CAD/CAM-Einführung, Teil 2

Welches CAD ist das richtige?

Die Entscheidung für oder wider ein bestimmtes CAD-System hat erheblichen Einfluss auf die Abläufe in Büro und Werkstatt. Markus Faust beschreibt, wie er mit seinem Unternehmen AV-Line Tischler und Schreiner bei der Wahl der richtigen Software unterstützt.

Tobias Jung, Geschäftsführer der Lignum Arts GmbH in Fürstenfeldbruck ist bewusst, dass er seine Prozesse und internen Abläufe immer wieder unter die Lupe nehmen muss. Die Lignum Arts GmbH entwickelt Möbel und Einrichtungskonzepte, die flexibles Wohnen und Arbeiten mit höchster Funktionalität ermöglichen. Auch als kleiner, hochinnovativer Betrieb mit fünf Mitarbeitern, will Jung kontinuierlich in die Zukunft investieren. Seit 15 Jahren arbeitet er mit AutoCAD. In den vergangenen zwei Jahren wirft das Thema für ihn jedoch zunehmend Fragen auf:

 Ist das vorhandene CAD-System noch das richtige?

 Wie finde ich ein bezahlbares Werkzeug, welches meinen Abläufen im Unternehmen zusätzlichen Rückenwind verleiht?

 Was gibt mir die Sicherheit, mit dem neuen System ertragreichere Produktionsprozesse zu erreichen?

Gemeinsam mit seinem Team besuchte Tobias Jung diverse Messen. Er und seine Mitarbeiter tauschten sich mit Softwarehäusern aus und sahen sich diverse Softwarelösungen an, um letztlich immer mit einer Restunsicherheit zurückzukehren und das Thema erneut hinten anzustellen. Man konnte sich nie zu einer finalen Entscheidung durchringen.

Damit sollte nun endlich Schluss sein und er wandte sich an AV-Line Consulting. Sein Ziel: sich selbst auf seine hochwertigen Massivholzprojekte zu konzentrieren und die Entscheidungsfindung in Sachen CAD von einem neutralen und unabhängigen Partner vornehmen zu lassen.

Folgerichtig wurde ein Workshoptermin bei Lignum Arts in Fürstenfeldbruck vereinbart. Zwei Wochen vorher erhielt Tobias Jung vorbereitende Unterlagen: Eine umfangreiche Selbsteinschätzung sollte erste Flaschenhälse aufzeigen und mögliche Handlungsfelder definieren.

Ursachen von Symptomen trennen

Diese Selbsteinschätzung geht weit über den reinen Softwareeinsatz hinaus. Denn gerade bei der Ist-Analyse ist es wichtig, den Fokus nicht ausschließlich auf das Werkzeug (in diesem Fall also das CAD-System) zu legen, sondern als erstes das Unternehmen ganzheitlich zu scannen, um herauszufinden, inwieweit das Werkzeug überhaupt die Ursache der festgestellten Probleme ist. Häufig ist das CAD-System nur das Symptom. Die Ursache hingegen liegt oftmals an ganz anderer Stelle.

Im gemeinsamen Workshop wurden zunächst einige Vieraugengespräche geführt. Von der Geschäftsleitung, über die AV bis hin zur Fertigung wurde aus jedem Bereich mindestens ein Mitarbeiter interviewt. Neben den unterschiedlichen Blickwinkeln sind auch die persönlichen Meinungen elementare Bestandteile der Analyse, woraus sich letztendlich ein ganzheitlicher neutraler Blick auf das Unternehmen ergibt.

Augenöffnend war für Tobias Jung vor allem die Frage: »Herr Jung, würden Sie zum heutigen Zeitpunkt Ihr vorhandenes CAD-System immer noch kaufen?« Einer kurzen Denkpause folgte ein leichtes Lächeln. In diesem Moment wurde Herrn Jung einiges klar … Die eigentliche Frage war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr, ob ein neues CAD-Werkzeug notwendig, sondern nur noch, welches das richtige ist.

Was ist wünschenswert, was nötig?

Diese Frage kann allen Unternehmen helfen, die vor der gleichen Herausforderung stehen: neues System ja oder nein? Meist ist unser Bauchgefühl ein sehr guter Ratgeber.

Ein weiteres Ziel der Interviews war es, herauszufinden, welche Werkzeugeigenschaften und Funktionen nur ein Wunsch und welche tatsächlich eine Notwendigkeit sind. Auf die Frage, »Was müsste Ihrer Meinung nach ein neues CAD/CAM-Werkzeug mitbringen, um maximalen Nutzen für Ihr Unternehmen zu stiften?«, kommen nicht selten zu Beginn Anforderungen die mehr das Wollen und weniger das Brauchen in den Vordergrund rücken. Die Unterscheidung von Wollen und Brauchen ist ein notwendiger Schritt, der das Projekt deutlich voranbringt.

