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"Der digitale Zwilling" im Holzhandwerk: Die digitale Wahrheit kommt

"Der digitale Zwilling" im Holzhandwerk
Die digitale Wahrheit kommt

»Jedes Teil in 3D zu konstruieren ist viel zu aufwendig«. Diese Aussage hört Markus Faust im Gespräch mit Kollegen oft. Warum der »digitale Zwilling« für viele Betriebe im Moment tatsächlich nicht wirtschaftlich, aber dennoch die Zukunft ist, erläutert er in diesem Beitrag.

Gerade kleinere Schreinereien stellen sich immer wieder die Frage, ob es wirklich sinnvoll und wirtschaftlich ist, Einbausituationen komplett in 3D aufzuziehen und diese bis zum letzten Minifixbolzen detailgetreu digital zu konstruieren. Neben hohen Anschaffungskosten ist auch der gekonnte Einsatz der Software eine ernst zu nehmende Herausforderung. Wäre es da nicht deutlich smarter, mit ein paar Strichen eine vereinfachte Zeichnung zu erstellen und gewisse Details der Werkstatt zu überlassen?

Grundsätzlich ist diese Frage berechtigt und wenn wir den Fokus auf die Gegenwart setzen, ist das Thema 3D gerade für die ein oder andere kleine Schreinerei nicht immer wirtschaftlich darstellbar. 3D braucht ein gewisses Maß an Fertigungsanlagen, um so richtig glänzen zu können. Es geht aber nicht nur um das jetzt, sondern es geht um Strategien, die notwendig sind, um auch in fünf Jahren noch wirtschaftlich sein zu können.

Lassen Sie uns ein einfaches Beispiel nehmen: Sie schreiben am PC einen Brief in einem Textprogramm. Die Textdatei ist dabei der digitale Zwilling, oder auch die digitale Wahrheit. Sobald Sie den Befehl »Drucken« betätigen, startet die Produktion. Es existiert eine klare Trennung zwischen dem digitalen und dem realen Produkt. Damit Sie ein Produkt realisieren können, müssen Sie es digital vorbereiten. Das heißt, die Hauptarbeit findet eigentlich in der Erstellung des digitalen Briefes statt. Fehlt ein Buchstabe in der Textdatei, wird er auch nicht gedruckt. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Dokument am Drucker A oder B gedruckt wird – das Ergebnis ist immer das Gleiche.

Wie in fünf Jahren arbeiten?

Wir Schreiner steuern auf einen sehr vergleichbaren Prozess zu. Wir müssen das Textprogramm einfach gedanklich mit einem CAD-Tool ersetzen.

Wenn ein Möbel digital vorgefertigt wurde, ist es per Knopfdruck möglich, dieses in Produktion A, B oder C fertigen zu lassen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Sie können so nicht nur selektiv produzieren, sondern auch große Transportwege eliminieren, in dem Sie sich erlauben die Produktion zum Teil, oder komplett extern zu vergeben. Die Zentralisierung und Automatisierung der Produktionsstätten ist nicht aufzuhalten – fragen Sie mal die Bäcker.

Auch unser Handwerk wird sich der zunehmenden Modularisierung nicht entziehen können. Was uns aktuell noch davor bewahrt und den Prozess etwas verzögert, ist zum einen unser geliebter und nicht standardisierter Werkstoff Holz. Doch sobald kein Massivholz mehr im Spiel ist, sind die Auswirkungen schon deutlich spürbar. Zum anderen mangelt es an Standardisierung zwischen Software und Maschine. Es ist eigentlich traurig, dass meine Mitarbeiter einen nicht unerheblichen Teil damit verbringen, für jeden Kunden aufs Neue die Brücke zwischen CAD und Fertigung aufzusetzen und zu adaptieren.

Fakt ist, Fertigungen digital anzubinden ist nichts Neues. Und Fakt ist, dass viele junge Schreinereien genau davon profitieren. Das Produkt wird im eigenen Unternehmen digital gefertigt und die Daten anschließend in eine externe Fertigung eingespeist – sozusagen eine Laptop-Produktion. Dabei können so manche Teile auch über einen intelligenten Webshop bezogen werden. Doch in diesem Fall sind Sie dann nicht der Besitzer des digitalen Zwillings! Derjenige der zukünftig die digitale Wahrheit »besitzt«, wird tonangebend sein und entscheidet, wer, was, wo und wie produzieren wird. Dem digitalen Zwilling ist es egal, ob wir in ein paar Jahren Bauteile vielleicht sogar selbst drucken oder weiterhin über eine Plattensäge schieben. Es ist also keine Frage der Firmengröße, sondern eher des Produktportfolios und der Produktkomplexität.

Die digitale Wahrheit kommt

Möglicherweise fällt es Ihnen noch schwer, sich auf diese Reise einzulassen und neue Perspektiven zuzulassen. Vielleicht hilft Ihnen dabei unser kleines Rätsel auf der linken Seite. Auch hier kann es einige Zeit dauern, bis die Lösung offensichtlich wird. Die digitale Wahrheit kommt mit großen Schritten auf uns zu und wird unsere Branche einmal auf links drehen. Nicht nur für größere Unternehmen ist es deshalb wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Auch für kleinere Unternehmen kann der digitale Zwilling ein entscheidender Baustein sein, um auch in Zukunft wirtschaftlich produzieren zu können.

Auftragsklarheit ist das Stichwort für unseren nächsten Bericht! Wir sprechen in dds 5/2021 über die Wichtigkeit dahinter und die daraus resultierenden Auswirkungen in der Kommunikation mit unseren Kunden.

In dds 3/2021 hat Markus Faust sich mit der Frage beschäftigt, ob man als Schreiner heute überhaupt noch eine Produktion braucht. Zu finden auf www.dds-online.de


Markus Faust ist Geschäftsführer der AV-Line GmbH in Siegsdorf. Er unterstützt und berät Schreiner in den Bereichen Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, CAD/CAM und Digitalisierung


»Auch ein Text, den Sie am PC schreiben, ist ein digitaler Zwilling. Sobald Sie den Befehl »Drucken« betätigen, startet die Produktion«

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