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Digitalisierung im Tischler- und Schreinerhandwerk

Digitalisierung im Tischler- und Schreinerhandwerk
Daten sind das neue Öl

Welchen Nutzen bringt die Digitalisierung dem Tischler und Schreiner? Was ändert sich damit im betrieblichen Alltag? Was ist zu tun, damit die Umstellung zum langfristigen Erfolg führt? Sebastian Mex von Lignum Consulting sagt, worauf es ankommt.

Was bringt die Digitalisierung dem Tischler und Schreiner? Digitalisieren bedeutet zunächst einmal das Umwandeln analoger Werte in digitale, computerlesbare Formate. Daneben steht der Begriff aber auch für die digitale Transformation. Dahinter verbergen sich Veränderungsprozesse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die digitale Informationen nutzen, um Potenziale abzuschöpfen. Grundsätzlich lässt sich Digitalisierung nur der Basis von Informationen und Daten betreiben.

Um am Markt zu bestehen, muss der Tischler und Schreiner heute vor allem die individuellen Wünsche seiner Kunden erfüllen. Wie kann Digitalisierung aber dazu beitragen, diese Kundenorientierung abzubilden, zu unterstützen und einen Mehrwert entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu generieren? Dafür braucht es geeignete digitale Prozesse. Diese lassen sich weder mit Zettelwirtschaft, Informationen auf Zuruf, Chaos oder Strukturlosigkeit noch mit dem Freiheitsstreben in seiner persönlichen Kreativität des Einzelnen in Einklang bringen. Digitale Prozesse basieren auch nicht auf Bauchentscheidungen. Gute Mitarbeiter können zwar anders als digitale Prozesse oft schlechte Planungen jenseits klarer Regeln kompensieren, jedoch arbeiten sie trotzdem nicht so zuverlässig und schnell wie ein Computer.

Digital nur mit klaren Regeln

Während es immer noch Maschinen gibt, die ohne Daten auskommen, hält die Digitalisierung aber auch schon bei herkömmlichen Maschinen Einzug. Zum Beispiel können Formatkreissägen mit Software und Anzeigen zur Verschnittoptimierung ausgerüstet sein oder Handwerkzeuge mit RFID-Tags, um stets zu wissen, wo es sich befindet oder ob der Akku nachzuladen ist. Der Informationsbedarf zur Abwicklung der Prozesse und Ansteuerung der Maschinen steigt immer weiter an: Daten sind das neue Öl. Bereits im Vertriebsprozess gibt es Möglichkeiten der Digitalisierung. Ein Aufmaß muss heute nicht mehr mittels Zettel und Stift aufgenommen werden. Es gibt Aufmaß-Apps, in denen die Maße von Räumen, Fenster- und Türöffnungen oder Deckendurchbrüchen direkt digital per Smartphone oder Tablet erfasst werden können oder auch direkt von einem Lasermessgerät in die Aufmaß-App übernommen werden können.

Weiterhin besteht bei komplexen Raumsituationen die Möglichkeit, ein 3D-Aufmaß mittels Laserscan oder tachymetrischen Messsystemen zu erzeugen. Die Daten fließen über die Cloud zum Planer im Büro. Ohne manuelles Übertragen vom Papier in den PC kann dieser sofort einen Kundenvorschlag entwickeln und visualisieren, sodass der Kunde eine genaue Vorstellung des fertigen Produktes in seiner speziellen Raumsituation erhält. Mithilfe einer VR-Brille könnte der Kunde sich sogar in einem virtuellen Raum in 3D das geplante Ergebnis ansehen und sich darin bewegen.

Digital aufmessen und planen

Aus der 3D-Planung heraus lässt sich weiterhin die Konstruktion des Produktes erstellen. Die Softwaresysteme greifen online auf die aktuellen Beschlagdaten verschiedener Hersteller inklusive Bohr- und Fräsdaten zu. Am Ende der Konstruktion erfolgt eine Artikelauflösung in Stück- und Bestelllisten, die in andere Programme wie Zuschnittoptimierungen oder ERP-System hineinfließen.

