Startseite » Technik » Maschinen & Anlagen »

California Dream

Als Schreinermeister in USA
California Dream

Was tun, wenn man den Meister erfolgreich in der Tasche hat und sich für Technik, Verkauf und die weite Welt interessiert? Schreinermeister Benjamin Angerer heuerte bei Festool an und schult, überzeugt und versorgt Kalifornien mit schwäbischen Premiumwerkzeugen.

An diesem Donnerstagmorgen beginnt Benjamin Angerers Tag um halb acht mit der Fahrt von Fashion Valley zu seinem Kunden TH & H. Mit seinem anthrazitfarbenen Ford F150 XL, einem amerikanisch überdimensionierten Pickup mit 340 PS und einem Verbrauch von 27 l auf 100 km, legt er 80 000 Meilen pro Jahr zurück. »Ich kann in meinem Fahrzeug gut 40 unterschiedliche Tools, also Werkzeuge, unterbringen. Insgesamt bin ich mit Equipment im Wert von 40 000 US$ unterwegs,« erzählt er. Aber die Systainer kann man von außen nicht sehen, denn die Scheiben sind diskret mit dunkler Folie verkleidet.

Heute ist Bens erste Station nicht weit entfernt: Nur zehn Meilen nördlich, kurz vor der Miramar Marine Corps Air Station liegt »San Diego’s largest Festool Dealer«. So steht es auf einem riesigen Banner gleich über der etwa 10 m langen Festool-Verkaufswand in der gewaltigen Lagerhalle, die als Verkaufsraum und Lager dient: amerikanische Dimensionen. Verkäufer Brent Akenson ist spezialisiert auf Festool und Bens Ansprechpartner. Man tauscht sich aus über Bestand, aktuelle Verkaufszahlen und das Kunden-Einkaufserlebnis. »TH & H generiert zehn bis 15 Prozent des Umsatzes in meiner Region,« erzählt Ben. »Diesen wichtigen Kunden besuche ich ein Mal pro Monat und wir arbeiten sehr eng zusammen, um den Umsatz noch weiter zu steigern.«

Surfen, Beachen, Skifahren

Nach dem kurzen Meeting geht es weiter zum nächsten Termin Richtung Norden auf der Interstate 15. Der Highway ist eine der Hauptverkehrsachsen in Südkalifornien und endet kurz vor Las Vegas. Eine Stunde später deutet Ben auf einen Berg: »Siehst Du den schneebedeckten Gipfel am Horizont?«, fragt er, während wir in seinem Pickup auf der Interstate 10 gen Osten fahren. »Das ist Big Bear. Meine Frau und ich planen mit Schweizer Freunden den California Triathlon: am gleichen Tag Surfen, Beachen und Skiing – das gibt es nur in Kalifornien!«

Seit Anfang 2017 lebt und arbeitet der Münchner Schreinermeister Benjamin Angerer in San Diego, im Süden Kaliforniens. Als Regional Sales Manager für Festool betreut er den Bereich San Diego County von der Pazifikküste bis nach Alpine im Osten und von Tijuana, Mexico nach Oceanside im Norden des County. Zudem Südnevada und ganz Arizona.

Gegen 10 Uhr verwandelt sich die karge Wüstenlandschaft langsam in eine Oase: Palmen säumen die Landstraße hinein nach Palm Springs, unzählige Wassersprinkler besprühen verschwenderisch saftig-grüne Rasenflächen. In den 60er-Jahren hat sich hier Frank Sinatra ein Haus gekauft und Eva Gardner erholte sich an ihrem Pool. Es kamen Bob Hope und Barry Manilow. Die Hollywood-Prominenz zog dann die »Snowbirds« an, Senioren, die den Winter in der Sonne Südkaliforniens verbringen.

»German Quality« – aus Bregenz

Das milde Klima war es auch, was Bens Kunden Paul Kaufmann her lockte. Der Schreinermeister kam 1992 aus Bregenz, Österreich, nach Palm Springs. Auf seiner Visitenkarte steht »Cabinetry and Furniture«. »Ich habe mich schon damals auf den Bau von Cabinets, also Einbauschränken spezialisiert,« berichtet der 50-Jährige. Zwischenzeitlich steht sein Name in der Umgebung für »German Quality«. In seiner Werkstatt im Gewerbegebiet fertigt er individuelle Küchen, Büro- und Badezimmermöbel. Zu seinen Kunden gehören Privatleute, Restaurants und Hotels. Zum Beispiel »The Rowan Hotel«, ein Vier-Sterne Boutique-Hotel in Palm Springs. Kaufmann hat hier ein 7 m hohes Bücherregal in der Lobby um den Kamin herum gebaut. »Das war ein sehr individuelles Projekt und es erforderte höchste Flexibilität. Ich habe das Regal just-in-time auf der Baustelle eingebaut. Viele meiner Kunden schätzen, dass ich einer der wenigen bin, die eine solche Aufgabe überhaupt lösen können,« erzählt er Ben. Die beiden verabschieden sich bei einem schnellen Espresso an der Bartheke und es geht weiter zum nächsten Kunden.

