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Der Feldzug der Küchenriesen

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Der Feldzug der Küchenriesen

Die vier größten deutschen Küchenmöbelhersteller verfolgen atemberaubende Wachstumspläne. Gemeinsam produzieren sie bereits jetzt mehr als der deutsche Mark nachfragt. Gleichzeitig melden alteingesessene Mittelständler Sanierungsbedarf an.

Im ostwestfälischen Verl bemüht sich die größte Firma am Ort gerade um 250 000 m2 zusätzliche Fläche: Nobilia will weiter wachsen. 40 km nordöstlich im Kreis Herford beschäftigt der stärkste Wettbewerber gleich drei Kommunen mit seinem Flächenbedarf: 300 000 m2 melden Häcker Küchen an. Nobilia und Häcker sind die Nr. 1 und die Nr. 2 der deutschen Küchenmöbelindustrie und verfügen bereits heute über 24 beziehungsweise zwölf Hektar Produktionsfläche. Beide haben im letzten Jahrzehnt Belegschaft, Produktion und Umsatz mindestens verdoppelt. Sie stehen wie kein anderer für den atemberaubenden Siegeszug deutscher Küchen in aller Welt.

Seit 2015 ist der Küchenbauer aus Verl der erste Umsatzmilliardär der Branche. Häcker überschritt ein Jahr später erstmals die 500-Millionen-Euro-Grenze. Zusammen mit Schüller aus dem fränkischen Herrieden und Nolte aus Löhne im Kreis Herford können die beiden als Big Four der Branche schon heute den kompletten deutschen Einbauküchenbedarf decken. Und jetzt wollen sie noch einmal auf das Doppelte wachsen? Der Expansionshunger der Küchenriesen hält nicht nur örtliche Natur- und Landschaftsschützer in Atem. Auch die Konkurrenz ist alarmiert. In einer einzigen Woche meldeten Ende Februar vier alteingesessene Mittelständler bei Insolvenzrichtern Sanierungsbedarf an: Zeyko, Allmillmö, Nolff und Nieburg. Mittelgroße Mitbewerber wie Störmer, RWK und Brigitte-Küchen veröffentlichten zuletzt (2015) negative Jahresergebnisse.
Firmenverkäufe und Insolvenzen
Eine Serie von Firmenverkäufen offenbart erhebliche Unruhe im Markt: Die Nobelmarke Poggenpohl (Herford), zuvor 30 Jahre in schwedischer Hand, gehört seit Februar dem Münchner Finanzinvestor Adcuram. Bei RWK/Kuhlmann (Enger, Kreis Herford) ist der chinesische Möbelkonzern Boloni eingestiegen. Impuls-Küchen (Brilon) ging von Alno an die Steinhoff-Gruppe. Optifit (Stemwede) wurde vom Geschäftsführer Brecklinghaus übernommen, Störmer (Enger, jetzt Rödinghausen) vom Manager-Duo Fughe/Otto. Pronorm gehört dem niederländischen Händler Mandemakers. Und so weiter. Ein Dutzend Insolvenzen – von Ebke bis E&K, von Geba bis Klostermann – hat den Kreis der Wettbewerber verkleinert.
Der schwedische Nobia-Konzern, einst auf dem Weg zur Nr. 1 in Europa, hat sich inzwischen vom Produktionsstandort Deutschland ganz verabschiedet. Die ebenfalls börsennotierte Alno AG, seit über einem Jahrzehnt in roten Zahlen, macht vor allem mit wolkigen Schlagzeilen über Joint Ventures in Russland und China Schlagzeilen und gehört inzwischen der bosnischen Prevent-Gruppe, die mit Nachrichten über die Verlagerung der Auftragsbearbeitung auf den Balkan Verwirrung stiftet.
