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Durchblick bei Nullfugen

Maschinen & Anlagen
Durchblick bei Nullfugen

dds-Redakteur Georg Molinski verfolgt seit Jahren die Entwicklung rund um die Nullfuge und berichtet immer wieder direkt aus Betrieben, die diese Technik anwenden
Der Verbraucher wünscht sich Werkstücke wie aus einem Guss, der Verarbeiter saubere Prozesse mit stets optimalen Parametern. Genau das leisten die neuen Nullfugen-Bekanter. dds schaut hinter die Kulissen der neuen Maschinengattung und fasst das Marktangebot zusammen.

Bewegung in den Markt von Kantenanleimmaschinen und Kantenbänder brachte Bulthaup vor sieben Jahren. Gemeinsam mit Ima und Rehau realisierte der Küchenmöbelhersteller die erste Nullfugenanlage. Seitdem konnten Möbelindustrie sowie das Tischler- und Schreinerhandwerk ein Innovationsfeuerwerk erleben, wie es seit der Erfindung der CNC-Maschine nicht mehr gegeben hat. Inzwischen kennen die Endverbraucher, die Büroeinrichter und die Küchenstudios die Nullfuge und fordern sie ein. Woraus eine Nullfuge besteht oder wie sie herzustellen ist, ist nirgendwo definiert. Gemeint ist der unauffällige Übergang zwischen der Plattenoberfläche und der Schmalkantenbeschichtung. Der Betrachter soll mit bloßem Auge keine Fuge erkennen können. Kante und Fläche sollen aussehen, wie aus einem Guss. Für die Güte der Nullfuge gibt es zwar kein offizielles Testverfahren, jedoch bewährt sich in der Praxis der Grafittest, mit dem ursprünglich die Geschlossenheit von Melaminharzoberflächen getestet wurde. Mit einer Pipette oder einem Tuch gibt der Tester Grafitpulver auf die Fläche im Kantenbereich, verreibt es und wischt das Pulver wieder weg.

Nicht offizieller Test mit Grafit
Zeichnet sich danach die Fuge nicht ab, ist der Test bestanden. Verlangt die Ausschreibung oder der Kunde Nullfugen, muss sich der Tischler und Schreiner im Streitfall auf diesen Test gefasst machen. Mit welcher Technik und welchem Klebstoff er diese Qualität erzielt, das bleibt ihm überlassen.
Nullfugen lassen sich jedoch mit EVA oder PUR gar nicht oder nur in bestimmten Farben erzielen. Abhilfe schaffen rückseitig mit einer Schmelzklebstoff- beziehungsweise Funktionsschicht versehenen Kantenbänder. Der Kantenhersteller extrudiert das Kantenband und die farblich exakt angepasste Funktionsschicht gleichzeitig in einem Prozess. Weiterhin besteht die Möglichkeit, Furnierkantenbänder oder unbeschichtete Kunststoffbänder nachträglich mit einer Funktionsschicht zu versehen. Die Funktionsschicht ist viel dünner als die von einem Beleimaggregat aufgetragene Klebstoffschicht. Die Kantenhersteller meiden den Begriff Klebstoff, weil sich die Funktionsschicht anders verhält als normaler Klebstoff. Sie ist verschmutzungsresistenter und sorgt für langfristig unsichtbare Fugen. Die Funktionsschicht ist kurz vor dem Aufbringen auf das Werkstück durch Hitze zu aktivieren. Die Anlagen nutzen verschiedene Verfahren, um die Wärme zu erzeugen.
Verschiedene Verfahren
Einige Hersteller propagieren für die industrielle Anwendung ein Laseraggregat zum Aufschmelzen der Funktionsschicht. Laseraggregate kosten jedoch mehr als eine normale handwerkliche Kantenanleimmaschine. Als preiswertere Alternative trat dann das Plasmaaggregat vom Möbelteilezulieferer Niemann in Erscheinung. Die Niemann-Tochter Plasmatreat vermarktet die Aggregate unter dem Namen »Düstec«. Diese Technik konnte sich jedoch am Markt nicht behaupten. Für den handwerklichen Einsatz scheint sich aktuell die in der Anschaffung noch günstigere Heißlufttechnik durchzusetzen. Holz-Her stellte zur Messe Holz-Handwerk im Frühjahr 2014 ein Infrarotlichtaggregat vor. Es bleibt abzuwarten ob nicht vielleicht der eine oder andere Hersteller, um Patente zu umgehen, möglicherweise Mikrowellen oder andere Wärmequellen nutzen wird. Neben der nahtlosen Optik bringt die Nullfugentechnik dem Verarbeiter den Vorteil, dass er nicht mehr mit flüssigem Leim hantieren und vor allem kein Leimbecken mehr reinigen muss. Auch lange Aufheizzeiten und verbrannter Klebstoff sind damit passé.
Für den unübersichtlichen Markt sorgen nicht nur die verschiedenen Wärmequellen, sondern auch eine Vielzahl an Patenten rund um die Laser-, Heißluft- oder Infrarotaggregate. So tritt beispielsweise Schugoma, der Erfinder des Heißluftaggregats, als System- oder Lizenzgeber für einige Maschinenhersteller in Erscheinung. Einen Marktvorsprung hat sich die Homag Group verschafft, weil sie sich das Hintereinanderschalten von verschiedenen Aggregaten in einer Maschine, wie beispielsweise einer Beleimstation und einem Laser- oder Heißluftaggregat, hat patentieren lassen. Das ist von Bedeutung für denjenigen, der schnell oder sogar in Losgröße 1 zwischen den Verfahren wechseln möchte. Ein Tischler und Schreiner wird keine Maschine mit nur einem Nullfugenaggregat anschaffen, er möchte beispielsweise Furnierkanten mit Schmelzkleber anfahren oder für feuchte und heiße Bereiche in Küche oder Bad PUR-Klebstoff verwenden. Daher benötigt er ein zweites Aggregat.
Das Gelingen der Nullfuge hängt nicht nur von der Verklebung, sondern auch von der sonstigen Maschine ab. Unumgänglich ist eine Fügefrässtation, die eine bessere Fläche als den Sägeschnitt erzeugt. Weiterhin muss die Maschine solide gebaut sein und ruhig und vibrationsarm laufen.
Die konventionelle Technik holt auf
Parallel zur Entwicklung der Nullfugenanlagen ist festzustellen, dass die Hersteller auch bei den konventionellen Maschinen immer dünnere und unauffälligere Leimfugen ermöglichen, vor allem bei PUR, der sich aufgeschmolzen sehr dünn auftragen lässt. Die Nachteile von PUR sind die eingeschränkte Farbpalette sowie der Zwang, ein einmal geöffnetes Klebstoffgebinde innerhalb weniger Tage aufzubrauchen und den Kleber auf gar keinen Fall in der Maschine aushärten zu lassen. Die Vorteile sind die chemische Aushärtung sowie die gegenüber dem Funktionsschichtklebstoff hohe Resistenz gegen Hitze und Feuchtigkeit. Diese Vorteile bieten der Nullfugentechnik eine ernste Konkurrenz.
Stephan Kochs neuer Bekanter
Für den Tischler und Schreiner ist es gar nicht so leicht, aus dem vielfältigen Angebot die für ihn passend Nullfugenmaschine zu herauszufinden. Daher hat dds die namhaften Hersteller gebeten, für die frei erfundene Tischlerei Stephan Koch eine Nullfugenmaschine anzubieten und die Angebote zu einer Marktübersicht zusammengefasst. Bis auf Ima haben alle angesprochenen Hersteller ein Angebot erstellt. Die letzte dds-Marktübersicht Kantenanleimmaschinen ist im März 2007 unter dem Titel »Stephan Kochs Bekanter« erschienen.
Die Tischlerei/Schreinerei Stephan Koch beschäftigt in der Fertigung zwölf Mitarbeiter und ist auf die Plattenverarbeitung spezialisiert. Täglich verarbeitet der Betrieb etwa 50 Halbformatplatten. Stephan Koch sucht eine Maschine, mit der er das Gros seiner Arbeiten ohne manuelles Umrüsten erledigen kann. Die Maschine soll wahlweise mit EVA, PUR oder mit einem Nullfugenaggregat arbeiten, mit einem Fügeaggregat sowie einem Eckenkopierer ausgestattet und für Rollenware bis 3 mm Dicke ausgelegt sein. Stephan Koch möchte im laufenden Betrieb zwischen Bündig-, Fase- oder Radiusfräsen (ein Radius) wechseln können. Für das Finish wünscht sich der Tischler Flächen und Profilziehklingen sowie eine Schwabbelstation.

