Startseite » Technik » Maschinen & Anlagen »

Was beim Kauf einer Kantenanleimmaschine wichtig ist

Investieren, aber richtig!
Was sich Tischler und Schreiner vor dem beim Kauf einer Kantenanleimmaschine fragen sollten

Aufmacher_FR_Kante.jpg
Passt die Kantenqualität noch? Wer über den Austausch seiner alten Maschine nachdenkt, steht vor einer Reihe von Fragen ...

Wenn die Kantenanleimmaschine in die Jahre gekommen ist oder nicht mehr den aktuellen Anforderungen entspricht, muss Ersatz her. Norman Schmidt, Markt- und Technikspezialist beim Gebrauchtmaschinenhändler Höchsmann, weiß, worauf man beim Kauf einer Kantenanleimaschine achten solllte.

Welche Kantenanleimmaschine für einen Handwerksbetrieb die richtige ist, hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Nicht zuletzt geht es um ein Ausbalancieren von quantitativen und qualitativen Erwartungen (Aufwand für Nachbearbeitung, Rüstzeiten …) mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (Platz, Budget …).

Die Qualität einer Kantenanleimmaschine an der Marke festzumachen, ist nicht sinnvoll. Alle europäischen Hersteller bewegen sich auf einem sehr hohen Niveau, wirklich schlechte Maschine gibt es nicht. Wenn man schon eine Kantenanleimmaschine nutzt und mit der Marke zufrieden ist, kann der Kauf der gleichen Marke durchaus Sinn machen. Schließlich ist man schon mit der Bedienphilosophie und der Software des Herstellers vertraut und hat vielleicht auch schon Kontakte zu Serviceanbietern. Eine Überlegung wert kann auch der Umstand sein, dass je nach Hersteller, bevorzugt Rechts- oder Linksmaschinen produziert werden und man sich am optimalen Werkstückfluss orientiert. Auch bereits im Unternehmen genutzte AV-Software kann die Entscheidung beeinflussen.

Im folgenden Beitrag geht es um die wichtigsten Fragen vor dem Kauf einer stationären Kantenanleimmaschine (einseitig und nur für gerade, nicht profilierte Werkstückkanten). Das Kanten anleimen mit Handgeräten und auf der CNC ist nicht Gegenstand dieses Beitrags, ebensowenig spezielle Verfahren wie z. B. Soft- und Postforming. Infos hierzu finden Sie bei Bedarf in unserem Onlinelexikon Wood Tec Pedia.

Welche Kanten in welchen Stärken sollen verarbeitet werden?

Ostermann-Hahnentritt.jpg
ABS-Kanten, hier im Hahnetrittdekor, sind im Handwerk meist das Maß der Dinge. Foto: Ostermann

Die meisten Käufer von Kantenanleimmaschinen fordern nur die Verarbeitung von ABS-Kanten in Stärken von bis zu 2 mm. Auch Kantenspezialist Ostermann bestätigt auf Nachfrage, dass 1- und 2-mm starke Kanten am häufigsten gekauft werden und die meisten Schreiner den Werkstoff ABS wegen dessen positiven Eigenschaften bevorzugen. Melamin stellt eine preisgünstige Alternative dar und ist für wenig beanspruchte Stellen als gerade Kante zur Schmalflächenbeschichtung von Holzwerkstoffen geeignet, heißt es bei Ostermann. Anfragen nach Maschinen zur Verleimung von Massivholzkanten sind sicher nicht nur bei uns stark zurückgegangen und gebrauchte Maschinen mit dafür geeigneter Konfiguration kaum noch verkäuflich.

mehr über das Material ABS und Melamin erfahren

Kleine Materialkunde: ABS und Melamin

ABS ist die Abkürzung für den zur Herstellung des Kantenmaterials verwendeten Kunststoff Acrylnitril-Butadien-Styrol. ABS ist ein mechanisch und thermisch belastbarer, schlagfester, thermoplastischer, chlorfreier Kunststoff, der zudem unempfindlich auf starke Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen reagiert. Er ist gegen Salze, Alkohol, Säuren, Laugen und Öle beständig (eingeschränkt gegen organische Lösemittel und Benzin). ABS-Kanten werden allgemein auch als Kunststoffkanten bezeichnet.