Dagegen expandieren Nobilia und Häcker vom Heimatstandort aus. Obwohl Küchenmöbel sich nicht stapeln lassen und viel Frachtraum benötigen, ist der Aufbau von Produktionsstandorten im Ausland, etwa in China, bislang kein Thema – der Transport auch über große Entfernungen und Kontinente ist trotz Lkw-Maut wirtschaftlicher. Basis ihrer Expansionsstrategien ist ein hoher Automatisierungsgrad. Einbauküchen sind oft aus mehreren Hundert Einzelteilen zusammen gesetzt, die Auswahl an Oberflächen, Farben, Materialien und Features wächst monatlich. Das erfordert eine ausgeklügelte Fertigungsleittechnik unter direkter Einbeziehung zahlreicher Zulieferer. Deutschlands große Küchenbauer machen ihre Serienfertigung immer flexibler – die legendäre Losgröße 1 ist trotz unendlicher Varianzen längst keine Utopie mehr. So werden auch anspruchsvollere Küchenmodelle zu erschwinglichen Preisen herstellbar.
Der Durchschnittspreis je verkaufter Küche steigt. Zugute kommt der Branche eine anhaltend rege Bautätigkeit. Jeweils um die 300 000 Wohnungen benötigen pro Jahr eine Küchen-Ersteinrichtung. Auch bei Umzügen werden gern wieder neue Küchen eingebaut. Doch das reichte im letzten Jahr nur noch zu einem Inlands-Umsatzplus von knapp zwei Prozent; in den Jahren zuvor lagen die Zahlen nicht höher. Entscheidend für Wachstum und Wachstumserwartungen der Nobilias und Häckers ist die Nachfrage aus dem Ausland. Der Export der Branche wächst deutlich stärker als der Inlandsumsatz.
Inzwischen gehen 40 Prozent der in Deutschland gebauten Küchen in den Export – preiswerte Zerlegtware für Baumärkte ebenso wie Luxusküchen. Wobei der Exportanteil der Edel-Manufakturen von Siematic, Bulthaup, Poggenpohl oder Eggersmann noch deutlich höher ist. Laut der Außenhandelsstatistik des Verbands der deutschen Küchenmöbelindustrie wird das Außenhandelsvolumen der Küchenbauer 2017 die Zwei-Milliarden-Grenze überschreiten. Küchenimporte nach Deutschland sind dagegen kaum greifbar – allerdings auch deswegen, weil verlässliche Zahlen über die Küchenumsätze von Ikea nicht vorliegen. Die einst für ihr Design gepriesenen Italiener spielen allenfalls im Luxussegment noch eine, kleine, Rolle. Ebenso wenig fassen Frankreichs große Hersteller Fuß diesseits des Rheins.
Die Konzentration setzt sich fort
Ein Ende des Exportbooms für deutsche Küchen ist nicht in Sicht. Die Expansionspläne in Verl und um Rödinghausen geben eine Ahnung von den Erwartungen. Die Konzentration setzt sich fort und drängt weiterhin die Kleinen immer mehr in Nischen ab oder zwingt sie zur Aufgabe. Nur wenige werden sich von diesem Trend absetzen. Im Preiswettbewerb haben die Kleineren längst keine Chance mehr, eher noch im Service. Auch im Design wird die Differenzierung immer schwieriger. Dass sie trotzdem möglich ist, zeigen Familienunternehmen wie Ballerina, Bauformat, Rotpunkt – oder die Küchenmanufaktur Eggersmann in Hiddenhausen. Vom Volumen her fallen sie allerdings im Wachstumsrausch der Mengenlieferanten kaum ins Gewicht.

der deutschen Küchenproduktion gehen in den Export

40 %

Inzwischen gehen 40 Prozent der in Deutschland gebauten Küchen in den Export. Dazu gehört die preiswerte Baumarkt- ebenso wie die Luxusküche.

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Als Wirtschaftsredakteur bei der Neuen Westfälischen hat Hartmut Braun die Möbel- und speziell die Küchenmöbelindustrie ein ganzes Berufsleben lang begleitet und gilt unter den Journalisten als der Kenner der Branche.
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