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Erst wenn Prozesse im Betrieb analog rundlaufen, lassen sie sich sinnvoll digitalisieren
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CAD/CAM-Einführung, Teil 1

Erst analog, dann digital

Wenn die AV an Kapazitätsgrenzen stößt, denkt mancher Betriebsinhaber über die Anschaffung eines CAD/CAM-System nach. Richtig so, meint Unternehmensberater Markus Faust. Wissen sollte man allerdings, dass sich nur sauber strukturierte Prozesse sinnvoll digitalisieren lassen.

Markus Faust, AV-Line, Traunstein

Wer kennt das nicht? Die Auftragsbücher sind rappelvoll. Eine Anfrage folgt der nächsten. Projekte, für die man vor Jahren noch dankbar gewesen wäre, müssen schweren Herzens abgesagt werden. Und das, obwohl die Fertigung noch das ein oder andere Projekt verkraften könnte. Der Grund der Absage liegt häufig in einer maßlos überforderten Arbeitsvorbereitung.

Warum ist die AV ständig am Limit?

Doch was hat sich verändert und warum entwickelt sich die AV zunehmend zur Schlüsselabteilung? Lassen Sie uns zehn Jahre zurückblicken, in eine Zeit, als noch vieles manuell geplant wurde. Das Modewort »Durchgängigkeit« stand damals noch nicht auf der Tagesordnung. Die Vorgehensweise war äußerst pragmatisch. Wenn die AV nicht nachgekommen ist, hat sie einfach einen Teil der Tätigkeit, in Form von unvollständigen Konstruktionen und Plänen, an die Fertigung weitergereicht. Somit hat die Fertigung indirekt einen Teil der Kapazität der AV übernommen.

Und wie sieht es heute aus? Die zunehmend digitale Verlagerung der Wertschöpfung in die AV hat zwei entscheidende Konsequenzen. Zum einen ist das Know-how und somit die Anforderung an die Mitarbeiter stark gestiegen. Wir können es daran erkennen, dass man zunehmend Techniker und sogar Ingenieure in diesen Positionen wiederfindet. Know-how lässt sich nicht einfach mal so skalieren. Die Fertigung hat es da entschieden leichter. Es werden zusätzliche Maschinen gekauft, auf Zweischichtbetrieb gewechselt oder auch Aufträge an Subunternehmer weitergegeben. Bei der überwiegend geistigen Arbeit der Arbeitsvorbereiter ist spätestens nach zehn Stunden Schluss. Mit jeder weiteren Stunde sinkt die Effektivität rapide. Auch die Einarbeitung neuer Mitarbeiter gestaltet sich im Vergleich zur Fertigung langwierig und aufwendig.

Zum anderen müssen wir verstehen, dass durch die Verschiebung der Wertschöpfung in die Arbeitsvorbereitung mehr Kapazitäten gebunden werden. Das Produkt wird dort bereits vollständig beschrieben – sozusagen eine digitale Fertigung! Was zur Folge hat, dass bei durchgängig digitalen Prozessen die Stundenleistung in der Konstruktion steigt. Ich wiederhole es noch einmal, weil es so wichtig ist: Damit Ihre Wertschöpfung im Unternehmen steigen kann, müssen Sie bereit sein, in der Konstruktion und AV langsamer zu werden!

Bevor Sie jetzt vorschnell denken, »dann lasse ich lieber alles so wie bisher«, lade ich Sie dazu ein, sich diese Veränderung bewusst zu machen und entsprechend zu reagieren. Nichts zu tun und sich an alte Vorgehensweisen zu klammern, ist definitiv keine Lösung. Wir müssen mit der Zeit gehen, sonst gehen wir mit der Zeit. Es ist wichtig, sich dem Thema strategisch zu nähern. Veränderungen können nicht mit der Brechstange erzwungen werden.

Weiter wie bisher ist keine Lösung

Die vermeintliche Rettung ist ein durchgängiges CAD/CAM-System. Eingebettet zwischen Auftragsgewinnung und Fertigung soll die CAD/CAM-Software ein entscheidender Knotenpunkt und Übersetzer sein. Daten werden vollautomatisch importiert, wieder exportiert und damit alle NC-gestützten Maschinen per Knopfdruck ansteuert. Die Theke oder der Einbauschrank fliegen am Bildschirm im Nu zusammen. Die Konstruktionsarbeiten gehen rasend schnell. So weit die Theorie.

Die Realität sieht jedoch oft anders aus: Selbst ein Jahr nach dem Softwarekauf ist man mit dem neuen System unproduktiver als mit dem alten. Bei wichtigen Projekten weichen Mitarbeiter sicherheitshalber auf das alte System aus. Man fährt sozusagen auf unbestimmte Zeit zweigleisig. Die Unterhaltskosten steigen kolossal. Projekte landen einmal so und einmal so in der Fertigung, was den Produktionsfluss erheblich stört.

Nur was rundläuft, läuft auch digital

Was läuft falsch? Ist 3D-CAD doch nicht das Richtige? Grundsätzlich schon, doch wir müssen festhalten, dass 3D-CAD kein Problemlöser, sondern eher ein Prozess-Stabilisator ist. Digitale Werkzeuge, so auch das CAD-System können nur Prozesse stabilisieren, die auch vorhanden sind. Chaos und Unklarheit können nicht abgefangen werden. Prozesse, egal welcher Art, müssen immer zuallererst analog funktionieren, bevor wir sie im Anschluss automatisieren können. Auf gar keinen Fall andersherum! Eine CAD/CAMSystemintegration mit fehlender analoger Vorbereitung und Struktur, auf welche die Digitalisierung gelegt werden kann, ist zum Scheitern verurteilt.

Genauso sollten wir uns wieder mehr auf die Pragmatik konzentrieren. Getreu dem Motto: Automatik folgt Pragmatik. Wir dürfen bei all der Digitalisierung und notwendigen Veränderung nicht übersehen, dass wir auch noch Geld verdienen müssen. Sprich, wenn wir unseren konstruktiven Prozess durch digitale Unterstützung um fünf Prozent verbessern können, doch gleichzeitig einen Pflegeaufwand von sieben Prozent oder mehr haben, hat die Umstellung keinen Nutzen. Die richtige Vorgehensweise ist daher: Problem identifizieren – analoge Lösung erarbeiten – analogen Prozess digitalisieren.

Mit einer vierteiligen Beitragsreihe möchte ich aufzeigen, wie aus »Flaschenhals Arbeitsvorbereitung« ein »Wettbewerbsvorteil Arbeitsvorbereitung« werden kann! In der folgenden dds-Ausgabe (4/2018) erfahren Sie zunächst, wie Sie ermitteln, ob Ihr vorhandenes CAD-System überhaupt ein Flaschenhals ist. Der dritte Beitrag dieser Reihe handelt dann davon, wie Sie Ihre Prozesse und Strukturen analog vorbereiten können. Und im letzten Beitrag geht es um die Königsdisziplin: Wie man einen Softwarewechsel erfolgreich und ohne nennenswerte Produktionseinbußen meistert!


Markus FaustAV-Line

»Wer bereit ist, in AV und Konstruktion mehr Zeit zu investieren, holt Wertschöpfung in den Betrieb!«


Kontakt

Markus Faust leitet das Unternehmen AV-Line, welches sich in die Bereiche Beratung und externe Arbeitsvorbereitung für Schreiner und Innenausbauer teilt.

www.av-line-consulting.de
www.schreiner-av.de