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»Hightech alleine reicht nicht«

Technik
»Hightech alleine reicht nicht«

Schlagworte wie »Industrie 4.0« oder »vernetzte Produktion« stehen für Effizienz im Betrieb und gelten als der Megatrend schlechthin. Dieter Rezbach und Manuel Reinhardt empfehlen sogar Handwerksbetrieben, diese Idee aufzugreifen. Hightech sei keine zwingende Voraussetzung.

Dieter Rezbach und Manuel Reinhardt, Lignum Consulting

Fest steht, ein Handwerksbetrieb arbeitet schon lange nicht mehr wie Meister Eder, auch wenn dieses Bild in vielen Köpfen noch vorhanden sein mag. Längst haben moderne Maschinen, Computer und Internet im Handwerk Einzug gehalten. Viele Tätigkeiten wurden aus dem Bankraum ins Büro verlagert. Musste früher der Geselle den Aufriss für ein Erzeugnis noch selbst erstellen, geschieht dies heute im CAD. Auch die Generierung von CNC-Programmen, Zuschnittplänen und Stücklisten sind Tätigkeiten, die heute im Büro stattfinden und weitgehend automatisch aus den Konstruktionsdaten erzeugt werden. Grund genug, sich mit dem Thema vernetzte Produktion auch im Handwerk zu beschäftigen.
Spricht man in der Industrie von vernetzter Produktion oder Industrie 4.0 werden Ziele verfolgt wie, Prozesse zu vernetzen und individualisierte Produkte zum Preis von Serienprodukten herzustellen. Die Industrie geht damit immer stärker auf die Bedürfnisse des Kunden ein und damit einen Schritt in Richtung Handwerk. Damit dies möglich wird, sollen Maschinen und Bauteile selbstständig miteinander kommunizieren – sie müssen intelligent werden. Dies kann durch Kennzeichnung der Bauteile mittels Barcode oder RFID erfolgen. Die Bauteile verfügen bereits zu Beginn über das Wissen zu ihrem Herstellungsprozess, erforderliche Bearbeitungsparameter und sogar alternative Fertigungswege. Die Techniken, die dies möglich machen, sind heute bereits vorhanden. In der Möbelindustrie werden beim Plattenzuschnitt längst alle Teile mit Aufklebern und Barcode versehen, die Informationen zu Kanten- und Bohrbild enthalten. Die Teile sind so eindeutig identifizierbar und nachfolgende Bearbeitungsstationen können diese Informationen selbstständig auslesen und die Teile in der richtigen Art und Weise bearbeiten.
Die beschriebene Situation ist für viele Handwerksbetriebe so sicherlich nicht umsetzbar und auch gar nicht nötig. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Betriebe, was sowohl Mitarbeiteranzahl als auch Leistungsspektrum betrifft. Neben dem klassischen Allrounder haben sich viele Betriebe mittlerweile spezialisiert und ihre Fertigung entsprechend ausgerichtet. Angefangen vom reinen Montagebetrieb über Treppen- und Fensterbau, Möbel bis hin zum exklusiven Innenausbauer.
Sieben Disziplinen im Blick
Eines haben aber alle Betriebe gemeinsam – sie müssen ihre Prozesse so strukturieren und optimieren, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Und genau das steht im Kern von vernetzter Produktion. Es reicht nicht, wie es der Name vielleicht suggeriert, in die neusten Maschinen und Technologien zu investieren und alles elektronisch miteinander zu verbinden. Es geht vielmehr um das Zusammenspiel – die Vernetzung – verschiedenster Disziplinen. Lignum Consulting hat sie in sieben miteinander vernetzte Bereiche gegliedert.
Dazu gehört natürlich die Technik, in der die Maschinen eine zentrale Rolle spielen, aber auch Instandhaltung, Werkzeuge und Automation sind in diesem Zusammenhang nicht zu vernachlässigen. Eine wesentliche Rolle spielt natürlich auch die Strategie und die Ziele, die damit verfolgt werden. In diesem Zusammenhang gilt es, den Markt und die Zielgruppe zu kennen. Hier gibt es die Möglichkeit, sich firmenübergreifend zu vernetzen. Gerade spezialisierte Betriebe könnten mit anderen Betrieben kooperieren, um auch Zusatzleistungen anbieten zu können. Für kleinere Betriebe ist es häufig nicht wirtschaftlich, in teure Anlagen zu investieren. Diese könnten sich mit anderen Handwerkern zusammenschließen und einen gemeinsamen Maschinenpark nutzen, um eine höhere Maschinenauslastung zu erreichen und damit ihre Fixkosten zu reduzieren.
Zum Dritten die Datenintegration, durch die eine Vernetzung überhaupt erst möglich wird. Hier gilt es, ein durchgängiges System zu entwickeln, das alle Daten für die Kundenauftragsabwicklung verwaltet und in geeigneter Weise und an den richtigen Stellen zur Verfügung stellt. Separate Listen, die manuell erstellt werden müssen, sind dabei nicht zielführend. Sie erzeugen zusätzlichen Aufwand und erhöhen die Gefahr von Fehlern.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Organisation, in der sicher die größten Verbesserungspotenziale liegen. Hier gibt es Werkzeuge aus der Lean Production, um Arbeitsplätze und Prozesse zu optimieren, die auch zur Anwendung im Handwerk geeignet sind. Beispielhaft seien hier die Arbeitsplatzgestaltung nach 5S und die Organisation von Verbrauchsmaterialien über Kanban genannt.
Industrie 4.0 betrifft auch die Logistik. In diesem Zusammenhang gilt es, das richtige Produkt zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen. Betroffen sind hier sowohl Zulieferteile, die für die eigene Produktion benötigt werden, als auch fertige Waren, die zum Kunden müssen. Es nützt nichts, dem Kunden Termine zuzusichern und sie anschließend nicht zu halten, denn nur zufriedene Kunden sind Kunden, die wiederkommen.
So vielfältig und individuell das Produkt im Handwerk auch sein kann. Auch hier gibt es Ansatzpunkte, die es zu berücksichtigen gilt. Gerade bei spezialisierten Betrieben sollte Wert auf eine Produktstandardisierung gelegt werden. Aber auch Allround-Betriebe können sich Konstruktionsregeln zu eigen machen, die immer wieder in den Produkten Anwendung finden.
Der Mensch bleibt unentbehrlich
Ein Punkt, ohne den alle angesprochenen Maßnahmen jedoch nicht möglich sind, ist der Mensch. Denn ohne motivierte und leistungsbereite Mitarbeiter, die die Entwicklung vorantreiben, kann kein Unternehmen langfristig und erfolgreich am Markt bestehen. Dazu ist es auch nötig, geeignete Fortbildungsmaßnahmen anzubieten und Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden. Außerdem ist in Zukunft davon auszugehen, dass es immer mehr ältere Arbeitnehmer geben wird. Dazu sind geeignete Maßnahmen zu treffen, um diese bis zur Rente fit und qualifiziert im Berufsleben zu halten. Ergonomie und Flexibilität am Arbeitsplatz spielen dabei eine wesentliche Rolle. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Geburten und Schulabgänger. Hier gilt es für Betriebe, geeignete Anreize zu schaffen, um ihren Bedarf an Mitarbeitern zu decken.
Vernetzte Produktion geht also weit über vernetzte Maschinen hinaus. Dabei nützt es nichts, sich auf eines der genannten Themen zu konzentrieren, aber die anderen zu vernachlässigen. Unabhängig davon, ob es sich um einen Industrie- oder Handwerksbetrieb handelt, gilt es, alle Bereiche des Unternehmens zu betrachten und, passend zur jeweiligen Strategie, ins Gleichgewicht zu bringen.

Steckbrief

Lignum Consulting: Unabhängige Unternehmensberatung für Möbelhersteller und Holzverarbeiter, www.lignum-consulting.com
Guided Tours: Als Partner der Deutschen Messe veranstaltet Lignum gemeinsam mit der Fachzeitschrift Möbelfertigung Messeführungen zum Thema Industrie 4.0.
Ligna: Halle 26, Stand C29

Manuel Reinhardt

3755409

»Industrie 4.0 heißt Informationen für effektivere Prozesse.«
Lignum Consulting

Dieter Rezbach

3755410

»Industrie 4.0 erfordert, sieben Disziplinen aufeinander abzustimmen.«
Lignum Consulting
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