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Zeit der Portale

Bauelemente
Zeit der Portale

In den Städten Lateinamerikas sind Haustüren aus kolonialer Zeit oft mehr Eingangsportal denn einfache Tür. Ein Streifzug von dds-Autor Christian Härtel durch Altstädte in Peru, Ecuador, Kolumbien, Nicaragua und Kuba.

Ein halbes Jahrtausend lang prägten die Spanier die Architektur in weiten Teilen Lateinamerikas. Die koloniale Art des Bauens hat zwar keinen eigenen Stil hervorgebracht, wohl aber ein reichhaltiges Erbe mit vielen unterschiedlichen Merkmalen der jeweiligen Architekturtrends aus Europa hinterlassen. Lange Zeit fast unbeachtet, werden die Altstädte Lateinamerikas heute restauriert und locken mit ihrer neu erstrahlenden Pracht viele Touristen an. Wichtiges Element und Gemeinsamkeit in der spanischen Architektur aller Zeitepochen ist das Eingangsportal, das den Weg freimacht zum Eintritt in die oft ringförmigen Grundrisse der Häuser mit begrüntem Patio im Inneren.

Viele der Türen, die nicht selten fünf oder sechs Meter Höhe aufweisen, haben die Zeit überdauert. Oft sieht man ihnen ihr Alter an, aber es finden sind auch erstaunlich gut erhaltene Exemplare, obwohl die meisten Türen nie eine echte Restauration erfahren haben. Das Klima erlaubt einfache Konstruktionen der Tore. Dichtungen oder komplizierte Aufbauten fehlen weitestgehend. Eine Tür musste den Zutritt ermöglichen und diente als Sichtschutz.
Form und Konstruktion
Die Türen sind fast ausnahmslos aus schweren, dauerhaften Laubhölzern gearbeitet. Überhaupt ist die Architektur mit Holzkonstruktionen an Dächern, Balkonen, Veranden, Türen und Fenstern eine Architektur der Laubhölzer, die natürlicherweise zahlreich in den tropischen und subtropischen Gebieten vorkommen. Meist wurde dafür Cedro eingesetzt.
Die wohl älteste Form der noch erhaltenen Türen ist die Rahmenkonstruktion mit vorgehängtem Doppel, oft bestehend aus gleich breiten Friesen. Weithin sichtbares Merkmal dieses Typs sind die Rosetten aus Metall oder Holz auf der Außenseite des Türblattes, die mit Dübeln das Doppel auf den Rahmenhölzern fixieren und die Fläche gliedern.
Weiteres wichtiges Merkmal der großen Portale ist auch die Teilung des Türblattes. Nicht selten sind die Eingänge mehrere Meter hoch und gut drei Meter breit. Damit beim Ein- und Austritt nicht immer das ganze Tor bewegt werden muss, ist oft ein Flügel mit einer kleinen Tür versehen, wodurch sich eine Schwelle in Form des unteren Rahmenholzes ergibt.
Die Tür in der Tür
Dieses Detail half dabei, dass die schweren Türblätter die Zeit überdauern konnten. Bei sehr breiten Exemplaren ist das Türblatt zusätzlich über die ganze Höhe geteilt und am äußeren Flügelteil angeschlagen. Dafür wurden aufwendige Beschläge aus Eisen gefertigt, die über die ganze Türhöhe eingelassen sind. Neben den Modellen mit vorgehängtem Doppel finden sich auch Rahmenkonstruktionen mit Füllungen in entsprechend gewaltigen Dimensionen und edlen Hölzern. Diese Türen sind etwas jüngeren Datums, entstanden zur Zeit des Rokokos sowie des Klassizismus. Auch bei diesen Konstruktionen gibt es die Tür in der Tür, indem die untere, recht grosse Füllung als Durchgang dient. Aus dieser Zeit dürfte auch eine Spezialität stammen: die Hausschiebetür, die sich vereinzelt in Havanna findet.
Regionale Besonderheiten
Eine weitere Variante stellen die älteren kleingliedrigen Kassettentüren dar, bei denen die Rahmenhölzer die Fläche nicht in gleichen Teilen, sondern in einer in allen Ländern zu beobachtenden, speziellen Art und Weise gliedern. Die Füllungen sind zwar symetrisch angeordnet, aber oft ungleich groß, sodass die Rahmenhölzer nicht aufeinander stoßen. Dadurch ist die Konstruktion besonders haltbar, weil die Schlitz- und Zapfenverbindungen an den Stößen nicht geschwächt werden.
Während jüngere Türen meist glatt geschliffene Oberflächen im natürlichen Farbton des Holzes haben, dominieren bei den älteren Türen mit vorgehängtem Doppel nicht selten strukturierte Oberflächen, manchmal mit metallischen Effekten, die wie Schlaggold wirken. Offensichtlich wurde auch schon in kolonialen Zeiten gebürstet, muschelförmige Vertiefungen über die ganze Fläche geschnitzt oder die Friese einfach sägerau verwendet. Vieles, was das Schreinerauge in den Altstädten sehen kann, erinnert an aktuelle Trends in Europa. Vielleicht kommt die Zeit der Portale ja auch wieder zurück, schön wäre es, nicht nur für Schreiner.
Christian Härtel

Der Autor
Christian Härtel ist gelernter Schreiner und hat im Rahmen einer einjährigen Weltreise u. a Peru, Ecuador, Kolumbien, Nicaragua und Kuba bereist und seine Eindrücke fotografisch festgehalten.
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