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Onlinekonfigurator, mit dem Kunden frei geformte Möbel selbst entwerfen

Kunden entwerfen online, regionale Schreiner produzieren
Mit Freiform Geld verdienen

Das Saarbrücker Start-up Okinlab hat mit »form.bar« eine 3D-Web-Anwendung entwickelt, mit der Kunden Möbel selbst entwerfen. Schreinereien in der Nähe der Kunden produzieren die Möbel mit den erzeugten Daten. Ein Gespräch über marktgerechte interaktive Formfindung.

Das Gespräch führte dds-Redakteur Hubert Neumann

Die Adresse Gebäude A1 2, Universität des Saarlandes, Saarbrücken, in Verbindung mit dem Namen Okinlab, Laboratorium für Architektur & Design bedient ganz gut die Vorstellung von einem Start-up. 2015 hatten wir in dds über eine spektakuläre Freiformtheke aus der Feder von Okinlab berichtet. Das von Nikolas Feth und Alessandro Quaranta gegründete Unternehmen hat sich weiterentwickelt und etliche Anerkennungen und Preise für seine Ideen und seinen Unternehmergeist abgeräumt.
Herr Feth, Herr Quaranta, was bedeutet eigentlich Okinlab?
Nikolas Feth: In Okinlab sind Teile unserer Namen verschachtelt. Wichtig ist das »lab« für Laboratorium. Wir sind ein Experimentierraum für neue Materialien, Innovationen und Fertigungstechnologien. Es geht darum, neue Wege zu finden, um Einrichtungen oder architektonische Konzepte effizient umzusetzen. Innovativ heißt für uns, neue Dinge entwickeln, vorantreiben und deshalb mehr zu sein als nur »Designbüro« – eben lab!
Sie gehen als Start-up neue Wege?
Alessandro Quaranta: Genau, für uns geht es darum, Fertigungskompetenzen im Markt mit neuen Ideen, Gestaltungsansätzen, Konstruktionen und Kundenwünschen optimal zu verknüpfen. Deshalb entwickelten wir eine Software, um Endkunden mit frei formbaren Möbeln über das Internet zu erreichen, zu begeistern und mit lokalen Schreinern als Produzenten zusammenzubringen.
Was ist das Besondere an form.bar?
Feth: Es ist das Zusammenspiel des Ganzen. Eine außergewöhnliche Formensprache, die harmonisch, funktional aber normalerweise komplex in der Umsetzung ist. Der automatisierte Prozess vom individuellen Design in 3D, über die Abstimmung, die Preisbildung bis zur Ausführungsplanung und der Herstellung. Alles ist in einer Software vereint – die Symbiose aus allem ist das Einzigartige.
Wie entsteht die Form?
Quaranta: Wir haben uns mit Bionik, mit dem Übertragen von Phänomenen der Natur auf die Technik beschäftigt – konstruktiv und gestalterisch. Daraus entstand das Grund-Know-how unserer Freiformung. Der Algorithmus und die Automatisierung ermöglichen die Fertigung durch lokale Betriebe und Unikate werden zu Preisen von Standardprodukten möglich.
Feth: Digitalisierung macht Individualisierung einfacher. Knapper werdender bezahlbarer Wohnraum in den Städten verlangt eine optimierte Einrichtung. Ein Bücherregal benötigt keine konstante Tiefe von 32 cm. Im Gehbereich zu einer Tür hin reichen Regaltiefen für Taschenbücher aus. Bildbände stehen dort, wo größere Möbeltiefen räumlich und gestalterisch Sinn machen. Verschachtelt auf der CNC oder dem Nesting-Maschinentisch kann man materialsparend fertigen.

Dieses Video erklärt das System:

»Freiform kann die große Freiheit sein – oder auch ein Gezappel von Höhen und Tiefen.« Ich zitiere den Entwurfslehrer Wolfgang Nutsch …
Feth: Möbel sollen ergonomischer werden – sollen aber nicht nach Kraut und Rüben aussehen! Dies war wichtig bei der Schaffung des Programmes. Lange haben wir daran geforscht und den Algorithmus so entwickelt, dass die Form, der Schwung immer harmonisch bleiben. Der Blick auf die Natur, auf das Schwarmverhalten von Vögeln oder Fischen hilft dabei. Gibt es dort eine Richtungsänderung, dann schwappt das Ganze in schönen Wellen in die geänderte Richtung – nichts bricht aus. Das haben wir versucht zu übertragen. Verziehe ich die Kontur an einem Punkt, dann ist es nicht nur die Regalseite an dem Punkt, sondern das Gesamtgefüge passt sich an mit allen benachbarten Teilen – es wird schwierig, ein unharmonisches Ergebnis hinzubekommen! Wir sind überrascht, was die Kunden so gestalten, wie kreativ sie den Onlinekonfigurator benutzen. Es geht über Regale und Stauraummöbel hinaus. Wir haben Tische, Theken, Barhocker oder auch Betten und Liegen (Regal hingelegt plus Futon) als zu fertigendes Ergebnis erhalten – ästhetisch geformt.
Noch mal zum Verständnis: Wer entwirft? Endkunde oder Schreiner?
Quaranta: Beide – zuvorderst aber erst einmal der Endkunde. Auf ihn zielt das Marketingkonzept mit dem Onlinekonfigurator ab. Bisher sitzen die meisten Schreiner lange daran, Entwürfe, Pläne und daraus ein Angebot für ihre Kunden zu erstellen. Steht der Preis, nennt er diesen dem Kunden – ist dem das zu teuer, war die Arbeit für die Tonne! Nutzt ein Interessent unseren Onlinekonfigurator kann er mit ein paar Klicks und Mausbewegungen ein einzigartiges Möbel entwerfen – und ihm wird in Echtzeit online der Endpreis ausgeworfen. Über die Materialauswahl und etwa die Größe kann er ein Möbel zielgenau auf sein Budget hin konfigurieren. Erst der Klick auf »Bestellen« erzeugt die Fertigungsdaten, die dann an einen Schreiner aus dem Netzwerk gehen.
Feth: Wird die Aufgabe für den Laien zu komplex, stehen unser Designservice,der Händler oder die Partner-Schreiner dem Kunden zur Seite.
Arbeiten Schreiner und Kunden mit den gleichen Tools?
Feth: Der Partnerbetrieb hat einen Professional-Zugang mit vielfältigeren Möglichkeiten, ein Möbel zu individualisieren. Sowohl im Preis, in der Größe, Materialität, der Verformbarkeit, aber auch abgestimmt auf den einzusetzenden Maschinenpark. Das Raster des Kunden sind Zentimeter, das des Profis Millimeter. Wir überlassen es den Profis, also Schreinern oder auch Händlern, vordefinierte Grenzen zu überschreiten.
Wer sind die Partnerbetriebe?
Quaranta: Zielsetzung ist ein bundesweites Netz, sodass jeder Kunde in seiner Region den geeigneten Betrieb bekommt. Da sind wir erst am Anfang und suchen weitere Profis! Aktuell sind es 13 Meisterbetriebe. Rund 100 weitere zeigen Interesse. Nicht jeder ist geeignet. Wobei es nicht nur um Parameter wie die Fertigungskompetenz geht – im Netzwerk kann auch gegenseitig gefertigt werden.
Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit aus?
Quaranta: Unser Kooperationsmodell sieht eine Lizenzgebühr vor. Mit dem Schreiner machen wir Werbeaktivitäten damit »form.bar« und der Schreiner in der definierten Region online präsent sind. Viele Kunden würden für ein Möbel nie den Weg zum Schreiner finden. Über »form.bar« werden vom Schreiner gefertigte Möbel nach Maß einfacher zugänglich. Die automatisierte Plattform reduziert die Kosten. Davon profitieren alle, der Kunde mit einem bezahlbaren Unikat, der Schreiner mit zusätzlichen Erträgen – und auch für uns geht das Ganze auf.
Wohin geht die weitere Entwicklung?
Feth: Bereiche wie der Ladenbau warten auf Lösungen. In kürzester Zeit durch professionelle Plattformen liefern – das zu ermöglichen, da sind wir richtig stark.

 

Steckbrief

»form.bar« von Okinlab

Individuelle Möbel, per Onlinekonfigurator entworfen, vom Schreiner gefertigt

Okinlab GmbH, 66111 Saarbrücken, info@form.bar

www.form.bar/produkte/moebel/regale

Wer sich als Fertigungsbetrieb für eine Zusammenarbeit mit Okinlab und für das System „form.bar“ interessiert, findet hier weitere Informationen: www.form.bar/partner
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