Technik

»Unser Herz bleibt dasselbe«

Seit November 2010 hat Dr. Andreas Hettich die Gesellschaftsanteile seines Vaters Anton Hettich übernommen. Was bringt der Stabwechsel mit sich? dds fragte ihn, wohin er den Beschlagkonzern lenken möchte.

Herr Dr. Hettich, mit der Übernahme der Anteile Ihres Vaters ist der Generationswechsel bei Hettich jetzt abgeschlossen. Was machen Sie anders als Ihr Vater?

Wir haben operativ nie zusammengearbeitet, er ist ja bereits vor 20 Jahren aus der Geschäftsleitung ausgetreten. Meine Art ist mit Sicherheit anders. Er ist vierzig Jahre älter und war eher der patriarchalische Unternehmer, heute sind wir breiter aufgestellt. Wir haben inzwischen eine ganz andere Größenordnung erreicht und agieren viel internationaler. Da kann man gar nicht mehr alles selbst entscheiden.
Wie viele Menschen beschäftigen Sie denn?
Weltweit beschäftigen wir gut fünfeinhalbtausend Mitarbeiter, davon etwa dreitausend in Deutschland und davon wiederum zweieinhalbtausend in Ostwestfalen.
Welche Zielsetzung geben Sie dem Unternehmen?
Unsere Ziele haben sich nicht geändert, weil ich ich jetzt die Mehrheit der Anteile halte. »Wir machen Technik für Möbel«, das ist unser Herz seit über 120 Jahren. Darauf konzentrieren wir uns auch weiterhin und zwar auf allen Vertriebswegen und für alle Unternehmensgrößenordnungen. Wir beliefern nicht nur die großen Betriebe der Möbelindustrie, sondern auch den Endverbraucher über den Baumarkt und den Tischler und Schreiner über den Fachhandel. Anders als bei unseren Wettbewerbern erstreckt sich unser Programm weiterhin über alle Möbeltypen, sei es Küche, sei es Wohnzimmer, Schafzimmer, Arbeitszimmer, Büromöbel oder Ladeneinrichtung.
Welche Umsatzanteile erzielen Sie in welchen Segmenten?
Zwei Drittel mit Industriekunden und ein Drittel mit Handwerkern.
In welchem Ausmaß sind sie Hersteller, in welchem Händler?
Von der Produktionsseite her haben wir das breiteste Sortiment im Markt. Im Industriesegment verkaufen wir fast ausschließlich Beschläge aus unserer Eigenfertigung. Für das Handwerk führen wir rechts und links schon Ergänzungssortimente und kommen auf einen Zukaufanteil von 20, maximal 30 Prozent.
Welche Rolle spielt denn der dicke Katalog?
Der Katalog »Technik und Anwendung« ist unser wichtigster Verkäufer. Natürlich können wir nicht jeden Schreiner selbst besuchen. Der Katalog bildet unsere Sortimentskompetenz ab und ist mehr als ein reiner Kaufkatalog. Er bereitet das Thema Möbelkonstruktion praktisch auf, zum Beispiel in Form von Einbauanleitungen. Den Katalog gibt es zum Blättern oder auch online.
Welche Werkzeuge bieten Sie neben dem Katalog?
Gemeinsam mit Imos haben wir die Software Selection zum Planen, Präsentieren und Produzieren entwickelt. Für den Tischler ist das ein preiswerter und effektiver Einstieg in CAD. Wer dann wirklich professionell die Maschinen ansteuern möchte, findet nahtlose Übergangsmöglichkeiten in die Imos-Welt.
Systemkonforme Beschläge bringen Effizienz. Ist das Einheitsmöbel der Preis dafür?
Nein, im Gegenteil! Allein die Breite unseres Scharniersortiments bietet dem Konstrukteur unvorstellbar viele Möglichkeiten, für jeden Anschlag ist da etwas dabei. Das System 32 sorgt tatsächlich für enorme Effizienz, schränkt aber dank der Angebotsvielfalt an Beschlaglösungen den Konstrukteur nicht ein, selbst wenn er sich im Raster bewegt.
Wer liefert die Beschlagsideen?