Melaminkanten werden aus mit duroplastischen Harzen imprägniertem Spezialpapier hergestellt. Sie stellen eine preisgünstige Alternative zu Kunststoffkanten dar und eignen sich besonders für wenig beanspruchte Kanten. Sie haben in der Regel eine Stärke von 0,3 oder 0,4 mm.

Um welchen Durchsatz geht es?

In der Regel bieten Hersteller verschiedenste Leistungsklassen an. Einsteigermaschinen mit geringen Vorschubgeschwindigkeiten (z. B. 5 m/min) sind natürlich günstiger als schnellere Kantenanleimmaschinen. Im Handwerk werden nur selten höhere Vorschübe als 25 m/min eingesetzt. Dabei gilt die Regel, dass die Maschinen mit größer werdendem Vorschub auch entsprechend stabiler und länger werden.

Bei Betrachtung der Vorschubgeschwindigkeit muss man davon ausgehen, dass nicht immer alle Aggregate auf der Maschine mit der maximalen Geschwindigkeit verwendet werden können. Häufig gibt es Einschränkungen im Bereich Eckenkopieren. So kann die maximale Vorschubgeschwindigkeit z. B. 16 m/min betragen, bei der Verwendung des Eckenkopieraggregates aber nur mit 11 m/min gefahren werden.

Zu überlegen ist, ob der Bediener dem Werkstück während der Bearbeitung hinterherlaufen soll oder ein zweiter Mann die Werkstücke am Ende der Maschine abnimmt. Steigende Lohn- bzw. Lohnnebenkosten bringen auch automatische Werkstückrückführungen ins Spiel.

Wo werden die Platten formatiert?

Die Werkstückkanten sehen sehr unterschiedlich aus, wenn die Platten an der Kantenanleimmaschine ankommen. Der Zuschnitt könnte auf Sägemaschinen (Formatkreissäge, vertikale Plattensäge, horizontale Plattensäge) erfolgt sein oder die Platte auf einer CNC formatiert worden sein. Beim innerbetrieblichen Transport kann es dazu noch zu Beschädigungen gekommen sein. Ein problematisches Raumklima könnte dazu auch zum Verhängnis werden, sofern zwischen dem Formatieren und der Bekantung zu viel Zeit vergeht und die Spanplatte zu quellen beginnt.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft eine Maschine mit Fügefräsaggregat. Dieses Aggregat fräst mittels zwei Frässpindeln/-werkzeugen die Kanten jeweils vor der Verleimung sauber. Um ein Ausreißen am Ende der Platte zu vermeiden, arbeitet eine Spindel im Gegenlauf- und eine im Gleichlauf, wobei die Gleichlaufspindel natürlich die Bearbeitung vom letzten Stück der Platte übernimmt. An dieser Stelle macht der Einsatz von robusten Diamant-Fräswerkzeugen Sinn, welche in der Anschaffung zwar teurer als Hartmetall-Werkzeuge sind, dafür aber auch eine wesentlich längere Standzeit haben.

Wie ist der Stand der Entwicklung bei den Verleimtechniken?

EVA-Schmelzkleber in Form von Granulat oder Patronen ist nach wie vor verbreitet. Seit 2010 beobachten wir jedoch eine wachsende Nachfrage nach Maschinen, die auch PUR-Kleber verarbeiten können. Etwa zur gleichen Zeit wurde die damals neue Lasertechnologie massiv beworben, welche aber nur für industrielle Fertigungen interessant war. Die sehr hohen Anschaffungskosten sowie die komplizierte Handhabung waren und sind nicht für Handwerksbetriebe geeignet. 2015 verkauften wir die erste gebrauchte Kantenanleimmaschine mit einem Laser. Die Nachfrage nach der Lasertechnologie hat bei uns in den letzten zwei Jahren aber stark nachgelassen. Meine Vermutung ist, dass die inzwischen weiter entwickelte Heißluft-Technologie und auch NIR (Near Infrared Radiation) diese Lücke gefüllt haben.

