Modell für Harmonie

Über den 60er-Jahre-Fassaden eines einstigen Kakaobohnenlagers am Hamburger Hafen entsteht zurzeit die Elbphilharmonie, eine Konzerthalle für 2100 Besucher. Für die Optimierung der Akustik leistete die Schreinerei Georg Ackermann einen Beitrag.

Das Baseler Architekturbüro Herzog & de Meuron plant die neue Elbphilharmonie auf dem Kaispeicher am Hamburger Hafen. Über dem ehemaligen Speichergebäude für Kakaobohnen entsteht ein Wohn- und Kulturkomplex mit einem Konzertsaal für 2100 Besucher. Das neue Gebäude soll wie aus dem Grundriss des Speicherbaus herausextrudiert in den Himmel hineinragen. Der große Konzertsaal ist selbst gegenüber den neueren Sälen in Tokyo oder Los Angeles etwas Neues. Ränge, Wände und Decken bilden eine räumliche Einheit. Zuschauer und Musiker bestimmen den Raum, der nur noch aus Menschen zu bestehen scheint. Mit der Optimierung der Akustik des Saales hat das Architekturbüro die japanische Firma Nagata Acoustics Inc. mit Hauptsitz in Tokyo beauftragt.

Der Akustikspezialist arbeitet unter anderem mit Simulationen am verkleinerten Modell des Saals. So kann er die Auswirkung der Auswahl von Oberflächenmaterialien und -strukturen auf den Klang und das Hörerlebnis prognostizieren. Die Akustik des Saals lässt sich über die Oberflächenstruktur beeinflussen, die nicht von Menschen verdeckt werden. Dazu zählen vor allem die der Saalmitte zugewandten Brüstungsflächen der Ränge, die Wände und die Decke. Vorgesehen sind hier gefräste Gipsfaserplatten mit einer wabenartigen Reliefstruktur. Über die durchschnittliche Wabengröße und -tiefe lassen sich die Schallreflexion und die -streuung im Sinne eines harmonischen Klangbildes beeinflussen.
Herzog & de Meuron beauftragte die Schreinerei Georg Ackermann GmbH in Wiesenbronn bei Würzburg mit der Errichtung des MDF-Modells des Konzertsaals im Maßstab 1:10. Die Abmessungen betragen etwa 5 x 5 x 3,5 m (Länge x Breite x Höhe). Die geometrische Beschreibung des Raumes lag als eine große 3-D-CAD-Datei vor. Bei den Verhandlungen war es dem Auftraggeber sehr wichtig, dass der Schreiner sich über die Komplexität der Arbeit im klaren ist und auf jeden Fall pünktlich liefert. Die Rohbauarbeiten müssen nämlich die Akustikmessungen abwarten, weil sich mit der Schall-Optimierung auch kleine Änderungen am Gebäude ergeben können.
Inzwischen ist das Modell fertig. Der mit etwa 3000 Stunden kalkulierte Zeitrahmen wurde nicht ganz eingehalten. Bevor sich das Ackermann-Team an das 1:10-Modell heranwagte, baute Designer Markus Honka zur Orientierung ein Faltmodell aus Papier im Maßstab 1:100. Insgesamt arbeiteten bis zu zehn Leute an dem Modell. Die CAD-Spezialisten aus dem Team extrahierten Schnitte und Details aus der großen 3-D-Datei. Produktionsleiter Manfred Weid bereitete die CNC-Daten auf. Das BAZ fräste die Konturen und versah die 3-D-Teile auf der Rückseite mit Schlitzen, sodass sie sich biegen ließen. Die akustisch wirksamen Oberflächen haben die Schreiner nach den Vorgaben des Akustikers mit einer unregelmäßigen wabenähnlichen Reliefstruktur versehen. Als Material wählten sie hierfür den Mineralwerkstoff Staron von Samsung, zum einen weil er hart und fein genug ist, die verkleinerte filigrane Struktur abzubilden und zum anderen, weil er sich thermoplastisch an die gebogenen Konturen anschmiegen lässt. Das Relief entstand auf dem BAZ.
Die Schreinerei Ackermann
Vor 73 Jahren gründete Georg Ackermann die Schreinerei. Heute führt sie sein Enkel Frank. Auf 6000 m2 beschäftigt er 75 Mitarbeiter. Das Geschäft teilt sich in vier Sparten auf. Jeweils 20 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen mit dem Trockenbau und Privatkundschaft, 40 Prozent mit Zulieferteilen für Tischlerkollegen, die über das Portal www.procea.de vermarktet werden, und 20 Prozent mit Serienteilen und Gartenhäusern. Der Betrieb ist technisch bestens ausgestattet, führt jährlich etwa 2500 Aufträge aus und kalkuliert jeden Auftrag nach. »So weiß ich genau über unsere Stärken und Schwächen Bescheid und brauche Basel II nicht zu fürchten, im Gegenteil!«, sagt Frank Ackermann. GM

Kompakt Elbphilharmonie
Die neue Elbphilharmonie in Hamburg ist nicht nur ein Haus für Musik, sondern ein ganzer Wohn- und Kulturkomplex: Eine Konzerthalle für 2100 und ein Kammermusiksaal für 550 Besucher. Die zwei Kernstücke sind ummantelt von einem Hotel, Restaurants, Wellness- und Konferenzräumen sowie Luxuswohnungen.