Technik

Voller Nutzen, halbe Last

In der Mitte der Eingang, der Maschinenraum und die Ausstellung, links der Bankraum der Tischlerei Volker Hilfert, rechts der Bankraum der Tischlerei Hans Krauß: zwei Unternehmen, zwei Betriebe und dennoch nur die halben Fixkosten.

Das Gros der Betriebseinrichtungen teile ich mir mit Volker Hilfert. Anders als viele Kollegen versuchen wir, den Kunden in unsere Werkstatt zu locken! Natürlich muss jeder zuerst seinen Kunden zu Hause aufsuchen, damit er ihm genau das anbieten kann, was zu ihm passt. Wenn der Kunde dann zu mir oder zu Volker Hilfert kommt, sieht er einen Betrieb und eine Ausstellung, die etwas hergeben. Eine Tischlerei ähnlicher Größenordnung wie meine oder Volker Hilferts täte sich deutlich schwerer, solch einen leistungsfähigen Maschinenpark und eine so aufwendige Ausstellung zu unterhalten«, sagt Obermeister Hans Krauß. Die beiden Tischlereien in Köln-Rodenkirchen mit der Anschrift Industriestraße 131 f teilen sich den Eingang in der Mitte des Gebäudes, den Maschinenraum und die Lackiererei in der Parterre sowie die Ausstellung im Obergeschoss. Rechts und links davon unterhalten Hans Krauß und Volker Hilfert jeweils unten den eigenen Bankraum und oben das eigene Büro.

