Serie: Digitale Produktion im Holzhandwerk, Teil 4

Womit komme ich ans Ziel?

Der Tischler und Schreiner soll kreativ, aber gleichzeitig effizient vorgehen. Das vierte Leistungsfeld der Serie »Fit für morgen – die digitale Produktion« widmet sich der Applikation, also der Software zum Planen, Konstruieren und Produzieren.

Der Konstrukteur hat jede Menge Herausforderungen zu meistern. Er soll kreativ, aber gleichzeitig auch standardisiert vorgehen. Die Frage dahinter: Gibt es überhaupt ein CAD-Werkzeug, das beide Bereiche abdecken kann, beziehungsweise wie kann die Lösung konkret aussehen?

Es gibt zwei Lager. Viele Schreiner sagen: »Bei uns ist alles so speziell und mit so vielen Änderungen behaftet, das geht nur mit 2D!« Und dann gibt es andere, die sagen: »Wir brauchen unbedingt 3D, denn nur so bekommen wir einen sauberen digitalen Fertigungsprozess hin!« Doch wer hat recht? Ich behaupte beide. Genau wie der Schreiner eine Stichsäge und eine Handkreissäge besitzt, bin ich überzeugt, dass auch ein Konstrukteur mehrere Werkzeuge haben kann – gegebenenfalls sogar haben muss. Aus meiner Sicht ist die Wahrheit eine Linie mit den beiden Polen 2D und 3D. Beide Pole haben ihre Berechtigung. Die Frage ist vielmehr: In welchem Bereich dieser Linie befindet sich Ihr Unternehmen?

Vom Konzept über die Details …

Um das festlegen zu können, lassen Sie uns zuerst vor Augen führen, was eine Konstruktion und AV eigentlich zu tun hat. Vier Schritte sind dabei elementar: Im ersten Schritt brauchen wir ein Konzept. Es handelt sich um die oberflächliche Beschreibung des späteren Produktes, oft auch Freigabezeichnung genannt. Im zweiten Schritt geht es darum, Detaillösungen zu erarbeiten und Problemstellungen in Lösungsansätze zu transformieren. Im dritten Schritt müssen die Detaillösungen zu einer Gesamtlösung zusammengefügt werden. Immer mit dem Fokus, möglichst variantenarm und fertigungsfreundlich zu konstruieren. Die Geometrie anschließend in Fertigungsdaten, Stücklisten und CNC-Programme zu wandeln, ist der vierte und letzte Schritt.

… zur Gesamtlösung

Wie Sie in der Grafik unten erkennen können, sinkt mit jedem Schritt die Kreativität und im Gegenzug steigen die Anforderungen an eine Schematisierung konstant an. Zu Beginn benötigen wir maximale Kreativität – zum Ende hin maximale Struktur.

Dem Konstrukteur im kreativen Prozess regelgesteuerte CAD-Systeme zur Seite zu stellen, wird nicht funktionieren. Eine fehlerfreie, 100-prozentig eindeutige Fertigungsansteuerung mit kreativen Werkzeugen ist ebenfalls nahezu unmöglich. Das bedeutet, am Anfang braucht der Konstrukteur ein Werkzeug, das die Kreativität fördert und im weiteren Verlauf ein System, das immer mehr reglementiert und schematisiert.

Vom kreativen Auftakt …

Als Unternehmer sollten Sie sich also fragen: Wie viel Prozent Ihrer Tätigkeit bewegen Sie sich in welchem der vier oben genannten Sektoren? Es kann sogar sein, dass Sie einen der vier Schritte überhaupt nicht bedienen müssen oder sich in Ihrem Unternehmen die Reihenfolge der Schritte vertauscht. Entscheidend ist die prozentuale Verteilung. Hinter jedem Teilbereich stecken unterschiedliche notwendige Kerneigenschaften.

Die Frage ist, gibt es überhaupt ein CAD-Werkzeug, das Ihnen über diese vier Teilbereiche gleichermaßen maximal unterstützend zur Seite steht? Klare Antwort: Nein! Sie kennen vielleicht auch die klassischen Reibereien zwischen Architekten und Konstrukteuren. Der Architekt ist ein Kreativdenker. Bei der Arbeit des Konstrukteurs steht eine analytische Vorgehensweise im Vordergrund. Diese zwei Welten zu vereinen, ist die große Kunst. Die Frage ist, wenn Menschen mit unterschiedlichen Blickwinkeln nur sehr schwer auf einen Nenner kommen, wie soll es dann ein Werkzeug können? Zumal Werkzeuge von Menschen programmiert werden.

… zum schematisierten Abarbeiten

Die Lösung ist jetzt vielleicht einfacher als Sie vermuten: Verwenden Sie für den kreativeren Teil ein kreatives Werkzeug und für den schematischen Teil eben ein schematisches. Mache ich dadurch nicht alles doppelt? Die Antwort: Jein. Gegebenenfalls muss ein Teil an Informationen bei beiden Systemen überschneidend gepflegt werden. Im Gegenzug arbeiten Sie in den einzelnen Schritten um so viel schneller, sodass sich dieser Mehraufwand leicht amortisiert.

