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Robotik für den Tischler: Shaper Tools CEO Joe Hebenstreit im dds-Interview

Shaper Tools CEO Joe Hebenstreit im dds-Interview
Robotik für den Tischler

Seit einem Jahr ist die Hand-CNC Origin in Europa lieferbar. Im zweiten Interviewteil mit dds-Redakteur Hubert Neumann erklärt Shaper Tools CEO Joe Hebenstreit deren Einzigartigkeit. Sie bietet Nutzern die Präzision der Robotik und belässt zugleich den Menschen im Mittelpunkt.

Shaper Tools – bisher nur ein »Ein-Produkt-Unternehmen“. Reicht das auf Dauer? (Schwester Festool ist mit vielen Produkten dauerpräsent).

(Lacht) … Nun ja, Festool gibt es seit 96 Jahren – ein kleiner Vorsprung. Schau in ein paar Jahren wieder bei uns rein! Aber Spaß beiseite, wir entwickeln natürlich ständig neue Produkte, die darauf abzielen, echte Probleme der Anwender zu lösen und sie dabei zu begeistern. Shaper beabsichtigt nicht ein »me too«-Unternehmen zu sein und sich in jeder Werkzeugkategorie anhand von Spezifikationen zu unterscheiden. Anstatt uns breit aufzustellen, konzentrieren wir uns darauf, Lösungen zu liefern, die kein anderer Werkzeughersteller anbieten kann.

Wo kommen die nächsten elementaren Innovationssprünge?

Over-the-Air (OTA) aktualisierbare Software ermöglicht es, die Leistung und Fähigkeiten unserer Maschinen kontinuierlich zu verbessern. Welche anderen Elektrowerkzeuge werden mit der Zeit besser? Grundsätzlich sprechen wir nicht über zukünftige Produktpläne. Man kann aber davon ausgehen, dass wir weiterhin die Grenzen von Hardware, Software und zugehörigen Dienstleistungen verschieben und so unseren Anwendern außergewöhnliche neue Möglichkeiten bieten.

Verorten wir Shaper bisher falsch in der Rubrik »Elektrowerkzeuge«? Wären »CNC-Technik« oder »Digitaler Dienstleister« zutreffender?

Na ja, dds scheint ja noch keine Rubrik zu haben für »Robotik, die den Menschen im Mittelpunkt sieht«. Also werden wir wohl mit »E-Werkzeugen« vorlieb nehmen müssen. Tatsächlich passen wir nicht so richtig in eine Schublade. Mit der Baugröße eines Elektrowerkzeugs ist die Origin ein vertrautes Tool, sie ist aber zugleich in der Lage, Digitalisierungvorteile für Handwerker zu eröffnen. Etwas allgemeiner ausgedrückt: Shaper befindet sich an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Arbeitsabläufen. Wir entwickeln nicht nur »physische« Werkzeuge, sondern auch Software und Dienstleistungen, die unseren Anwendern komplett neue Lösungen in ihren Werkstätten oder auf der Baustelle bieten.

Wie bleibt die Leidenschaft für den Werkstoff Holz mit all seiner Sinnlichkeit, wie Haptik, Duft, erhalten – wenn nun Datenkompetenz zählt?

Ein klares Ziel von Shaper ist es, dass die Anwender keine Digitalexperten sein müssen. Origin ist immer noch ein manuelles, also handwerkliches Werkzeug zur Holzbearbeitung und wurde so konzipiert, dass es mit bestehenden Arbeitsabläufen koexistiert. Für den Handwerker bringt die händische Interaktion enorme Vorteile mit sich. Er hat während des gesamten Prozesses die Kontrolle und ist sogar in der Lage, während des Prozesses Anpassungen vorzunehmen, was mit einem vordefinierten CAD/CAM-Workflow nicht möglich wäre. Die Origin macht die Digitalisierung sofort vertraut – sie verpackt sie in die Baugröße und das kontinuierliche Bedienkonzept eines E-Werkzeugs. Ohne sich mit der Technologie zu verzetteln, können Anwender ihre Fähigkeiten mit unvergleichlicher Präzision und Effizienz verbessern.

Aktuell setzen alle Unternehmen auf Digital- und Social-Media-Formate als Messe-Alternativen. Wie sieht die Shaper-Lösung aus?

Unsere »Shaper Sessions« sind eine großartige Möglichkeit, direkt mit unseren bestehenden und potenziellen Anwendern in Kontakt zu treten. Die Sessions sind ein zweiwöchentliches Livestream-Format, in dem wir ein bestimmtes Thema gemeinsam mit den Nutzern diskutieren, gefolgt von interaktiven Fragen und Antworten. Die Themen sind breit gefächert und reichen von Grundlagen-Demos zur Funktionsweise und Profianwendungen über Design-Software-Tutorials bis hin zu Live-Builds und Diskussionen mit verschiedenen Branchenexperten. Wir bekommen sehr positive Reaktionen auf dieses Format und viele Anwender geben an, dass sie sich außerordentlich unterstützt fühlen, da sie kontinuierlich Neues lernen.

»Shaper Assist« – was darf man unter dem neuen Tool verstehen?

Viele Kunden beherrschen kein CAD oder digitales Design und wollen es auch gar nicht. Sie ziehen es vor, auf Papier zu skizzieren. Sie skizzieren oder beschreiben ihr Projekt, machen davon ein Foto, senden es an Shaper Assist und bekommen ein faires Angebot für die Fertigung des Projektes mit der Origin. Die Fräsdateien werden erzeugt und direkt an ihr ShaperHub-Konto in der Cloud gesendet. Die Assist-Spezialisten verstehen nicht nur die CAD-Aspekte, sondern liefern Input zu Materialien, Fräsern und Maschineneinstellungen für die spezifischen Anwendungen. Selbst digital versierte Tischlermeister verlassen sich auf Assist als verlängerte digitale Werkbank und bekommen so Luft für weitere lukrative Aufträge.

Seit gut zwei Jahren sammelt Shaper Erfahrungen in Europa. Wie unterscheiden sich amerikanische von europäischen Handwerkern?

Der auffälligste Unterschied bei den Profis ist die Ausbildung und insbesondere das Lehrlings-/Meistersystem in Europa. Doch die Erwartungen von professionellen Handwerkern auf der ganzen Welt sind eher gleich als verschieden. Sie erwarten überall Präzision der Fräsarbeiten und verlangen Zuverlässigkeit der Werkzeuge, begleitet von einem exzellenten Kundensupport. Interessanterweise zeigt sich, dass die höchsten Ansprüche oft von »ambitionierten Hobbyisten« kommen. Ein signifikanter Prozentsatz unserer »Maker« sind Ingenieure, Chirurgen oder Maschinenbauer, deren Erwartungen an Präzision manchmal von einem noch anspruchsvolleren Maßstab geprägt sind, als es die Holzbearbeitung erfordert.


Steckbrief

Shaper Tools ist eine eigenständige Gesellschaft in der TTS Tooltechnic Systems Gruppe in Wendlingen, zu der auch Festool gehört. Der Hauptsitz von Shaper Tools ist San Francisco. Der
Europasitz ist in Leinfelden-Echterdingen.

www.shapertools.com


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