Im Wesentlichen wir selbst. Wir fragen uns immer, was sich noch verbessern lässt. Es fließen aber auch Anregungen von Kunden mit ein. Wir nehmen auch gerne Ideen von jungen Designern auf. Sie nehmen in der Regel überhaupt keine Rücksicht auf Beschläge und Funktionalität, liefern aber trotzdem wertvolle Ideen. Außerdem engagieren wir uns in Future Bizz, ein 2007 gegründetes Netzwerk von Unternehmen, die gemeinsam Geschäftsideen für zukünftiges Wohnen, Leben und Arbeiten entwickeln. Gemeinsam mit anderen Unternehmen, zum Beispiel Material- oder Armaturenherstellern oder Keramikspezialisten entwickeln wir Szenarien für die Wohn- und Arbeitswelten in 20 oder 30 Jahren. Daraus leiten wir ab, wie die entsprechenden Möbel und Beschläge aussehen könnten.
Wie steht es um die aktuellen Impulse im Möbeldesign?
Natürlich sind die Möbelhersteller sehr kreativ und innovativ, jedoch kommen einige Themen, die sich auf breiter Front durchgesetzt haben, wie beispielsweise das Thema Dämpfung, von den Beschlagherstellern.
Verlagert sich damit auch der Wertschöpfungsanteil am Möbelstück mehr in Richtung Beschlaghersteller?
Der Wertschöpfungsanteil der Beschlagindustrie befindet sich tatsächlich tendenziell auf Wachstumskurs. Jetzt liegt er bei drei, vier oder fünf Prozent, bei sehr technischen Lösungen vielleicht bei zehn. Zielmarken streben wir hier jedoch nicht an.
Wie läuft das Geschäft mit den Tischlern und Schreinern ab?
Über neue Produkte informieren wir über verschiedene Kataloge, Messen und den eigenen sowie den Außendienst des Fachhändlers. Der Handwerker bestellt die Beschläge bei seinem Beschlaghändler. Hat dieser ein Teil nicht auf Lager, sind wir logistisch sehr eng verknüpft. Wenn bei uns eine Bestellung bis 14 Uhr eingeht, liefern wir noch am selben Tag aus – und das kann auch im Namen des Händlers direkt an den Schreiner gehen.
Welche Werkzeuge bieten Sie dem Handwerker für den Verkauf?
Neben den Katalogen haben wir Präsenter, zum Beispiel für Möbelgriffe. Mit der neuen Kollektion lassen sich die Griffe jedes Jahr einfach austauschen. Für die Inneneinrichtung von Schubkästen haben wir einen Folder, der sich direkt in die Schublade einlegen lässt und eine Vielzahl von Einteilungsmöglichkeiten zeigt. Auch für die Kombination von Schubkastenzargen und Relings haben wir einen Folder.
Werfen Ihre Investitionen in Leichtbausysteme bereits erste Gewinne ab?
Nein, dieses Thema sehen wir sehr langfristig und warten die Preisentwicklung bei Spanplatten ab. Bisher ging es vorrangig um die Ressourceneinsparung. Jetzt rücken wir zusätzlich nützliche Funktionen in den Fokus, zum Beispiel eine Verkabelung mit Stromschluss über unsere Verbinder. Damit lassen sich Licht und Technik ins Möbelstück bringen. Es lässt sich beispielsweise ein I-Pod-Sockel einfräsen, der die Musik über die Decks der Platte wiedergibt. Weiterhin lassen sich riesige Klappen und Schiebelemente realisieren, für die konventionelle Platten zu schwer wären. Diese Lösungen geben eben kein Einheitsdesign vor, sondern bieten dem Designer bisher unvorstellbare Möglichkeiten.
Filigrane Möbel erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Können Sie sich ein Beschlagsystem für dünne Platten vorstellen?
Wir verfolgen das genau und sehen tatsächlich zwei parallele Trends sowohl zu dicken Elementen als auch zu dünnen leichten Konstruktionen. Bei den dünnen Platten stoßen wir jedoch leicht an die Grenzen des technisch Machbaren. Lösungsansätze auf Klebstoffbasis wären denkbar. Hier kämpft noch der »Qualitäter« mit dem Designer.
Das Interview führte dds-Redakteur
Georg Molinski
»Effizienz heißt noch lange nicht Einheits- design! Vor allem bieten unsere Leichtbaulösungen bisher ungeahnte Möglichkeiten.«
Dr. Andreas Hettich

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