Wir machen es in unserem Unternehmen (www.schreiner-av.de) nicht anders und arbeiten mit zwei Systemen. Auch dort haben wir das komplette Spektrum vom Aufmaß bis zum fertigen CNC-Programm im Portfolio. Intern unterscheiden wir zwischen Vorplanung und Fertigungsplanung. Für die Vorplanung nutzen wir Werkzeug A und für die Fertigungsplanung Werkzeug B. Ist keine Vorplanung gefordert, sprich die Aufgabenstellung klar, verwenden wir ausschließlich Werkzeug B. Zwei Dinge sind dabei wichtig: Man sollte mit der Fertigungsplanung erst beginnen, wenn der Kunde eine Freigabe erteilt hat. Diese Freigabe ist natürlich ein theoretischer Idealzustand. In Wahrheit sieht die Praxis häufig anders aus. Änderungen bis kurz vor Fertigungsbeginn sind die Regel. Was tun? Hier muss ein Umdenken stattfinden. Wir müssen verstehen, dass die Produkterstellung bereits digital beginnt. Mit der Folge, deutlich kürzere Durchlaufzeiten in der Fertigung realisieren zu können. Aus Kundensicht ist es also völlig unerheblich, ob wir uns noch in der digitalen oder bereits in der realen Welt befinden. Die Gesamtdurchlaufzeit bleibt für den Kunden gleich, sie beginnt nur bereits im Digitalen. Mit der Konsequenz, dass wir zukünftig bereits im Digitalen Nachträge einfordern müssen und nicht erst, wenn die Bauteile bereits zugeschnitten wurden.

Vielleicht mehrere Programme, …

Der zweite, fast noch wichtigere Punkt, es darf immer nur ein Werkzeug geben, welches letztlich die Fertigung bedient. Die Prozesse davor können mit einer anderen Software unterstützt werden. Für die Fertigungsanbindung ist es jedoch von elementarer Bedeutung, dass sie ausschließlich über ein fest integriertes CAD/CAM-Werkzeug angesteuert wird.

… aber nur ein CAD/CAM-Werkzeug

Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Thema Individualisierung eine zentrale Rolle spielt. Selbst Massenprodukte, wie Getränke, sind mittlerweile personalisiert. Beispiel: Coca-Cola. Der Verbraucher findet seinen eigenen Vornamen auf dem Flaschenetikett aufgedruckt! Der Kunde von heute möchte das Gefühl haben, sein ganz spezielles, eigenes Produkt zu bekommen. Nahezu industriell fertigen und das trotz Losgröße 1, heißt die Königsdisziplin, die fast jeder Innenausbauer zu bewältigen hat.

Die Hauptarbeit in der Konstruktion und AV ist es, eine Idee in eine Geometrie zu übersetzen. Im Anschluss muss die Geometrie wieder in eine Information verwandelt werden. Wir ändern zweimal den Aggregatzustand: Idee – Geometrie – Information. Der springende Punkt ist, nur mit einem 3D-CAD-System schaffen Sie einen vollständigen digitalen Übergang von Geometrie zu Fertigungsinformation (CNC-Programm, Stückliste, Zeichnung). Und genau hier steckt der ganz große Unterschied zwischen 2D und 3D: Mit einem 2D-System ist das nicht möglich. Völlig egal, über welche Software wir sprechen. Diesen Übergang bekommen Sie nur mit 3D hin.

Wenn Sie unsicher sind, ob nun 2D oder 3D das richtige System für Sie ist, dann sollten Sie sich bewusst machen, wie Ihr Unternehmen in Zukunft aufgebaut sein soll. Wollen Sie digitalisierte Prozesse bei Losgröße 1 im Unternehmen haben, dann kann es letztlich nur über 3D gehen, weil nur 3D diese Hürde schafft. Die Frage lautet deshalb nicht, ob Sie 3D brauchen, sondern eher, ob Ihnen unterstützend zusätzlich noch ein 2D-System dienen kann.

Nur 3D oder zusätzlich auch 2D?

Wenn Sie die vom Markt gesetzten Herausforderungen auch zukünftig bewältigen wollen, kommen Sie an einem 3D-CAD-System nicht vorbei. In wie weit vorgelagert zusätzlich noch ein 2D-Werkzeug Sinn machen kann, hängt maßgeblich von Ihrem Anforderungsprofil ab. Ob Ihr derzeitiges CAD-Werkzeug noch Stand der Technik ist, verrät Ihnen unser Unternehmens-Selbsttest TimeAV. Diesen können Sie auf unserer Website www.av-line-consulting.de zeitlich begrenzt, kostenlos downloaden. Im nächsten Bericht geht es um das Thema Methodik. Erfahren Sie, wie Sie trotz Losgröße 1 und maximaler Kundenorientierung die Gemeinkosten in Ihrem Unternehmen niedrig halten können.


Markus Faust und sein Team arbeiten in der Arbeitsvorbereitung mit 2D- und 3D-Systemen. Er betreibt das auf Schreiner-AV spezialisierte Beratungsunternehmen AV-Line Consulting in Traunstein, www.av-line-consulting.de.


30-Minuten-Selbsttest

Wo stehe ich mit meiner AV und meinem Betrieb derzeit? Wo ist Handeln angesagt? Antwort gibt ein 30-Minuten-Selbsttest. AV-Line stellt diesen für die Leser dieses Beitrags auf ihrer Homepage zum Download zur Verfügung: www.av-line-consulting.de

Jede Folge dieser Serie beleuchtet ein möglicherweise vom Test benanntes Handlungsfeld.