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»Wichtig ist eine Vision«

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»Wichtig ist eine Vision«

Kathrin-Luise Stumpf ist Schreinerin und diplomierte Produktdesignerin. Die junge Stuttgarterin arbeitet als »Interior Architect« in Melbourne. Wie wurde aus dem Australientraum Wirklichkeit?

Kathrin-Luise Stumpf

Nach vier Wochen Urlaub in Europa sitze ich wieder im Flugzeug. In 28 Stunden werde ich in Melbourne landen. Und bis dahin kann ich nachdenken, wie es dazu kam, in Australien zu leben und zu arbeiten. Vor einem Jahr und vier Monaten habe ich Deutschland den Rücken gekehrt. Freunde und Kollegen beneideten mich: Dies sei immer ihr Wunsch gewesen, sie hätten sich aber nie aufraffen können. Ich verließ Wohnung, Arbeit, Freunde und Familie, um Neues zu erleben. Und in zwei Tagen werde ich wieder in Melbourne zur Arbeit gehen.
Seit zwei Monaten arbeite ich als »Interior Architect« für John Wardle Architects, ein mittelgroßes Büro im Stadtzentrum von Melbourne. Zuvor war ich als »Interior Designer« in einem der größten Architekturbüros Australiens tätig. Schon früh zeigte sich der Wunsch, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen: Goldschmied, Innenarchitekt, Designer, Restaurator … Letztlich habe ich mich für Produktdesign und vorher zu einer Schreinerlehre entschlossen. Ein Praktikum hätte gereicht. Doch ich wollte die Lehre machen, um Ahnung von Möbelbau, Konstruktion und Zeichnen zu haben. Die Lehre war hart, körperlich und psychisch. Aber ich habe verdammt viel gelernt. Es waren nicht nur handwerkliche Fähigkeiten und technisches Verständnis, sondern vor allem auch mit Leuten umzugehen, mich Problemsituationen zu stellen, niemals aufzugeben und vor keiner Herausforderung Angst zu haben!
Die Lehre öffnet mir heute viele Türen. Als diplomierte Produktdesignerin kann ich an Innenarchitekturprojekten arbeiten, kann konstruktive Lösungen anbieten, Konstruktionszeichnungen erstellen und mit Handwerkern auf einer Ebene diskutieren. In Australien erfahre ich eine große Anerkennung, da es meist sehr ungewöhnlich ist, dass Frauen ein Handwerk ergreifen. Im Nachhinein denke ich, dass die Schreinerlehre vielleicht die wichtigste Station auf meinem beruflichen Weg war. Nach der Lehre habe ich mich für Produktdesign entschieden. Nach kurzer Zeit an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden setzte ich mein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart fort. Eine wunderschöne Zeit! Selbstständiges Arbeiten, alle nur erdenklichen Werkstätten um Projekte umzusetzen, natürlich auch Parties, Exkursionen und Gespräche… Während des Studiums arbeitete ich in verschiedenen Design- und Architekturbüros, und vor meinem Abschluss noch ein Semester in einem holländischen Designbüro in Delft. 2003 machte ich mein Diplom als Produktdesignerin.
Hauptsache weg …
Was tun, welchen Schwerpunkt, welche Richtung? Um sich zu bewerben, war die Erstellung einer Mappe das Wichtigste. Dann Absagen, Einstellungsstopp, Frust und Enttäuschung. Gelegenheitsjobs, befristete Arbeiten in Designbüros und nicht erfolgreiche Bewerbungen. Was war aus meinen Träumen und Visionen geworden? Meine Mitbewohnerin, die in Australien war, erzählte mir, wie schön es dort sei. Da im Sommer dieses Jahres kein Job mehr zu bekommen war, wollte ich zuerst einmal Urlaub machen. Kein Geld. Ein Anruf bei DaimlerChrysler, und zwei Tage später begann ich meinen Job am Band in Untertürkheim. Einen Monat schichten und der Urlaub war finanziert! Auf nach Australien …
Sydney ist eine fantastische Stadt! So fantastisch, dass ich nach zwei Monaten beschloss, nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern ein Jahr mit Work & Holiday-Visum zu arbeiten. Im Internet und den Gelben Seiten suchte ich nach Büros. Es war nicht einfach, mit meinem Schulenglisch anzurufen und nach Arbeit zu fragen. Nach intensiver Suche bekam ich ein »Jobinterview« in einem kleinen Büro. Ich begann ohne Bezahlung zu arbeiten, mit der Aussicht, länger bleiben zu können. Von der FH in Stuttgart bekam ich dann eine Adresse von »Designfocus«. Es war ein kleines Innenarchitekturbüro in Sydney und ich konnte dort sofort als »Assistent Interior Designer« anfangen.
Neun Monate lebte und arbeitete ich in Sydney. Ich lernte viel, vor allem die Sprache. Doch dann war die Zeit vorbei. Unter Tränen gings zurück ins herbstliche Stuttgart! Ohne Job, ohne Geld und ohne eigene Wohnung. Wohl oder übel musste ich wieder bei meinen Eltern einziehen. Ich wollte schnell wieder weg aus Stuttgart. Aber ohne Geld? Also wieder alles von vorne: Bewerbungen, Telefonate, Mails. Im Dezember 2004 begann ich im Büro Blocher, Blocher und Partners in Stuttgart zu arbeiten. Ich plante Shops in Paris, Tokio, Dubai und Ho Chi Minh City und hatte Baustellen vor Ort zu überwachen. Die Aufgabe war verbunden mit enormen Zweifeln: Kann ich das? Ich konnte.
Ich lernte meinen jetzigen Partner kennen, der einen Vertrag mit einer australischen Firma unterschrieben hatte. Keine Frage, ich entschloss mich mitzugehen. Also wieder Mappe machen, Adressen finden, Bewerbungen versenden. Nach einigen Vorstellungsgesprächen begann ich im Mai 2006 bei Peddle Thorp Architects in Melbourne als »Interior Designer« zu arbeiten.
Das Arbeitsleben ist übrigens sehr viel entspannter als in Deutschland, auch in den Architekturbüros gibt es selten lange Nächte. Die ersten Wochen war ich irritiert, dass freitagnachmittags das Büro fast leer war. In Deutschland undenkbar.
Es ist wichtig, eine Vision zu haben. Doch es gibt kaum einen planbaren Weg. Zufälle, Empfehlungen, Glück – vieles kommt anders als gedacht. Was man daraus macht, ist vom eigenen Engagement abhängig. In vielen Dingen vermisse ich Deutschland. Doch es ist eine unglaubliche Erfahrung, für längere Zeit im Ausland zu arbeiten, sich durchzusetzen trotz Sprachschwierigkeiten, fremder Umgebung, anderer Sitten und entfernt von Familie und Freunden. Die ersten Monate sind hart und ernüchternd. Doch wenn man sich behauptet, erfolgreich ist und sich eingelebt hat, dann ist man stolz und zufrieden. Ich würde es wieder so machen!
»Die Schreinerlehre war eine der wichtigsten Stationen in meiner Berufsausbildung.«
Kathrin-Luise Stumpf
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