Startseite » Betrieb » Marketing & Betriebsführung »

»Wir setzen den Plan um«

Marketing & Betriebsführung
»Wir setzen den Plan um«

Der Begriff Industrie 4.0 ist in aller Munde. Was man alles darunter verstehen kann, welche Ziele sich damit realisieren lassen, wie das überhaupt funktioniert und was Industrie 4.0 nicht kann, sagt Arno Sturm von 3Tec im dds-Interview.

Herr Sturm, Ihr Ingenieurbüro 3Tec realisiert Industrie 4.0 in der Möbelindustrie. Welchen Nutzen bringt das den Betrieben?

Das hängt davon ab, was man unter dem Begriff versteht. Das ist ein riesiger Themenkomplex. Für den einen ist es die vernetzte Produktion, für den anderen ein durchgängiger und automatisierter Informationsfluss vom Kunden bis zur Maschine. So erzeuge ich die Produktionsdaten bereits beim Erfassen des Kundenauftrags: keine doppelte Arbeit, keine Fehler und die Gewissheit, dass am Schluss alles zusammenpasst. Diesen Nutzen bringen auch die gängigen CAD/CAM-Systeme, wie sie auch im Handwerk eingesetzt werden.
Gibt es noch weitere Aspekte?
Ja, viele. Für andere Hersteller ist auch das Internet der Dinge sehr nützlich, das heißt, dass die Intelligenz in der Fertigung immer höher wird. Fertigungsstationen erlangen den Rang einer Intelligenz im Betrieb. Sie melden sich selbstständig und beeinflussen damit den Produktionsfluss.
Ist das etwas Neues?
Wir realisieren das, was heute Industrie 4.0 heißt, eigentlich schon seit 30 Jahren. Dabei geht es um das Automatisieren der Produktion und das Erfassen von aktuellen Informationen aus der Produktion. Das erlaubt dann beispielsweise eine Stückzahl-1-Fertigung mit der Leistung einer Serienproduktion. In der deutschen Küchen- und Büromöbelindustrie ist das heute weitgehend Standard. Betriebe aus anderen Teilbranchen ziehen nach.
Welche Hausaufgaben hat denn ein Möbelhersteller zu erledigen, damit er von Industrie 4.0 profitieren kann?
Er muss ein ERP-System (Enterprise-Resource-Planning) installieren, früher hieß das PPS (Produktions-, Planungs- und Steuerungssystem). Damit plant das Unternehmen seine Ressourcen und legt fest, zu welchem Termin es was herstellen kann. Damit das funktioniert, müssen alle Stücklisten vollständig und sorgfältig angelegt sein. Darüber hinaus braucht der Möbelhersteller ein Fertigungsleitsystem MES (Manufacturing Execution System). Es kümmert sich um die Umsetzung dessen, was das ERP-System vorgibt. Unser Kerngeschäft sind MES-Systeme für die Möbelindustrie. Sie agieren auf der Feinplanungs- und Handlungsebene, auf der auch Industrie 4.0 ansetzt. Man kann sich das als ein Netzwerk vorstellen, das sich über die ganze Fabrik erstreckt und alle Aktionen koordiniert.
Welche Infos gehen durchs Netz?
Die wichtigste Information ist immer der Stand der Produktion. Im Betrieb haben wir Informations- oder I-Punkte, sind darüber mit den einzelnen Maschinen direkt vernetzt und wissen jederzeit, wo die Produktion gerade steht, also welche Arbeiten erledigt sind und welche noch anstehen. Nach jedem Takt melden die Säge, die CNC oder die Bohrmaschine, welche Aufgaben sie soeben erledigt haben. An Handarbeitsplätzen scannt der Mitarbeiter ein Barcodeetikett am Werkstück ein und meldet damit, ob ein Teil fertig ist oder bucht es als Ausschuss und initiiert damit einen Auftrag zur Nachproduktion.
Wie funktioniert die Feinplanung?
Das ERP-System liefert uns die Aufträge, wir übernehmen die Feinplanung und lasten sie ein. Dabei berücksichtigen wir alle Informationen von den I-Punkten. Die Betriebswirklichkeit macht es dem Planer nicht leicht: Eine Maschine fällt aus oder es fehlen Mitarbeiter. Das ERP-System weiß von alldem nichts. Wir nehmen jedoch zur Kenntnis, wenn es, aus welchem Grund auch immer, nicht nach Plan läuft, bereiten die Informationen der I-Punkte auf und bringen Transparenz in die Fabrik. Mit unserer Software erkennt der Planer Probleme und kann sie mithilfe von Prognosewerkzeugen lösen.
Kommunizieren auch weitere Menschen mit dem MES-System?
Jeder Maschinenbildschirm ermöglicht den Zugang zur Software. So sind alle stets voll im Bilde und können sich sinnvoll einbringen. Meldet beispielsweise der Kollege an der CNC den Ausschuss einer Front, so poppt ein Fenster am Sägebildschirm auf und bestellt die Nachfertigung. Läuft an der Säge noch der gleiche Farbton, so ist das Problem im Nu gelöst und der Bildschirm der Kantenanleimmaschine meldet, dass die neue Front zum Abholen bereitliegt.
Damit haben Sie ein Beispiel für sich selbst regelnde Prozesse genannt, bei dem Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten. Geht das auch vollautomatisch?
Nein, die komplette Optimierung gibt es nicht. Der Planer beziehungsweise jeder Mitarbeiter in seinem Bereich entscheidet, wir geben ihnen die nötigen Informationen und Werkzeuge.

40132893

dds-Redakteur Georg Molinski führte das Interview mit Arno Sturm, Mitgesellschafter und Mitbegründer des Ingenieurbüros und Softwarehauses 3Tec.

Steckbrief

  • 3Tec gilt als der weltweit führende Anbieter von Fertigungsleittechnik für die Möbelindustrie. Arno Sturm, Bernd Beckmann und Markus Jass gründeten 1997 das Büro. Heute beschäftigen sie 60 Mitarbeiter.
  • 3Tec Automation GmbH & Co. KG 32602 Vlotho, www.3tec.de
Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 5
Aktuelle Ausgabe
05/2022
EINZELHEFT
ABO
Frühjahrsneuheiten 2022
dds-Zulieferforum
Tischlerhandwerk in Zahlen

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds-Gewinnspiel

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »