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Holzhandwerk beim Tempelbau in Kathmandu

Holzhandwerk beim Tempelbau in Kathmandu
Heiliges Holzhandwerk

CAD-Zeichnungen, Klüpfel, Stemmeisen und Handsäge, das sind die Zutaten, mit denen der Wiederaufbau des 1400 Jahre alten Kasthamandap-Tempels gelang – traditionelles Holzhandwerk in Kathmandu. dds-Autor Erol Gurian war als Dozent eines Fotojournalismus-Seminars vor Ort in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals.

Nepal ist ein Land atemberaubender Geschichten. Die des hölzernen Kasthamandap Tempels geht so: Als der himmlische Baum Kalpavriksha in Menschengestalt den Planeten Erde besuchte, um sich – quasi inkognito – das berühmte Matsyendranath-Fest anzusehen, wurde er von einem Tantra-Geistlichen erkannt. Dieser bat Kalpavriksha inständig darum, einen Tempel aus dem Holz des Baumes zu bauen. Das Ergebnis ist der Sage nach der Kasthamandap-Tempel, der ursprünglich vor 1400 Jahren errichtet wurde. Er soll der Stadt, in der er steht, seinen Nahmen verliehen haben: Kathmandu.

Unsere Geschichte geht im Jahre 1946 weiter. Laxmi Bhakta war gerade neun Jahre alt, als er damals begann, seinem Vater beim Schreinern zu helfen. Mit seinem Lohn von wenigen Cent hat er sich Süßigkeiten gekauft. Und schon damals bewunderte der kleine Laxmi den Kasthamandap-Tempel, dreistöckig und – wie man sich erzählt, erbaut aus einem einzigen Baum im siebten Jahrhundert nach Christus. Man benutzte damals das Holz des Salbaums (Shorea Robusta), der in den Monsunwäldern südlich des Himalayas wächst.

Ein lebenslanger Begleiter

Heute ist Laxmi 73 und leitet den Wiederaufbau des Gebäudes, das 2015 beim sogenannten Gorkha-Erdbeben zusammenbrach. Wären die Basen der Hauptsäulen nicht verrottet gewesen, vielleicht würde der Tempel noch stehen.

»Über siebzig Menschen sind damals im Tempel umgekommen,« erzählt Laxmi. »Um Überlebende zu bergen, mussten einige der riesigen Holzsäulen mit Kettensägen zertrennt werden. Das Holz wurde dann erst mal in Gebäuden in der Gegend gelagert.« Im Juni 2018 begann der Wiederaufbau. »Unsere Herausforderung war es, die richtigen Teile zu finden und sie so gut wie möglich wieder zusammenzusetzen,« berichtet der Schreiner.

Nachdem jedes Einzelteil erfasst und markiert worden war, kam ein Resistograf zum Einsatz; ein Gerät, mit dem der innere Zustand der antiken Hölzer ermittelt wurde. Immerhin waren es 100 Säulen, die vom Erdgeschoss aus den Tempel stützten. Nach Möglichkeit verwendet man jetzt wieder diejenigen Originalsäulen, die noch intakt sind. Einige verrottete Säulen aus dem Erdgeschoss wurden abgesägt und die versehrten Bereiche instand gesetzt. Sie konnten nun wieder im ersten Stock verwendet werden: Nachhaltigkeit als raffinierte Notlösung!

CAD-unterstützte Rekonstruktion

Im nächsten Schritt begann man, eine Bauzeichnung zu erstellen. Dabei konnte sich das Team an Zeichnungen aus den 70ern orientieren. Schon damals hat Laxmi an der letzten großen Restaurierung des Tempels mitgearbeitet. Und er war immer beteiligt, als im 20-Jahre-Rhythmus das große Dach erneuert wurde. Der Schreiner kennt das Gebäude wie kein anderer. Sechs Monate später waren die Zeichnungen fertig und der Wiederaufbau startete.