Erst wenn das erfolgt ist, setzt man sich mit der Priorisierung der definierten Anforderungen auseinander. Mit möglichst spontanen Antworten auf Fragen wie »Was ist Ihnen wichtiger: automatischer 2D-DWG-Import, oder xy?« erreicht man genau diese Priorisierung. Wichtig: Nur spontane Antworten zählen! Bei der Priorisierung muss der Blick immer auf das Wesentliche – die Wertschöpfung – gerichtet werden. Bei jeder Funktion, die ein Kaufkriterium darstellt, sollte man sich immer überlegen, inwieweit diese Funktion überhaupt zur Wertschöpfung beiträgt.

Ist diese Funktion wertschöpfend?

Nehmen wir schraffierte Schnittzeichnungen als Beispiel. Sind diese Zeichnungen wirklich wertschöpfend? Würden unsere Kunden es wertschätzen und möglicherweise extra Geld ausgeben, um Pläne mit Schraffuren zu erhalten? Oder ist das lediglich eine Scheinanforderung, die am Ende nicht zur Wertschöpfung beiträgt? Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen: Sind Schnittzeichnungen überhaupt notwendig? Aber das ist ein anderes Thema …

Auffallend oft werden Kriterien zu nah am Werkzeug (spirch: am CAD-System) gesucht. Dabei gibt es sehr viele weiche, nicht weniger wichtige Faktoren. Hier einige Beispiele: Wie viele Schreiner am Markt beherrschen die Software? Wie wartungsintensiv ist eine Software? Wie lange arbeitet ein Mitarbeiter pro Tag mit der Software? Nehmen wir einmal diese letzte Frage. Es besteht ein großer Unterschied, ob sich der Mitarbeiter drei Stunden pro Tag mit der Software beschäftigt und ansonsten Aufmaß und Fertigung zum Aufgabenfeld gehören, oder ob es sich um einen reinen Konstrukteur handelt, der acht bis zehn Stunden pro Tag nahezu ausschließlich konstruiert. Hier wiegen vor allem Gründe der Wirtschaftlichkeit. Die Software hat deutlich weniger Arbeitsstunden pro Jahr, um sich zu amortisieren. Des Weiteren sollte bei geringen Einsatzstunden pro Tag ein leicht erlernbares, wartungsarmes Programm, mit einer intuitiven Bedienoberfläche priorisiert werden.

K.-o.-Kriterien definieren

Eine Sonderstellung nehmen noch sogenannte K.-o.-Kriterien ein. Beispiel: Was hilft Ihnen eine Software, bei welcher rein der Anschaffungspreis mehr als das doppelte Ihres maximalen Budgets darstellt? Ihr Budget ist in diesem Fall ein K.-o.-Kriterium – die Software fliegt aus Ihrer Bewertung. Selbstverständlich sollte man mit K.-o.-Kriterien möglichst sparsam sein, sonst eliminiert man am Ende eine Software nach der anderen aus der möglichen Liste – mit dem Ergebnis, dass keine mehr übrigbleibt.

Ist die Anforderungsliste einmal durch K.-o.-Kriterien bereinigt und gleichzeitig priorisiert, hat man seinen firmeninternen Kompass, der mehr oder weniger automatisch zur richtigen Software führt. Es ergibt sich ein deutliches Bild, welche Software zum Unternehmen passt.

Sichere Entscheidungsfindung

Die Vorgehensweise kennt man aus Autozeitschriften oder auch von Stiftung Warentest. Es werden Kriterien definiert und mit einer maximal zu vergebenen Punktzahl priorisiert. Der große Vorteil dieser Vorgehensweise: Man blickt immer nur isoliert auf ein Thema und erreicht so eine bestmögliche, objektive Benotung. Das Ergebnis entsteht über die Aufsummierung der Punktzahl.

Am Endes des Workshops gab es für Lignum Arts eine kurze und kompakte Präsentation, in der die drei Favoriten als Ergebnis der Analyse vorgestellt wurden. Zusätzlich erhielten Tobias Jung und sein Team einen Handlungsplan mit den drei wichtigsten Punkten, an denen als nächstes angesetzt werden sollte. Außerdem eine Roadmap, in welcher Reihenfolge und welchem zeitlichen Horizont die nächsten Schritte zu tun waren.

Lignum Arts hat dadurch mit einem Bruchteil der Zeit und letztlich auch mit einem Bruchteil der Kosten einen auf das Unternehmen abgestimmten Lösungsvorschlag erhalten.


Markus Faust ist Geschäftsführer des Beratungs- und Dienstleistungsunternehmens AV-Line in Traunstein. Sein Credo: »Erst analog, dann digital – nur sauber strukturierte Prozesse lassen sich sinnvoll digitalisieren!«


Kontakt

Markus Faust leitet das Unternehmen AV-Line, welches sich in die Bereiche Beratung und externe Arbeitsvorbereitung für Schreiner und Innenausbauer teilt.

www.av-line-consulting.de
www.schreiner-av.de