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Handwerkliche Revolution?

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Handwerkliche Revolution?

Seit der Hannover-Messe 2013 geht das Thema »Industrie 4.0« als die vierte industrielle Revolution durch die Medien. Darüber, was das überhaupt ist, und was das für den Tischler und Schreiner bedeutet, sprach dds mit dem Homag-Group-Vorstand Dr. Markus Flik.

Die vierte industrielle Revolution ist ausgebrochen: die sich selbst organisierende Fabrik mit dem Namen »Industrie 4.0«. Mischt Homag da mit?

Ja, da sind wir vorne dabei. Industrie 4.0 ist die massive Vernetzung von Mechanik, Elektronik und Daten. Wir meiden bei Homag jedoch den Begriff und nennen es »vernetzte Produktion«, da ist klarer, was gemeint ist. Die Idee eignet sich für Handwerk und Industrie gleichermaßen, sofern es im Betrieb einen Material- oder Fertigungsfluss gibt, den es zu organisieren gilt. Zur vernetzten Produktion gehören fünf Sachen: ein digitales Bauteil (CAD-Daten), intelligente, kommunikationsfähige Maschinen mit »Augen, und Ohren«, ein wissendes Werkstück sowie die horizontale und die vertikale Vernetzung. Die horizontale Vernetzung ist die Kommunikation zwischen den Maschinen beziehungsweise Fertigungsstationen, die vertikale erstreckt sich vom Verkauf über die Konstruktion und Fertigung bis zur Montage beim Kunden.
Warum sollte ein Betrieb seine Produktion vernetzen?
Dem Industriebetrieb geht es darum, kundenindividuell kleine Losgrößen oder sogar Einzelstücke möglichst günstig, im Idealfall zu den Kosten der Massenproduktion herzustellen. Der Handwerksbetrieb erzielt mit der Vernetzung standardisierte und optimierte Workflows. Er nutzt Rationalisierungseffekte gegenüber der konventionell organisierten Fertigung. Die Vernetzung lässt den Industriebetrieb handwerklicher und den Handwerksbetrieb industrieller und somit produktiver arbeiten. Insgesamt wird sich damit die Leistungsfähigkeit der Branche in Handwerk und Industrie steigern.
Wie können wir uns denn die vernetzte Tischlerei in Werkstatt und Büro vorstellen?
Zunächst zur Werkstatt, hier führt vor allem die horizontale Vernetzung zum Erfolg. Bei Säge-Lager-Kombination sprechen beispielsweise die Säge und das automatische Lager miteinander, ein Beispiel für relativ häufig realisierte horizontale Vernetzung. Weiterer Kommunikationspartner ist hier die Verschnittoptimierung, beispielsweise »SchnittProfit«. Beim Zuschnitt entscheidet sich, wie effektiv die anschließenden Bearbeitungen laufen. Daher hat unser Tochterunternehmen Holzma eine Software als Abstapelhilfe entwickelt. Sie zeigt dem Maschinenführer, auf welchen Stapel er den jeweiligen Zuschnitt legen soll. Hier können auch Roboter die Arbeit kostengünstiger, zuverlässiger und genauer übernehmen. Unsere Tochter Bargstedt setzt bereits Roboter für das Handling von Plattenresten ein. Bei all diesen Beispielen treffen Maschinen, Transport- und Lagertechnik, Daten und Menschen aufeinander. Eine geschickte Vernetzung und am Bedarf orientierte Optimierungsprogramme sorgen für einen insgesamt besseren Arbeitsfluss. Das sind zwar zunächst alles Einzeldinge, sie bringen jedoch den Tischler und Schreiner voran.
Glaubt man den Industrie-4.0-Propheten, sucht sich das Werkstück selbst den Weg durch die Fertigung, sagt der Maschine »bohr mich so und so« und dem Spritzroboter »lackier mich blau«. Geht das in einer Schreinerei?
In Industriebetrieben ist das bereits Realität, im Handwerk geht das in dieser extremen Form natürlich so schnell nicht. Dazu mangelt es noch an der horizontalen Vernetzung. Fertigungszellen, die so arbeiten, gibt es jedoch auch schon im Handwerk. Das funktioniert beispielsweise so: Beim Zuschnitt erhält jedes Teil ein Barcodeetikett. Es übermittelt der Kantenanleimmaschine und seiner Rückführung, welche Werkstückseite mit welchem Kantenband und welchem Profil zu versehen ist. Außerdem sagt das Etikett der CNC, wo und wie zu bohren und zu fräsen ist. Die bessere Vernetzung wäre hier eine Zellensteuerung, ein Leitrechner. Dieser kann weiter vorausschauen, die nächste Maschine frühzeitig, etwa über einen Kantenbandwechsel informieren und so Wartezeiten vermeiden. Mittlerweile können wir solche Leitsysteme recht einfach realisieren, weil unsere zukünftige Zellensteuerung »WoodFlex« und die konzernweit vereinheitlichte Maschinensteuerung »PowerControl« aufeinander abgestimmt sind.
Gehen wir von der Werkstatt ins Büro. Von welchen Vernetzungen kann hier der Tischler und Schreiner profitieren?
Hier sind vor allem die CAD-CAM-Systeme zu nennen. Die Daten fließen von der Konstruktion bis in die Maschine. Im günstigsten Fall reicht das vom Point of Sale, etwa im Webshop mit Produktgenerator oder im Küchenstudio bis zur Montage. Die vertikale Vernetzung bietet hier vor allem dem Handwerker die große Chance seinen Kunden zum Codesigner zu erheben und ihn in den Entstehungsprozess seines Möbels miteinzubinden.
Sehen sie noch weitere Möglichkeiten der vertikalen Vernetzung?
Mehrere Schreiner können sich untereinander vernetzen und die Arbeit aufteilen. Sie können gemeinsam ein Werkzeugmanagement betreiben, ähnlich wie sich Landwirte zusammentun, um sich einen Mähdrescher zu teilen. Für das Cloud-Werkzeugmanagement gibt es jetzt übrigens öffentliche Fördergelder. Mehrere Betriebe könnten sich weiterhin absprechen, wer sich auf was spezialisiert, und sich die Aufträge in ihrem Verbundnetzt zuspielen.
Erfolgreiche Industriebetriebe haben KVP institutionalisiert. Sollten Sie das mit der Vernetzung auch machen?
Ziel von kontinuierlichen Verbesserungsprozessen (KVP) ist Lean-Production. Es steht in der Mitte zwischen der dritten industriellen Revolution (Massenfertigung) und der aktuellen vierten. Ich würde das KVP-System weiterführen, so die Prozesse schlank halten, und die Vernetzung darauf aufsetzen. Homag-Maschinen verfügen über das »MMR«-System (Machine Monitoring & Reporting). Es liefert Auswertungen der Produktionsdaten in das KVP-System. Damit baut KVP auf einer automatisch erzeugte Datenbasis auf. Vernetzte Produktion und KVP befruchten sich gegenseitig.
»Industrie 4.0« ist also kein reines Industriethema. »Handwerk 4.0«?
Wir verwenden bei Homag ohnehin nur den Begriff »vernetzte Produktion«. Mit »Handwerk 4.0« wäre ich aber auch einverstanden.
Das Interview führten dds-Redakteur Georg Molinski und Chefredakteur Hans Graffé
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