerwerk beträgt nach DIN 4108–2 a < 0,1 m³/[hm (daPa)2/3]. Für die Funktionsfuge zwischen Rahmen und Flügel verweist die EnEV auf die DIN EN 12207–1. In der Praxis werden die dort geforderten Werte von den Profil- und Fensterherstellern mitunter jedoch noch deutlich unterschritten. Werte von 0,4 – 0,5 m³/hm bei einer Druckdifferenz von 10 Pa sind bei einem Fenster heute durchaus üblich. Bezogen auf ein Prüffenster 1,23 x 1,48 m mit einer Fugenlänge von 5,08 lfm führt das zu einem Luftaustausch von lediglich 2,08 m³ Luft pro Stunde. Das ist nicht viel. Geht man von einem Raumvolumen von 60 m³ (5m x 5m x 2,4m ) aus, bedeutet das, dass bei zwei Fenstern à 1,23 x 1,48 m ein Luftwechsel über die Funktionsfuge von nur n = 0,07 stattfindet.
Diese hohe Dichtigkeit stellt gegenüber früher sehr hohe Anforderungen an das Lüftungsverhalten der Bewohner. Erfahrungen zeigen, dass in vielen Fällen, in denen es zu Kondensatbildung und Schimmelpilzen kommt, einfach zu wenig oder falsch gelüftet wird oder sonstige nutzerabhängige Ursachen vorliegen.
Die Heizperiode 2008/2009 war geprägt durch sehr kalte Perioden. Täglich kamen Anrufe oder E-Mails von Hauseigentümern und Mietern. Der Grund: Kondensat an Fensterrahmen und Glas. In fast allen Fällen waren die Anrufer anfangs davon überzeugt, dass der Fehler beim Fenster zu finden ist. Von den 13 Fällen, die ich diesen Winter vor Ort untersucht habe, waren neun auf ein falsches Nutzerverhalten zurückzuführen und nur vier auf einen Mangel am Fenster bzw. der Fenstermontage. Überraschend war, dass die Bewohner durchaus wussten, was richtig lüften bedeutet, nämlich Fenster komplett öffnen und für eine Querlüftung sorgen. In fast keinem der 13 Fälle wurde dies jedoch konsequent praktiziert. Zwar wurde das behauptet, doch konnte die Aussage schnell widerlegt werden, weil Querlüften zum Teil gar nicht möglich war. Die Fenster waren zugestellt mit Pflanzen und Ähnlichem. Harald Schmidt
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