Aus den Konstruktionsdaten lassen sich weiterhin die Maschinendaten wie Schnittpläne, Bohr- und Fräsprogramme und Produktionsstücklisten generieren. Nach der Artikelauflösung ist außerdem jedes Einzelteil eindeutig identifiziert und es lassen sich Barcode- oder RFID-Etiketten an den Zuschnittmaschinen für die Teilekennzeichnung erzeugen. Jedes Bauteil führt unverwechselbar die relevanten Informationen für den Lauf durch die Fertigung mit sich. Ein händisches Beschriften oder Rätseln, um welches Bauteil es sich handelt, entfällt.

Digital produzieren

Kleinere Betriebe, die nur planen und montieren, könnten so generierte Teileinformationen an spezialisierte Teilefertiger übermitteln. Auch bei der Lagerhaltung bietet die Digitalisierung Möglichkeiten, die Prozesse zu verschlanken.

Damit sich so ein Szenario und damit eine Digitalisierung überhaupt umsetzten lässt, sind strukturierte und standardisierte Prozesse und Abläufe zu definieren. Hier gilt es, zunächst einmal zu verstehen, wie die Prozesse im Unternehmen überhaupt funktionieren und den Ist-Zustand zu beschreiben. Anschließend sind die Soll-Prozesse zu modellieren. Dabei sind unter anderem folgende Fragen zu klären:

  • Wo fallen welche Informationen an?
  • Wer ist alles am Prozess beteiligt?
  • Wo werden welche Informationen benötigt?
  • Gibt es rechtzeitig verwertbare Informationen?

Es gilt also, zunächst eine strukturierte Organisation aufzubauen, in der die Prozesse klar definiert sind. Dies betrifft gleichermaßen die Produktion wie auch die Administration. Dazu ist es von zentraler Bedeutung, seine Prozesse zu verstehen um diese anschließend im Rahmen der Digitalisierung in einer durchgängigen Systemlandschaft abzubilden.

Bei konsequenter Verfolgung bedeutet dies:

  • keine handgeschriebenen Listen
  • keine individuellen Lösungen in Excel
  • Eliminierung von Medienbrüchen
  • Reduzierung der Anzahl von Datenträgern
  • Festgelegte Regeln für die Datenablage
  • Reduzierung von Verlustzeiten
  • schnellerer Auftragsdurchlauf

Gesamtheitliche Strategie

Zum Aufbau digitaler Prozesse braucht es allerdings noch mehr als nur Softwaresysteme. Wir bei Lignum Consulting haben dazu ein Gedankenmodell – den »Orbit der vernetzten Produktion« – mit sieben Handlungsbereichen entwickelt, die alle miteinander in Verbindung stehen. Dieses Modell setzt sich aus der Strategie, dem Produkt, der Organisation, der Technik, der Datenintegration, der Logistik und dem Menschen zusammen. Mit einer Digitalisierungsstrategie können sich auch die Anforderungen an das Personal ändern. Gegebenenfalls kann dadurch Personal eingespart werden oder mehrere Maschinen oder Anlagen von einer Person betreut werden.

Im Gegenzug kann es allerdings auch nötig werden, dass im Büro mehr Personal mit anderen Qualifikationen eingesetzt werden muss. Beispielsweise ein Konstrukteur. Neben dem Personal sind selbstverständlich auch alle anderen Kategorien des »Vernetzten Orbits« zu betrachten und dürfen für eine effektive Lösung nicht außer Acht gelassen werden. Das Thema der Digitalisierung lässt sich also nicht losgelöst von allem anderen betrachten.


Sebastian Mex von Lignum Consulting entwickelt für Möbelhersteller in Industrie und Handwerk gesamtheitliche Lösungen in den Bereichen Strategie, Technik/Produktion sowie Organisation. www.lignum-consulting.com

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