In Palm Desert, eine halbe Autostunde nordwestlich wird er von Brittney erwartet. Gemeinsam mit ihrem Vater Dennis leitet sie das »Painters Warehouse«, einen »Mom and Pop Store,« wie Ben das Malerfachgeschäft nennt. »Es ist toll, dass es in den USA überhaupt noch solche Läden gibt«, sagt er.

Es gibt noch kleine Fachgeschäfte

Das Fachgeschäft ist klein, übersichtlich und familiengeführt, anders als die Giganto-Fachmärkte der Ketten. »Hey Ben,« begrüßt ihn Brittney, »was hast du heute für uns dabei?« Das Painters Warehouse führt erst seit kurzem Festool und Ben hat einige Schleifmaschinen mitgebracht. Nachdem er den Werktisch aufgeklappt hat, demonstriert er Brittney die Vorzüge der neuen Modelle. Die Juniorchefin darf testen – und ist begeistert von der Power. Vater Dennis guckt immer mal wieder neugierig von seinem Platz hinter der Kasse vor und lässt seine Tochter machen.

Schleifgeräte sind ein Renner

Wichtig ist, gute Kundenbeziehungen aufzubauen. »Hier in den USA bin ich zum Vollblut-Verkäufer geworden,« grinst Ben. »Schleifer gehen am besten – die brauchen alle: Schreiner, Maler und Trockenbauer. Dann kommen die Sauger und die Tauchkreissägen. Beim Verkaufen halte ich es wie Warren Buffet, Amerikas Investorlegende: »Price is what you pay, value is what you get.« Frei übersetzt heißt das, »Den Preis bezahlst du, den Wert bekommst du.«

Brittney ist begeistert von Bens »In-Store-Training«. »Wir werden unser Festool-Sortiment ausbauen. Diese Qualität und Genauigkeit – gepaart mit den Saugern – überzeugt! Unsere Kunden, kalifornische Maler und Trockenbauer arbeiten zeitaufwändig und mühsam, indem sie erst mal alles total staubdicht abkleben. Das müssen sie mit diesen Tools nicht mehr! Mit diesem Verkaufsargument kann ich mein Klientel überzeugen.« Während Dennis und Brittney pünktlich um kurz vor 17 Uhr das Licht im Painters Warehouse ausschalten und Ben seinen Werktisch abbaut, wird der nächste Termin vereinbart: »See you in about a month«, sagt Ben mit einem freundlichen Händeschütteln.

Das stählerne Blau des kalifornischen Himmels hat sich zwischenzeitlich in eine dramatische Mischung aus lila, orange und rot verwandelt. Als Ben mit dem Ford den Gipfel der Santa Rosa Mountains erreicht, sind die ersten Sterne aufgegangen. Palm Springs liegt wie ein magischer Lichterteppich im Tal. Als leise Elton Johns »Rocketman« aus der Anlage ertönt, kommt er ins Schwärmen: »Das ist auch so was, was man nur hier erleben kann: Meine Frau und ich haben uns schon fest vorgenommen, Elton John live in Las Vegas zu sehen. Das werde ich vermissen, wenn wir wieder zurück in Deutschland sein werden.«


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet an der renommierten Deutschen Journalistenschule und ist Dozent an der Universität Hildesheim – und schreibt für dds. 


Das Meisterstück von Ben, ein Zigarren- und Whiskey-Sideboard erschien 2015 in dds

Drei Fragen an Schreinermeister Benjamin Angerer zum Business in Amerika

Wie sind die Perspektiven für junge Schreinermeister – gibt’s Bedarf?

Ich denke die Perspektiven sind super. Festool sucht gute Schreinermeister in den diversen Anwendungsbereichen, als Anwendungsspezialisten und als Trainer. 

Wirkt sich der »Trumpismus« auf das Business und den Alltag aus?

Aufs Tagesgeschäft hat die derzeitige US-Regierung keinen Einfluss. Dadurch, dass wir fertige, bzw. halbfertige Produkte in die USA exportieren, gibt es da meines Wissens keine Probleme.

Wer dominiert den US-Markt?

DeWalt, Milwaukee und Makita sind hier große Wettbewerber – die kommen uns technisch am ehesten nahe. Doch auch Super-Billigmarken aus dem Baumarkt wie Craftsman und Ryobi sind Wettbewerber, nicht wegen der Qualität, sondern dem Bekanntheitsgrad, dem Branding. Die Marke Festool kann in den USA noch stark gepusht werden.


Steckbrief

Festool ist Kernmarke der TTS Tooltechnic Systems, mit Sitz in Wendlingen – mit über 3 000 Mitarbeitern. In 80 Ländern ist Festool präsent und hat sich als Spezialist für Tischler, Schreiner und im Bereich Sanieren und Renovieren positioniert. www.festool.de

Anzeige
Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 11
Aktuelle Ausgabe
011/2020
EINZELHEFT
ABO
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
dds-Zulieferforum
Grafik des Monats

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »