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Türen, Technik, Tücken

Bauelemente
Türen, Technik, Tücken

Der Verkauf und Einbau von Haus- und Außentüren sowie die Nachrüstung mit automatischen Antrieben sind ein lukrativer Markt für Tischler und Schreiner. Jürgen Benitz-Wildenburg vom IFT Rosenheim erläutert, worauf es bei EnEV, Barrierefreiheit und Kundenwünschen ankommt.

Jürgen Benitz-Wildenburg

Zukunftsorientiertes Bauen muss sich nach den Kriterien der Energieeinsparung, Nachhaltigkeit und den geänderten Bedürfnissen der Bauherren und Bewohner richten. Haus- und Außentüren nehmen dabei eine besondere Rolle ein, denn sie sind die »Visitenkarte« des Hauses und der wichtigste Zugang zum Haus. Vor diesem Hintergrund sind die geänderten Anforderungen des demografischen Wandels besonders bedeutsam. Ältere Menschen wollen in der gewohnten Umgebung bleiben und so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben führen. Laut der Studie »Wohnen im Alter« des Bundesbauministeriums fehlen drei Millionen altersgerechte Wohnungen, bei denen der Zugang nicht durch enge oder schwergängige Türen, schwer erreichbare Drücker oder hohe Bedienkräfte erschwert wird. Automatisch betriebene Türen werden immer beliebter, weil damit auch bei eingeschränkter Mobilität das Haus oder der geliebte „Sonnenplatz“ auf Balkon und Terrasse erreichbar bleibt. Diese Aspekte sind gerade der Generation 50 plus wichtig, die als kaufkräftige Zielgruppe auf Sicherheit und Qualität großen Wert legt.
Anforderungen der EnEV 2014 an Haustüren
Die EnEV 2014 reduziert ab dem 1. Januar 2016 den Jahresprimärenergiebedarf für Neubauten um 25 Prozent und verschärft für Haustüren bei der Gebäudesanierung die Anforderungen von 2,9 auf 1,8 W/(m²K). Fenstertüren mit Klapp-, Falt-, Schiebe- oder Hebemechanismus wurden als neue Produktgruppe »2f« definiert und der Höchstwert von 1,3 auf 1,6 W/(m²K) erhöht. Für Fenster und Balkontüren ändert sich nichts. Die Reduzierung des Energieverbrauchs kann durch eine intensivere Nutzung regenerativer Energien, optimierte Heiztechnik sowie durch bessere Wärmedämmung erreicht werden.
Auch wenn der Einfluss einer einzelnen Tür auf den Wärmebedarf eines Gebäudes gering ist, wird der Komfort doch erheblich beeinflusst. Denn häufig grenzen Haus- und Außentüren direkt an einen Wohnraum, in dem kein Bewohner einen kalten Luftzug spüren will. Bei der Konstruktion und Planung müssen deshalb auch die Anforderungen an den Mindestwärmeschutz nach DIN 4108-2 und EnEV erfüllt werden. Die relevante Kenngröße ist der raumseitige Temperaturfaktor fRSI, der über 0,7 liegen muss. Der Nachweis erfolgt an der Schnittstelle zwischen Tür und Baukörperanschluss. Das eigentliche Bauelement ist von dieser Betrachtung ausgenommen. Eine Bonusregel für den Wärmedurchgangskoeffizienten bei barrierefreien Bauelementen ist in der EnEV nicht vorgesehen. Kritisch ist bei schwellenlosen Haustüren vor allem der untere Bereich, bei dem thermisch getrennte Schwellensysteme eingesetzt werden sollten. Dies gilt besonders bei feuchteempfindlichen Bodenbelägen aus Holz oder Teppich, bei denen ein Tauwasserausfall zu Schäden führen kann.
Barrierefreiheit versus Gebrauchstauglichkeit?
Die Anforderungen für barrierefreie bauliche Anlagen beschreibt die DIN 18040 Teil 1 und 2. Die Norm gilt für öffentliche Bauten und neue Wohnbauten mit mehr als drei Wohneinheiten sowie genehmigungspflichtige Umbauten. Für die Planung sollten folgende Aspekte beachtet werden (DIN 18040, Kapitel 4.3.3):
Öffnungsart. Karussell- und Pendeltüren sind kein barrierefreier Zugang und als einziger Zugang ungeeignet. Automatische Schiebetüren sind besser geeignet, da die Flügel nicht in notwendige Bewegungsflächen oder in Richtung des Benutzers öffnen (wichtig für Blinde und Sehbehinderte).
Maße. Lichtes Durchgangsmaß min. 90 cm, Bedienhöhe für Griffe 85 cm (im begründeten Einzelfall bis 105), Schwellen unzulässig (max. 2 cm, wenn technisch unabdingbar). Der Abstand zu Bauteilen, Ausrüstungs- und Ausstattungselementen sollte mehr als 50 cm betragen, um eine seitliche Anfahrbarkeit mit dem Rollstuhl zu gewährleisten.
Antriebe. Türen mit schweren großen Flügeln, die die maximalen Bedienkräfte übersteigen (Klasse 3 mit max. 25 N bzw. 5 Nm nach DIN EN 12217), sind mit Antrieben auszustatten. Eingangstüren sollten vorzugsweise automatisch zu öffnen sein.
Kontrastreiche Gestaltung. Für Personen mit Sehbehinderung ist die Farbgebung der Rahmen/Türen mit möglichst kontrastreichen Farben und Hell-Dunkel-Kontrast zu empfehlen. Die Bedienelemente sollen sich vom Rahmen abheben.
Zwei-Sinne-Prinzip. Die Vermittlung von wichtigen Informationen (Griffe, Bedienelemente) soll für mindestens zwei Sinne erfolgen; bei Bauelementen visuell, haptisch oder akustisch.
Die Forderungen der DIN 18040 mit Türen ohne Schwellen steht bei Außentüren im Widerspruch zur Abdichtungshöhe von min. 15 cm gemäß DIN 18195 und den Anforderungen an die Schlagregendichtheit. Die DIN 18195 lässt barrierefreie Übergänge als abdichtungstechnische Sonderlösung zu, wenn Maßnahmen wie bauseitige Überdachungen oder kontrollierte Entwässerungssysteme genutzt werden. Die maximale Schwellenhöhe von 20 mm entspricht einer Wassersäule von 20 mm mit einem Staudruck von ca. 200 Pascal. Steigt die Wassersäule höher, kommt es zum raumseitigen Wassereintritt und man erreicht »nur« die Klasse 5A bei der Schlagregendichtheit. Durch zusätzliche konstruktive Maßnahmen ist es allerdings möglich, die Klasse 7A für zweiflügelige Stulpfenstertüren und für einflügelige Fenstertüren sogar die Klasse 9A zu erreichen. Zusätzliche Maßnahmen können ausreichend dimensionierte Wetterschenkel mit definierter Wasserabreißnut, Windstopper oder Schlauchdichtungen sein.
Automatische Türen: Baurecht, Konstruktion und Sicherheit
Komfort, Sicherheit, Barrierefreiheit und eine einfache Bedienung lassen sich gut mit automatischen Türen erreichen, sodass die Nachfrage steigt. Schreiner können von diesem Trend profitieren und für den Vertrieb auch die Förderkonditionen der KfW-Bank (bis zu 50000 Euro, Programm 159) nutzen. Zur Zeit kann eine automatische Drehflügeltür nur nach der EG-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG (EN 16005) CE gekennzeichnet werden. Dies bedeutet aber, dass die Angabe bautechnisch bedeutsamer Kennwerte wie der Schalldämmung oder zum Wärmedurchgang nicht im CE-Kennzeichen erfolgen kann. Der Türenhersteller darf und kann diese Angaben in der Leistungserklärung und im CE-Zeichen derzeit nur bei handbetätigten Außentüren nach der DIN EN 14351-1 machen. Wenn diese Angaben bei automatisierten Drehflügeltüren als Außentür erforderlich sind, kann der Hersteller sie nur als zusätzliche Anlage in den Begleitdokumenten zur Konformitätserklärung nach Maschinenrichtlinie hinzufügen.
