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»Eine saubere Sache«

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»Eine saubere Sache«

Furnierleim steht für lästiges Säubern. Außerdem bringt er Wasser ins Werkstück. Dieses quillt und zeigt eine unruhige Oberfläche. Manch ein Industriebetrieb klebt deshalb mit Folie – eine saubere Sache. Willi Brokbals von der Meisterschule Ebern hat recherchiert, ob damit nun ein neues Klebezeitalter in Schreinereien anbricht.

Beim Anrühren des Furnierleims wählt er die Menge üppig und bedenkt seine Kleidung und so manchen Gegenstand großzügig mit der klebrigen Flüssigkeit. Der Schreiner verteilt den Harnstoff-Formaldehyd-Klebstoff auf der Platte, legt Furnier auf und verpresst es. Immer wieder zeigt sich Leimdurchschlag. Der Kunde wird die so vermurksten Oberflächen wohl reklamieren. In der Presse herausgequollener und abgetropfter sowie durchgeschlagener Klebstoff zieht die Furnierpresse in Mitleidenschaft. Also muss der Schreiner die Heizplatten reinigen. Außerdem liegt da noch der verklebte Leimroller. Die Lagerschrauben der Leimwalze kann er nur noch gewaltsam mithilfe einer Zange lösen. Mühsam wäscht er den Klebstoff ab und schneidet das Gewinde nach. Solch eine Szene spielt sich tagtäglich in vielen Schreinereien ab.

