Selbstgebauter Beschlag öffnet Schubkästen

Da ist Mechanik im Spiel

Spielfreude bringt der Spieltisch von Andre Kotik schon bevor das eigentliche Spiel losgeht, nämlich bereits beim Öffnen der Schubkästen für die Spielfiguren.

Bis zu vier Spieler finden am runden Tisch und Meisterstück von Andre Kotik in Berlin Platz. In der Mitte liegt in einem eingearbeiteten Metallrahmen bündig mit der Tischoberfläche ein Intarsienspielbrett. Auf der einen Seite befindet sich ein Schachbrett, auf der anderen ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Jeder Spieler hat sein eigenes, jeweils um 90° versetztes Schubkästchen und darüber in der Tischplatte eine kleine Mulde am Spielfeldrand. Letztere nimmt die aus dem Spiel herausgeworfenen Figuren auf.

Wer das Spielbrett wenden möchte, es durch die Mulden ergreift und anhebt, erhält Einblick ins Innere des Tisches. Ähnlich wie bei einer Armbanduhr mit Glasboden zeigt sich, wenn auch nicht so filigran, ein ästhetisch gestalteter Mechanismus mit einem ornamentalen, jugendstilartigen und großflächig durchbrochenen Deckel, einer runden Scheibe und Stangen aus Edelstahl. Die Oberflächen zeigen eine feine gebürstete Struktur aus sich überschneidenden Kreisen, die wohl mit einer rotierenden Topfbürste erzeugt wurden. Offensichtlich handelt es sich dabei um einen Mechanismus zum Öffnen und Schließen der Schubkästen, und zwar durch das Drehen der Tischplatte.

Aber auch derjenige, der keinen Einblick ins das Innere hatte, kann das Geheimnis des Tisches lüften. Der Tisch steht auf zwei Paaren querfurnierter, sich artistisch gegenseitig durchdringenden Spiralbeinen mit entgegengesetztem Drehsinn. Die Spiralen lenken den Blick des Betrachters in die Drehung. Intuitiv wird er die Platte drehen und damit die vier Kästchen synchron herausschieben. Andre Kotik entschied sich für einen Spieltisch als Meisterstück, weil bereits sein Vater einen Spieltisch gebaut hatte und er Freude am Tüfteln hat. Ähnlich wie bei einem Boxermotor mit vier konzentrisch angeordneten Kolben, Pleuelstangen und Schwungrad, bewegt eine sich mit der Tischplatte drehende Scheibe über Pleuelstangen die Schubkästen heraus und hinein. Andre Kotik hat die Edelstahlbleche lasern lassen und alle Drehteile auf der eigenen Drehbank hergestellt und die Struktur der Bleche gebürstet. Die spiralförmigen Tischbeine hat er aus Biegesperrholzrohren mit der Stichsäge herausgeschnitten, verputzt und mithilfe von heißem Knochenleim das Santos-Palisanderfurnier aufgebracht. –GM

Nicht der Beschlag sorgt beim Drehen der Tischplatte für seitlichen Halt, sondern vier Dübel und eine Ringnut. Pleuelstangen nutzen die Drehung zum Ausfahren der Schubkästen
Zeichnung: Adre Kotik