Welche Verleimtechnik ist für meinen Betrieb die richtige?

Jede einzelne Technologie hat ihre Vor- und Nachteile. Im handwerklichen Bereich würde ich heute auf jeden Fall PUR-Verarbeitung zusätzlich zum EVA-Kleber empfehlen, besonders wenn man Bad- oder Küchenmöbel fertigt. Interessant dürfte für die meisten Anwender auch eine schnelle Möglichkeit des Wechselns zwischen verschiedenen Klebstofffarben und/oder Klebstoffarten sein (Stichworte: Schnellwechselleimbecken, Komfortleimbeckenentleerung, Patronensystem).

Ob die Maschine auch mit einer für das Handwerk relevanten Nullfugentechnik (Heißluft, Infrarot) ausgestattet sein soll, entscheiden die zur Debatte stehenden Aufträge und natürlich auch das Budget. Zumindest die Heißluftaggregate lassen sich bei den meisten Maschinen auch mit vertretbarem Aufwand nachrüsten.

Welche Aggregate zur Nachbearbeitung brauche ich?

Ein Handwerker kann sich manuelle Nachbearbeitungen kaum noch leisten, wenn er regelmäßig Kanten anleimt. Daher gehören Aggregate zum allseitigen Befräsen der Kantenüberstände sowie Radius- und Flachziehklingen und Schwabbelaggregate heute meistens zum Standard. Natürlich benötigt jedes einzelne Aggregat auch Platz auf der Maschine und die Maschine wird tendenziell länger, wenn man mehr Nachbearbeitungsaggregate aufbauen möchte. Inzwischen haben die Hersteller den Platzbedarf schon extrem optimiert, sodass auch auf einer relativ kurzen Maschine die gängigsten Nachbearbeitungen Platz finden.

Welche Verstellungen sollen vom Bedienpult aus möglich sein?

Die Automatisierungsmöglichkeiten bei der Verstellung der Maschine sind sehr vielfältig und es lohnt sich, hier genauer hinzusehen. Die einfachste Verstellmöglichkeit ist die manuelle Verstellung (z. B. per Kurbel oder Anschlagposition). Hier sind nach der Verstellung in der Regel Testdurchgänge nötig, um die optimale Einstellung zu finden. Die nächste Ausbaustufe wäre die pneumatische Taktung, entweder um Aggregate zwischen Einsatz- und Parkposition zu verfahren oder um diese in verschiedene Bearbeitungspositionen zu bringen. Die komfortabelste Variante aber ist die Verstellung per kleiner Motoren.

Wer braucht Sprüheinrichtungen?

Für die Verarbeitung von PUR-Kleber würde ich Sprüheinrichtungen (für Trennmittel vor dem Fügefräsen und Reinigungsmittel vor dem Schwabbeln) empfehlen. Sprüheinrichtungen können problemlos nachgerüstet werden. Ein Set (zwei Düsen, Steuerteil, Sensor, Schläuche und Befestigungsmaterial) kann man inklusive Aufbau schon für weniger als 2000 Euro bekommen. In die Steuerung der Maschine müssen solche nachträglich aufgebauten Sprüheinrichtungen nicht unbedingt eingebunden werden, weil diese über einen eigenen Schalter zur Aktivierung/Deaktivierung verfügen.

Welches Budget steht zur Verfügung?

