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Jörn Brenscheidt realisiert kartenhausähnliche Treppe für Privatkunden

Jörn Brenscheidt realisiert kartenhausähnliche Treppe für Privatkunden
Kluge Symbiose

Das Podest hält das Geländer aus Glas und das Geländer wiederum das Podest: Für einen Privatkunden hat der Treppenbauer Hokon eine Treppe wie ein Kartenhaus konzipiert: Alles ist mit allem verbunden und steift sich gegenseitig aus.

Schön, nicht gewöhnlich und im Rahmen des Budgets – so wünschte sich ein Bauherr in Haltern am See seine neue Treppe. Sie sollte die vom Parterre bis zum Obergeschoss führende Bestandstreppe des Wohnhauses ersetzen und nun den neu ausgebauten Spitzboden miterschließen. Der Treppenbauer Jörn Brenscheidt hat dafür eine einzigartige Konstruktion aus Furnierschichtholz entwickelt, die das Material nicht versteckt, sondern in Gestalt von konischen Trittstufen bewusst präsentiert.

Das Ergebnis wirkt optisch wie eine Kragarmtreppe – weil die Ziegel der angrenzenden Bestandswand statisch belastbare und exakte Anschlüsse aber nicht gewährleistet und die nötigen Maßnahmen zur Ertüchtigung das Budget gesprengt hätten, kam eine direkte Befestigung nicht infrage. Stattdessen lagern die Trittstufen nun auf einer Wange aus Furnierschichtholz und auf dem Treppengeländer aus Glas.

Aus einem Block

Im Vorfeld wurde der Bestand digital aufgemessen, um auf dieser Basis die Treppenanlage zu fertigen. »Alles wurde aus Furnierschichtholzblöcken gebaut«, erklärt Brenscheidt die Konstruktion. »Die Grundlage bilden 45 mm dicke Platten. Die haben wir zunächst in Streifen geschnitten, dann um 90° gedreht und miteinander verleimt. Für die Trittstufen haben wir die fertigen Blöcke auf der 5-Achs-CNC gefräst und ihnen so ihre endgültige Form gegeben.« Auf diese Weise entstanden keilförmige Stufen, die an der Wand 120 mm Dicke und am Glasgeländer nur mehr 45 mm messen. Statisch reicht diese Stärke aus.

Montiert wurde alles vor Ort: Die 40 mm dicken Holzwangen sind mit zwei bis drei Schrauben pro Stufe an die Wand geschraubt und jede Stufe ist mit zwei 150 mm langen Bolzen in der Wange befestigt. Als zweite Wange dient die Brüstung aus 13,5 mm starkem VSG/ESG. Über Punkthalter sind sie mit dem Glas wie mit einer Wange verbunden. Verdeckt sind die Schraubenköpfe durch maßgefertigte Endstücke aus Holz, sodass die Treppe durch das Glasgeländer durchzulaufen scheint.

Um diesen Effekt zu erzielen, sägten die Schreiner von den mit 60 mm Überstand produzierten Stufen 40 mm breite Endstücke ab und fügten Ausfräsungen für die Schraubenköpfe ein. Im Anschluss kürzten sie die Stufen nochmals um die Glasstärke plus 2 mm Zugabe für Zwischenringe aus Gummi. Nach Montage der Stufen wurden die Enden passend zu den angrenzenden Stirnflächen mit dem Glas verklebt – die perfekte optische Täuschung!

Prinzip Kartenhaus

Auch die Zwischenpodeste sind anders als gewohnt: »Wir haben in jedes Podest eine Steigung integriert, weil die Steigungen bei einer geringeren Anzahl zu hoch geworden wären. Die Setzstufe haben wir dabei in Faltwerkoptik ausgebildet und fest mit dem Podest verleimt. Gleichzeitig haben wir die innen und auch außen am Podest entlanglaufenden Scheiben so konstruiert, dass sie die Durchbiegung des Podests aufnehmen«, erläutert der Treppenbauer und ergänzt: »Die beiden Zwischenpodeste und eigentlich das gesamte System funktionieren wie ein Kartenhaus: Jedes der Podeste wird von den Wangen getragen und über die Setzstufe miteinander verbunden.

So lagert die senkrechte Last eines Podestes auch auf der Glasbrüstung auf. Damit diese nicht zur Seite ausbricht, wird sie von Punkthaltern fixiert. »Das Glas trägt also das Podest, während das Podest das Glas hält«, zieht Brenscheidt Bilanz. »Wir haben mit Erfahrungswerten gearbeitet und für die Treppe keine Statik erstellt. Der Kunde hat darauf vertraut, dass die Treppe auch ohne Nachweis im Alltag stabil und unfallsicher ist – und das ist sie auch.«

Passgenaue Montage

Um unangenehme Überraschungen bei der Montage auszuschließen, bauten die Treppenbauer die Treppe vor dem Zuschnitt der Glasscheiben zunächst einmal mit Schablonen aus MDF-Platten auf. Erst wenn alles exakt stimmt, wird das Glas bestellt. »Schablonen für die Glasscheiben«, so Jörn Brenscheidt, »gehören zu unserer Arbeitsweise untrennbar dazu. Holz kann man im Notfall auf der Baustelle noch ein bisschen absägen, Glas nicht. Daher müssen die Maße absolut exakt sein.« Für eine authentische Optik und einen alltagstauglichen Schutz wurde die fertige Treppe mit einem Naturholzeffektlack von Remmers lackiert.


Christine Ryll ist Architektin und schreibt als Architekturjournalistin über die Themen Bau, Architektur und Immobilien. In dds hat sie bereits häufiger ausgefallene oder besondere Treppen vorgestellt.


Steckbrief

Planung und Ausführung:
Herbeder Holzwarenkontor
Jörn Brenscheidt GmbH
Wasserbank 21
58456 Witten
www.hokon.de


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