Wenn »normale« Außentüren mit Antrieben und Steuerungen nachgerüstet werden, ist kein zusätzliches CE-Zeichen nach EN 16005 erforderlich; das CE-Zeichen nach EN 14351 bleibt davon unberührt. Die besonderen Sicherheitshinweise und Montagevorgaben des Antriebs-/Steuerungsherstellers müssen beachtet und umgesetzt werden. Es wird also weder ein weiteres CE-Zeichen auf diese Türe geklebt, noch das vorhandene CE-Zeichen entfernt und durch ein neues ersetzt. Der ausführende Betrieb gibt lediglich eine Konformitätserklärung nach der Maschinenrichtlinie an den Kunden ab. Für Türen in Flucht- und Rettungswegen gelten gesonderte und erhöhte Anforderungen.
Kraftbetätigte Drehflügeltüren mit automatischem Antrieb werden in der Praxis selten als »System« angeboten, sondern nur als Tür plus einem separaten elektrischen Antrieb, der dann auf die Tür montiert wird. Dabei ist die Abstimmung und Integration der unterschiedlichen Komponenten eine komplexe Aufgabe. Bereits die notwendigen Kabeldurchführungen und Anschlüsse an die Hauselektrik bedürfen einer Planung und können nicht erst auf der Baustelle improvisiert werden, ohne dass die Qualität leidet. Für die Praxis braucht der Schreiner verlässliche Systeme mit Vorgaben zu den geeigneten Profilen, Türblättern- und -füllungen, Eckverbindungen sowie zur Ausführung, Art und Anzahl der Bänder. Dazu gehören auch Angaben zur maximalen Größe und Gewichtsbeschränkungen. Besonderes Augenmerk gilt der gesamten elektrischen Vorinstallation, damit auf der Baustelle kein »Kabelsalat« entsteht. Bei schlüssellosen Türen, die mit Funkchip oder Fingerprint arbeiten, sollte die elektronische Verarbeitung der Signale innerhalb des Hauses erfolgen. Ansonsten haben »Langfinger« mit elektronischen Decodern leichtes Spiel.
Für automatisch angetriebene Drehflügeltüren muss als »Maschine« die Nutzungssicherheit gewährleistet sein. Der Nachweis kann national in Anlehnung an die DIN 18650 »Automatische Türsysteme« erfolgen. Grundsätzlich ist für jede zu erstellende Anlage vor Inbetriebnahme eine Risikobeurteilung zu erstellen, die Maßnahmen zur Verhinderung bzw. Beseitigung von Gefahren enthält und vom Antriebshersteller oder Systemgeber mit Vorlagen, Muster und Checklisten geliefert werden sollte. Dabei ist auf die Einstellung der Schließgeschwindigkeit und Kraftbegrenzung zu achten. Restrisiken wie Quetschen, Scheren und Anstoßen sollten konstruktiv reduziert werden (Abs. 4.6.3.4 aus EN 16005) und in der Produktinformation inkl. Einbau, Betrieb und Wartung beschrieben werden. All dies gehört zu einem professionellen System dazu.
Besonderheiten bei Türen in Flucht- und Rettungswegen
Seit 1. Juli 2013 gelten die Regelungen der neuen BauPVO. Türen in Flucht- und Rettungswegen sowie mit Brand- und Rauchschutzanforderungen fallen in die Konformitätsbewertungssysteme 1 oder 1 +. Hier ist als wesentliche Änderung zu beachten, dass Hersteller sich nicht mehr beliebig eine Prüfstelle zur Prüfung der Produkte und erst im Anschluss eine Produktzertifizierungsstelle (PZ-Stelle) suchen können. Künftig müssen die Hersteller direkt eine notifizierte PZ-Stelle beauftragen, um für Türen im System 1 und 1+ das Zertifikat zur »Bestätigung der Leistungsbeständigkeit« zu erhalten. Die Verantwortung der PZ-Stelle umfasst den kompletten Zertifizierungsprozess (Probekörperauswahl, Probenname im Herstellwerk, Prüfung, Bewertung und Zertifikatserteilung). Die PZ-Stelle muss hierfür die erforderliche Kompetenz und Erfahrung zur Prüfung, Überwachung und Zertifizierung für das Produkt besitzen. Das IFT Rosenheim verfügt über umfangreiche Prüf- und Laboreinrichtungen, eine über 40-jährige Erfahrung in der Prüfung, Forschung, Bewertung und Zertifizierung sowie ausreichendes und kompetentes Personal für alle Produktarten und -eigenschaften.

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