Die wichtigsten Patente rund um die Nullfuge
Das im Juni 2001 vom Küchenmöbelhersteller Bulthaup angemeldete Patent EP 1163864 B1 schützt das Laserverfahren als solches. Der Kantenhersteller Rehau hat die Laserkanten und der Maschinenhersteller Ima die Pilotanlage für Bulthaup realisiert. Rehau hat sich frühzeitig das Recht gesichert, Kunden uneingeschränkt mit solchen laserfügbaren Kanten zu beliefern. Rehau-Kunden haben die Rechtssicherheit, diese Kanten mit dem Verfahren verarbeiten zu dürfen. Das hat das Oberlandesgericht München im Februar 2014 bestätigt. Weitere Patente schützen verschiedene technische Umsetzungen der Nullfugenverfahren. Von übergeordneter Bedeutung ist noch das im April 2009 angemeldete Patent EP 2 243 619 B1 von Homag. Es untersagt anderen Herstellern in einer Maschine gleichzeitig verschiedene Verfahren, wie z. B. eine Beleim- und eine Heißluftstation, zu installieren. Hervorzuheben ist das im Mai 2011 angemeldete Patent WO002012130224A1 von Schugoma. Es schützt das Heißluftverfahren. –GM

Die Verfahren der Nullfugenbekantung
Ein Nullfugenaggregat erhitzt die dünne Funktions- beziehungsweise die Schmelzkleberschicht auf der Kantenbandrückseite. Die Technologien unterscheiden sich in der Art und Weise wie die Wärme erzeugt wird. Im industriellen Betrieb geschieht das oft mit einem Laseraggregat. Es eignet sich für hohe Leistungen, dosiert die Wärme sehr präzise und kostet rund 150 000 Euro. Es zieht in den Werkstücklücken keinen Strom, benötigt jedoch ein Kühlaggregat mit relativ hohem Stromverbrauch. Ein Plasmaaggregat ist günstiger in der Anschaffung und ähnlich leistungsfähig. Wird einem Gas Energie zugeführt, ionisiert es und wird zu Plasma (Gas in einem angeregten Zustand), dem sogenannten vierten Aggregatzustand. Das Plasma tritt wie eine Gasflamme aus einer Düse aus und erhitzt die Funktionsschicht. Auch dieses Aggregat zieht in den Werkstücklücken keinen Strom. Rund 20 000 Euro kostet ein Heißdruckluftaggregat. Es wird ans Druckluftnetz angeschlossen und erwärmt die Luft auf bis zu 600 °C. Die jüngste Technik arbeitet mit Infrarotlicht. Das Holz-Her »NIR«-Modul (Near Infrared Radiation) von Holz-Her aktiviert elektronisch gesteuert die Funktionsschicht der Laserkanten. – GM
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