Im handwerklichen Bereich bekommt man eine Maschine mit allen wesentlichen Bearbeitungsaggregaten (Fügen, Sägekappen, Fräsen, Eckenkopieren, Radiusziehklinge, Flachziehklinge) schon für unter 20 000 Euro. Wer höhere Ansprüche hat bzw. schneller, flexibler und komfortabler arbeiten möchte, kann auch 100 000 Euro und mehr ausgeben. Gebrauchtmaschinen sind dabei eine sehr interessante Möglichkeit, die finanziellen Belastungen in Grenzen zu halten.

Was ist rund um die Maschine sonst noch wichtig?

Einfluss auf das Endergebnis hat nicht nur die Maschine selbst, sondern auch die Rahmenbedingungen. So ist unbedingt auf eine perfekt geplante Späneabsaugung zu achten, weil am Werkstück verbleibendes Restmaterial die Tastung (Tastrollen und Tastschuhe von Bearbeitungsaggregaten) aus dem Konzept bringen kann.

Die anliegende Druckluft sollte den Herstellervorgaben entsprechend sein.

Eine zu kalte Werkstatt führt bei vielen Maschinen zu schlechteren Ergebnissen. Zuweilen verweigert die Maschine bei zu niedrigen Temperaturen auch komplett den Dienst, weil der Hersteller die Maschine somit vor Beschädigungen schützt. Das Plattenmaterial sollte zudem ausreichend früh aus dem Lager in die Werkstatt geholt werden, um sich dem dortigen Klima anzupassen. Zu kalte Platten würden den Klebstoff nach dem Auftrag zu schnell abbinden lassen. Ein wenig helfen können hier Vorwärmeinrichtungen (beheiztes Einlauflinial oder Wärmestrahler), welche von den Herstellern auch für die Kantenanleimmaschinen angeboten werden.


Der Autor

Norman Schmidt ist Teamleiter Einkauf & Vertrieb bei der Höchsmann GmbH in Klipphausen. Er verfügt über 25 Jahre Erfahrung im internationalen Maschinenhandel.


Höchsmann – Spezialist in Sachen Gebrauchtmaschinen für Holzverarbeiter

DCIM\100MEDIA\DJI_0016.JPGDie Höchsmann GmbH im sächsischen Klipphausen bietet vielfältige Leistungen rund um den An- und Verkauf von Holzbearbeitungsmaschinen. Diese reichen von Beratung und Bewertung über professionelle Logistikleistungen bis hin zur Ausführung von Prüf- und Instandsetzungsaufgaben. Im Bereich Kantenanleimmaschinen umfasst der Service beispielsweise die Grundreinigung, Aufbau und Inbetriebnahme, Detailbewertung des Zustandes inkl. Servicekalkulation, Aufarbeitung von Verleimteilen und Vorschmelzern, neue Lager für Aggregate, Austausch von Verschleißteilen, Werkzeugservice, Grundeinstellung nach Herstellervorgaben, Musterfertigung und Endkontrolle. Allein im vergangenen Jahr hat Höchsmann über 200 Kantenanleimmaschinen verkauft. Der Hauptsitz des Unternehmens mit 90 Mitarbeitern ist in Klipphausen in der Nähe von Dresden. Hier stehen 11 500 m² Fläche für Lagerung, Präsentation und Maschinenvorführungen zur Verfügung.

Das Auktionsportal »Wood Tec Auction«, das Onlinelexikon »Wood Tec Pedia« und das Bewertungsportal »Wood Tec Value« runden das Portfolio von Höchsmann ab

Tipp: Die Höchsmann-Story als Buch. In seiner Autobiographie »Gegen den Strom der Gestressten« (ISBN 978-–3765543036) beschreibt Geschäftsführer Stefan Höchsmann neben seinem eigenen Lebensweg auch die Entwicklung des Unternehmens


Mehr über Kantenanleimmaschinen lesen? Zur dds-Themenseite Kante >>

Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 5
Aktuelle Ausgabe
05/2022
EINZELHEFT
ABO
Frühjahrsneuheiten 2022
dds-Zulieferforum
Tischlerhandwerk in Zahlen

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds-Gewinnspiel

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »