Ein Baum aus der Werkstatt

Einen ganz besonderen Auftrag hat die Schreinerei Joachim Pflug im schwäbischen Gomaringen der ältesten Eiche Deutschlands zu verdanken. Joachim Pflug berichtet, wie er den Baum neu entstehen ließ.

Das Müritzeum in Waren an der Müritz, ein vor kurzem eröffnetes naturkundliches Museum, beauftragte meinen Innenausbaubetrieb in Gomaringen, vom Stammfuß der ältesten Eiche Deutschlands ein 1:1-Modell aus MDF herzustellen.

Die 1200 Jahre alte Eiche steht in Ivenack, rund 30 km nordöstlich von Waren in Mecklenburg-Vorpommern. Mit unserem Bearbeitungszentrum frästen wir das Modell des Stammfußes mit seiner zerfurchten Rindenstruktur und dem Wurzelanlauf aus verleimten MDF-Platten. Das Ergebnis ist ein Halbstamm von mehreren Tonnen Gewicht, einer Höhe von 3,2 m und rund 6 m Breite. Wir grundierten die Oberfläche und ein Restaurator bearbeitete sie in Airbrush-Technik originalgetreu nach.
Unser Betrieb Pflug Innenausbau (www.pflug-innenausbau.de) und die Reutlinger Firma Quomodo (www.pflug-innenausbau.de) fertigen in enger Zusammenarbeit bereits seit 1997 dreidimensionale Geländemodelle. Hierzu werden die 3-D-Geländedaten in CAD/CAM-Systeme eingelesen und durch schrupp- und schlichtfräsen auf dem BAZ die Geländetopographie rekonstruiert. Die trittfesten Modelle erhalten eine schlichte weiße Lackierung. Mittels Beamerprojektion von Quomodo werden interaktive Informationen auf die Modelle projiziert. Die Modelle zeigen sehr anschaulich, geografische, meteorologische, historische oder touristische Sachverhalte. Hochwassersituationen, Gletscherbewegungen oder der Sonnengang können animiert ebenso plastisch dargestellt werden wie etwa die Siedlungsgeschichte, der Verlauf historischer Schlachten oder die Positionen von Skipisten bzw. Rad- und Wanderwegen einer Region.
Idee eines Museumsplaners
Auf der Mutec, Messe für Museen, Restaurierung und Kulturprojekte in München, wurden 2005 die Weichen für die Präsentation der ältesten Eiche Deutschlands in einem Museum gestellt. Helmut Kessler vom Ausstellungsplaner Kessler & Co. GmbH in Mühlheim zeigte sich von den Geländemodellen inspiriert und hatte die Idee, einen Baum zu fräsen. Unsere langjährige CNC-Erfahrung ließ auch diese kuriose Nachfrage realistisch erscheinen. Die Machbarkeit wurde schließlich anhand von Rindenstücken erprobt. Die Erfassung der Rindenstruktur durch einen Streiflicht-Laserscanner erwies sich als das geeignete Verfahren.
Der ehrwürdigste Baum Deutschlands, ein 1200 Jahre altes Naturdenkmal, die älteste und größte der Ivenacker Eichen, entpuppte sich als das zu liefernde Produkt. Der Baum hat einen Umfang von über 11 m und ist 36 m hoch. Im unteren Stammbereich zeigt die Schwerkraft ihre Wirkung. Die Rinde ist im Laufe der Jahrhunderte zusammengesackt und bildet zahlreiche Ausstülpungen und Furchen. Der Durchmesser im Wurzelbereich beläuft sich auf über 6 m.
Zehn Standpunkte – ein Motiv
Mit dem gebotenen Respekt rückten wir diesem Wunder der Natur nun zu Leibe und ließen den Stammfuß von insgesamt zehn Standpunkten aus berührungs- und zerstörungsfrei einscannen. In der Werkstatt sollte es dann weniger zerstörungsfrei weitergehen. Nachdem mein Sohn Julius die 6,5 Gigabyte Scannerdaten in das CAD/CAM-System eingelesen und in über 50 Abschnitte zerlegt hatte, fielen die Späne. Aus insgesamt 8 t verleimter MDF-Platten fertigten wir den 5 t schweren, 3,2 m hohen Halbstamm. Damit war ein BAZ über drei Monaten hinweg einige hundert Stunden im Dreischichtbetrieb beschäftigt. Wir montierten die Elemente in der Werkstatt vor Ort, grundierten das Modell mit grauem Lack und zerlegten es wieder für den Transport an die Müritz.
Der von innen begehbare Stamm ist das zentrale Objekt des Themenbereichs Wald im Müritzeum. Hier erfährt der Besucher von der Vielfalt der Lebensräume des Waldes und seiner Dynamik. Ähnlich vielfältig und dynamisch erlebten unsere Partner und wir die Arbeit an diesem außergewöhnlichen Projekt, bei dem Natur und Technik den Rahmen bilden für Meisterwerke aus Holz.
Joachim Pflug