Bambusrohre wurden zu einem archaischen Baugerüst zusammengeschnürt, das aussieht, als sei es aus tausenden riesiger Mikadostäbchen konstruiert. Unmittelbar daneben, am bekannten Durbar Square, befindet sich Laxmis »Schreinerei«, ein lauschiger Innenhof, teils mit Plastikplanen regengeschützt. Gewaltige, quadratische Holzsäulen sind hier aufgeschichtet, eine neben der anderen. Man arbeitet mit antik anmutendem Werkzeug – mit großen Holzschlegeln werden Stemmeisen in das verwitterte, rote Holz getrieben; eine dicke Schicht von Holzspänen verbreitet einen exotisch-süßlichen Duft. Auf der Baustelle haben Laxmi und seine Schreiner das Sagen; die Architekten haben eine unterstützende Funktion. Aber auch Bürger des Ward Four, des Bezirks Vier von Kathmandu, sind am Wiederaufbau beteiligt.

Holzhandwerk – von der Tradition bestimmt

Der Vorsitzende des Projektes, Chairman Rajesh Shakeja, arbeitet ehrenamtlich mit und berichtet, wie schwer es ist, das richtige Material für den Wiederaufbau zu besorgen: »Es hat ewig gedauert, bis wir die richtige Erde gefunden haben, um damit unseren Mörtel herzustellen. Wir sind schließlich in Tahachal fündig geworden, einem Vorort von Kathmandu im Westen der Stadt. Aber unsere größte Herausforderung ist der Transport der Baumstämme aus dem Dschungel. Die Bäume sind riesig und es gibt keine entsprechenden Sägen,« erzählt Shakeja. »Wir fuhren immer wieder in den Dschungel, auf der Suche nach den besten Bäumen.« Im Oktober 2018 hat er gemeinsam mit Schreiner Laxmis Sohn und einem Team aus Spezialisten zwei Wochen im Dschungel verbracht. Man streifte durch die Wälder, schätzte Baumgrößen und Durchmesser, prüfte die Qualität des Holzes und begutachtete Straßen und Wege zur Bergung der Bäume. Schließlich entdeckte man einen Wald nahe Mahottari, einem Ort sechs Autostunden südöstlich von Kathmandu.

Entscheidend ist die Stammqualität

Insgesamt fällte das Team dort 150 Salbäume. Man ließ vor Ort eine Säge bauen, um die Stämme in die entsprechenden Formate schneiden zu lassen. Schreiner Laxmi und sein Team sind mittlerweile im dritten Jahr des Wiederaufbaus und haben insgesamt ca. 400 Kubikmeter Holz verbaut. Ohne die Corona-Pandemie hätte der Kasthamandap-Tempel inzwischen wieder geöffnet.

Kathmandu – Holzhandwerk mit Tradition

Die Nepali sind mehrheitlich hinduistisch. Einflüsse aus dem Buddhismus kann man an Tempelanlagen sehen. Tempel gehören in Kathmandu zum Straßenbild wie in deutschen Städten Garageneinfahrten. Es gibt kaum eine Straße, eine Gasse oder einen Platz ohne. Und wo Tempel sind, herrscht immer auch geschäftiges Leben: Fliegende Händler, Bettler, Touristen und Gläubige tummeln sich davor und darin. Im Vorbeigehen bringt man ein kleines Opfer, trinkt einen Tee oder lauscht den Tempelglocken.

Wie viele Tempel im Land gehört auch der Kasthamandap-Tempel zum Weltkulturerbe. Nachdem die Stadt den Auftrag ausschrieb und der Wiederaufbau beginnen sollte, mehrten sich schnell kritische Stimmen aus der Bevölkerung, von Konservatoren und Kulturexperten: Man plante nämlich zunächst, den Tempel aus Stahl und Beton wieder herzustellen. Zwei Jahre lang haben Kathmandus Bürger zusammengehalten – Alte wie Junge – und das Gelände abgeriegelt, sodass das staatliche Vorhaben in seiner ursprünglichen Form nicht beginnen konnte. Daraufhin bildete sich mit dem KRC eine Bürgerinitiative, die dafür gesorgt hat, dass der Tempel in der Originalbauweise mit traditionellen Materialien wieder aufgebaut wird. Das Engagement war der einzige Weg, die Essenz des heiligen Ortes zu bewahren. Wenn der Tempel nun wieder eröffnet wird, dann quasi wieder in »altem Glanz«, aus regionalem Holz, Sand, Lehm und Schlick, so wie vor ca. 1400 Jahren.

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Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet unter anderem an der Deutschen Journalistenschule, an der Akademie der Bayerischen Presse und ist Dozent an der Deutschen Welle Akademie.
Webseite Erol Gurian

 

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