Der Anstoß. Von Zeit zu Zeit bilden sich bei uns an der Meisterschule Ebern Gesellen aus der Industrie zum Schreinermeister weiter. Verständnislos sehen sie dem feuchten Treiben beim Furnieren zu. Zum Erstaunen der übrigen Kursteilnehmer erklären sie dann, dass sie mit Leimfolien arbeiten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die trockenen Folien werden mit einem Cuttermesser zugeschnitten zwischen Furnier und Trägermaterial gelegt und dieses Sandwich gepresst – fertig! Eine saubere Angelegenheit, die beim Schreiner noch nicht angekommen ist. Die Vorbereitungen zum Furnieren sind vergleichsweise gering, Leimdurchschlag ist ausgeschlossen und das ganze lästige Anrühren und Reinigen entfällt. Überstehende Folie bleibt nicht an den Pressblechen kleben. Man holt sie mit dem Werkstück aus der Presse heraus.
Die Recherche. Ich musste mir diese Folien besorgen und ausprobieren. Meine Anfragen weisen die mir bekannten Verarbeiter solcher Leimfolien freundlich, aber dennoch bestimmt ab. Sie möchten ihr Know-how nicht preisgeben.
Die Verarbeiter schweigen
Die Internetrecherche ergab: Es handelt sich um Harzfolien aus Phenol- oder Melaminharz, der Begriff »Leim«-Folien ist fachlich falsch. Auf der Messe Holz-Handwerk befragte ich im März 2012 die Hersteller von Furnierpressen. Kein einziger hatte von diesen Folien gehört. Endlich hatte ich zwei Hersteller dieser Wunderfolien gefunden: Surfactor Germany GmbH und Hans Schmid GmbH. Jetzt würde alles ganz einfach und schnell gehen. Doch mein unerschütterlicher Optimismus wurde wieder auf eine harte Probe gestellt.
Die Hersteller halten sich zurück
Die Internetseite von Surafaktor Germany gibt’s nur in englischer Sprache und sie lässt mich nicht in tiefere Informationen blicken. Auch am Telefon kam ich nicht weiter. Doch plötzlich hatte ich den richtigen Mann an der Strippe. Der Hersteller Hans Schmidt GmbH im westfälischen Gronau, der seine Harzfolien schreinerfreundlich als Leimfilme bezeichnet, zeigte sich aufgeschlossen und auskunftsfreudig.
Das Material. Die Leimfilme sind mit wässrigem phenol- und/oder melaminharzgetränkte Natronkraftpapiere. Sie sind sehr dünn, wiegen 30 bis 40 g/m² und sind mit etwa 60 g Harz beschichtet: So ergeben sich rund 100 g/m². Die thermoreaktiven Harze haben noch ein geringes Fließverhalten und vernetzen unter Hitze und Druck zu Duroplasten. Jedem Schreiner sind sie bekannt: Es sind die braunen Unterschichten der mit Melaminharz beschichteten HPL-Platten.
Die drei zum Furnieren am besten geeigneten, leicht transparenten Leimfilme sind in den Farben »Natur«, »Rotbraun« und »Braun« zu haben. Die Mindestreaktionszeittemperatur, die zum Auslösen der Vernetzung erforderlich ist, liegt bei etwa 120 °C. Abhängig von den zu verbindenden Materialien, deren Dicke, Leitfähigkeit usw. variieren die Presszeiten. Mit bis zu 180 °C zu verpressende Leimfilme ermöglichen Taktzeiten von zwei bis drei Minuten.
Verpackung, Lagerung, Handhabung. Die Harzfolien sind als Rollen oder Zuschnitte, in Folie verpackt und bei 17 bis 35 °C sowie 50 bis 75 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit zu lagern. Dann beträgt die Haltbarkeitsdauer etwa zwei bis sechs Monate. Lichteinfall und hohe Temperatur verkürzen diese Zeit erheblich. Da die Folien mit etwa sieben Prozent Restfeuchte konditioniert sind, verdoppelt eine um 10 °C erhöhte Lagertemperatur die Reaktionsgeschwindigkeit: Die Folien sind dann nur halb so lange lagerfähig. Folienreste sind daher wieder sorgfältig in Folie zu verpacken.
Weil beim Zuschnitt scharfe Kanten entstehen können, empfehlen die Hersteller, Handschuhe zu tragen. Die zugeschnittenen Folien reißen zwar nicht leicht ein, dennoch erfordern sie ein behutsames Handhaben.
Und was spricht dagegen?
Die Firma Hans Schmidt produziert im Jahr etwa 220 Millionen Quadratmeter imprägnierte Papiere. Hauptabnehmer sind die Zulieferer der Automobilindustrie, Furnierplatten- und Holzwerkstoffplattenhersteller, die mit Folien ihre Spanplatten beschichten. Der erforderliche logistische Aufwand, um Kleinabnehmer zu beliefern, ist enorm. Selbst Abnahmemengen von 50 oder 100 m² sind in diesem Sinne Kleinstmengen. Versuche externer Firmen, ein Handelsnetzwerk, vergleichbar mit denen der Holz-und Holzwerkstoffhändler aufzubauen, ist bisher gescheitert. Wie beim Schreiner ist auch hier die Lagerung kostspielig. Außerdem erscheint die Konfektionierung für Endabnehmer aufwendig. Die begrenzte Lagerfähigkeit erfordert zudem eine gute Arbeitsvorbereitung. Harnstoff-Formaldehyd- und PVAC-Klebstoff sind jederzeit schnell verfügbar und sie altern fast nicht.
Eine gravierende Bremse für die Leimfolien im Handwerk ist sicherlich die in der Regel auf 100 oder 110 °C begrenzte Temperatur der Heizplatten in den Furnierpressen.
Es scheitert am Vertrieb
Es liegt nicht am Schreiner, dass er keine Leimfolien einsetzt. Zwar sind die Vorteile verlockend, doch zu viele Hindernisse liegen noch auf dem Weg vom Hersteller zum Kleinabnehmer. Eine Änderung ist nicht in Sicht – alles bleibt beim Alten, Bewährten. Willi Brokbals

Kontakte
Leimfolien: Surfactor Germany GmbH 38170 Schöppenstedt, Tel.: (05332) 92-0,www.surfactor.com
Hans Schmid GmbH & Co. KG 48599 Gronau, Tel.: (02562) 5071 Fax: 25891, www.schmid-kg.de
Autor: Willi Brokbals ist Holztechniker und Fachlehrer an der Meisterschule Ebern, Tel.: (09531) 9236-0
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