Die beiden kennen sich seit der Gesellenzeit Mitte der 80er-Jahre, sind zusammen nach Simmerath bei Aachen zur Meisterschule gegangen, haben dort mit einem weiteren Kollegen in einer WG gewohnt und 1990 den Meister gemacht. Jeder von ihnen hatte die Vision der eigenen Tischlerei. Beide wollten sich jedoch nicht vom Garagenbetrieb hocharbeiten, sondern von Anfang an mit einem ansehnlichen und leistungsfähigen Betrieb auf dem Markt in Erscheinung treten. Jeder für sich hätte die dafür nötige Investitionssumme jedoch kaum aufbringen können.
Zwei Betriebe, eine Einrichtung
Also entschlossen Sie sich, miteinander zu kooperieren und sich den Maschinenpark zu teilen. 1991 mieteten Sie eine Werkstatt und richteten sie mit größtenteils neuen Standard-Tischlereimaschinen ein. Zu Beginn kaufte und bezahlte der eine die eine Maschine und der andere die nächste. Mit den neuen, viel teureren Maschinen wie BAZ, liegende Plattensäge, Kantenanleimmaschine oder Breitbandschleifmaschine verfahren sie jetzt so, dass einer der beiden die Maschine kauft, beide aber die monatlichen Raten zur Hälfte bezahlen. Mit der Zeit wuchsen beide Tischlereien und stellten weitere Mitarbeiter ein. Beide beschäftigen heute jeweils neun Mitarbeiter, davon jeweils fünf Gesellen, drei Lehrlinge und eine Bürokraft.
Klare Verhältnisse
Als der Mietvertrag 2002 ausgelaufen war, bezogen beide Unternehmen die eigenen Räumlichkeiten. Die Vertrags- und Eigentumsverhältnisse sowie die bauliche Umsetzung sind exakt auf das Verhältnis der beiden Unternehmen zueinander abgestimmt. Insgesamt gibt es 1000 Quadratmeter Werkstatt- und 80 Quadratmeter Ausstellungsfläche.
In Köln-Rodenkirchen standen neu parzellierte Grundtücke aus der Insolvenzmasse eines Industriebetriebs zum Verkauf an. Die beiden einigten sich auf zwei benachbarte Grundstücke. Volker Hilfert entschied sich für die linke Parzelle, Hans Krauß für die rechte. Das Gebäude planten sie gemeinsam, jeder baute und bezahlte seine Gebäudehälfte jedoch selbst. Der zur gemeinsamen Grenze symmetrische Grundriss sah in der Mitte einen gemeinsamen Maschinensaal, samt Lackierabteilung und darüber die ebenfalls gemeinsame Ausstellung vor. Rechts der Ausstellung ist das Arbeits- und Konferenzzimmer von Hans Krauß, links das von Volker Hilfert. Analog gibt es im Erdgeschoss jeweils einen etwa 150 Quadratmeter großen Bankraum rechts und links des Maschinenraums. Die Versorgung mit Strom, Wasser und Gas, die Haustechnik und die Heizung sind für jede Haushälfte separat installiert, sodass sich das Gebäude jederzeit mit einer Mauer in zwei unabhängige Werkstätten unterteilen ließe. Jeder zahlt Strom, Wasser und Gas für seine eigene Gebäudehälfte. Für gemeinsam genutzte Maschinen und die Absauganlage gibt es separate Zähler.
»Das Teilen der Maschinenkapazitäten ist für uns völlig unproblematisch«, sagt Volker Hilfert. »Wir beide lasten die Kernmaschinen zu etwa 50 Prozent aus. Da brauchen wir nicht langfristig zu planen. Unsere Gesellen sprechen sich kurzfristig untereinander ab, wer wann an welche Maschine gehen kann. Das funktioniert reibungslos.« Einfache Mittel erleichtern den Betrieb von zwei Unternehmen in einer Halle. Farbige Lampen zeigen an, wessen Telefon gerade klingelt. Einfache Beschriftungen in den Lägern weisen die Plätze gerecht zu. Seitliche Farbmarkierungen aus der Spraydose am Plattenstapel bezeichnen den Eigentümer. »Insgesamt sind wir dem anderen gegenüber großzügig eingestellt und verrechnen nicht jede Kleinigkeit«, sagt Hans Krauß. »Dennoch haben wir alles geregelt. Verschleißbedingte Reparaturkosten tragen wir gemeinsam, für einen Maschinencrash kommt der Verursacher auf.« Auch beim Thema Ordnung harmonieren beide Firmen miteinander. Jeder räumt seine Materialien und Werkzeuge nach dem Gebrauch wieder zurück und kehrt seine Abfälle auf. Freitags ist die gemeinsame wöchentliche Werkstattreinigung angesagt.
Die beiden Schreinereien profitieren auch in der Materialwirtschaft von der Kooperation. Jeder kauft zwar grundsätzlich sein eigenes Material, dennoch helfen sich die beiden Betriebe gegenseitig aus, wenn mal was fehlt. Aus diesem Grund haben sich beide Unternehmen für wichtige, regelmäßig zu beschaffende Materialien auf bestimmte Fabrikate geeinigt. Dazu gehören beispielsweise die weiß beschichtete Platte für die Möbelkorpusse oder der Lack.
Volker Hilfert fasst seine Erfahrung zusammen: »Die Kooperation stärkt unsere Wettbewerbsfähigkeit ohne Einbußen in unserer Selbstständigkeit. Ich weiß nicht, auf welchen Jahresumsatz mein Kollege kommt und er weiß es nicht von mir. Wir registrieren lediglich, dass der jeweils andere seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommt.«
Hans Krauß: »Die Fixkosten halbieren sich fast. Ich wäre auch für ein Werkstattkreuz mit vier Partnern und geviertelten Fixkosten aufgeschlossen. Unsere Maschinenkapazitäten gäben das her, die baulichen Verhältnisse aber leider nicht.« GM
»Ich betreibe eine Schreinerei mit neun Mitarbeitern, trage aber nur die Last einer halben Werkstatt.«
Volker Hilfert
»Zwei Betriebe, eine Werkstatt. Das läuft reibungslos und funktionierte auch noch zu viert. Es fehlt nur an Platz«
Hans Krauß

Adressen
Schreinerei Hans Krauß 50996 Köln, Tel.: (0221) 82036-0, Fax: -15, www.hanskrauss.de
Schreinerei Volker Hilfert 50996 Köln, Tel.: (0221) 888375-0, Fax: -9, www.hilfert.de

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