Farbige Perspektiven

Der Künstler Oliver Westerbarkey richtet 210 Vitrinenkästen auf Fluchtpunkte aus und schafft einen illusionären Raum. Zusätzliche Spannung und Frische erzeugt er mit Unifarbtönen. Die Schreinrei Hartmann in Taufkirchen hat das Möbelstück gefertigt.

Das kleine Fenster im Photoshop zeigt für die Farbauswahl schachbrettartig angeordnet kleine quadratische, unifarbene Kacheln, siehe Bild Seite 60 links unten. Die Farbfolge scheint über weite Bereiche allmählich zu verlaufen, während einige harte Brüche diese Harmonie jäh stören. Das erzeugt Spannung. Ein Ordnungsprinzip lässt sich nicht ableiten. Der Künstler Oliver Westerbarkey bediente sich dieser Farbpalette. Im Rahmen des 2011 von der Stadt München ausgeschriebenen Wettbewerbs »Kunst am Bau« befasst er sich mit dem 7,2 m breiten, 3 m hohen und 20 cm tiefen Vitrinenschrank »Kinn Louis« für die Haupt- und Förderschulen am Innsbrucker Ring in München. Sie sollte als eine gemeinsame Plattform dienen, in die sich alle Schüler von der Frühförderklasse bis zu den neunten Jahrgängen auf ihrem eigenen Wissens- und Entwicklungsstand einbringen können. Der Name ist ein Anagramm des Begriffs Inklusion.

Oliver Westerbarkey kopierte die Farbpalette gleich dreimal in ein Photoshop-Dokument. Jede Kopie verzerrte er auf einen Fluchtpunkt hin. Schließlich setzte er die drei Flächen so zusammen, dass eine Raumecke aus einem Fußboden und zwei Wänden zu sehen ist. Die Farben hat er nicht komplett 1:1 übernommen, sondern auch mal eine Reihe weggelassen oder einen Farbton verändert, bis ihm das Gesamtbild gefallen hat. Jedes verzerrte Feld stellte ein Vitrinenfach dar. Mit einem farbigen Modell aus Pappe hat er den Wettbewerb gewonnen und erhielt den Zuschlag, den Schrank bauen zu lassen. Die Kostenobergrenze von 65 000 Euro ergab sich aus dem Regelwerk des Wettbewerbs. Die Suche nach einem Schreiner, der das umsetzen konnte, erwies sich als schwierig. Über einen bekannten Architekten stieß Oliver Westerbarkey dann auf die Schreinerei Hartmann im niederbayerischen Taufkirchen. Vor drei Jahren trafen sich alle Beteiligten und stellten fest, dass sich die Vitrine auch im gegeben Kostenrahmen realisieren lässt. Zwei Jahre später folgte der Auftrag.
Die Schreinerei Hartmann baut Hotels und Gaststätten aus und beschäftigt 26 Mitarbeiter. Alexander Hartmann konstruierte die Vitrine mit AutoCad. Für jedes der 210 Fächer sah er einen eigenen, auf Gehrung zusammengefalteten Korpus vor. Außenbündige Rückwände sorgen dafür, dass die Winkel stimmen und sich alle Elemente dicht zusammenfügen lassen. Mithilfe des »Flex-5«-Schwenkaggregats von Benz waren die Gehrungen auf der Homag-CNC im Nu präzise geschnitten. Das Bearbeitungszentrum lieferte auch noch Sperrholzschablonen, nach denen der Glaser die Glastüren fertigte. Ein Mitarbeiter war allein einen ganzen Tag damit beschäftigt, auf der eigenen Zweihorn-Farbmischanlage die 94 vom Künstler vorgegebenen Farbtöne zu mischen. Die Anlage besteht aus einem Regal mit den Mischkomponenten, die grammweise einem Weißlack zuzufügen sind, sowie einer Waage. Eine Software von Zweihorn gibt die Grammzahlen vor.
Alexander Hartmann resümiert: »Der Auftrag forderte uns heraus und bereicherte uns. Mit CAD, der DXF-WoodWop-Schnittstelle, dem Schwenkaggregat und unserer Farbmischanlage waren wir dem jedoch gewachsen. Die Kalkulation ging auf.«

Steckbrief

Der Künstler Oliver Westerbarkey, geb. Schmidt, ist Steinmetz und studierte an der Akademie der Schönen Künste in München, www.oliverwesterbarkey.com
Die Schreinerei Hartmann GmbH, 84326 Falkenberg-Taufkirchen, www.hartmann-schreinerei.de, baut Hotels und Gaststätten aus und beschäftigt 26 Mitarbeiter.