Treppe in einem Londoner Gourmetrestaurant

Stairway to heaven

Im jungen Londoner Restaurant Hide an der hippen Adresse Piccadilly 85 in Mayfair dreht sich alles um den guten Geschmack. Im Zentrum steht – neben Kochkunst – eine freischwingende Wendeltreppe aus Eichenholz.

Drei Sterne mindestens. So viele hätte die frei schwingende Wendeltreppe im als Joint Venture von Sternekoch Ollie Dabbous und Hedonism Wines jüngst eröffneten Restaurant Hide verdient, würde sie nach den Kriterien der Haute Cuisine bewertet werden. Wie gewachsen, rankt sie drei Stockwerke empor und verbindet die Bar im Untergeschoss mit dem A-La-Card-Restaurant im Parterre und einem eleganten Degustationstempel im ersten Stock.

Inmitten des in Eichenholz möblierten Lokals zieht die vom Londoner Atmos Studio mit Heyne Tillett Steel (HTS) als Statiker geplante und von Trabczynski/GD aus Polen gebaute Konstruktion alle Blicke auf sich. Mit einem Durchmesser von fünf Metern und einem stützenfreien Treppenloch von einem Meter stellte die Bauaufgabe ein Höchstmaß an planerischen, tragwerks- und fertigungstechnischen Herausforderungen.

Die als freitragendes Element konzipierte Lichtwange übernimmt dabei die Rolle der Hauptstütze. Eine an das bogenförmige Treppenloch gefügte Stahlkante dient als Antritt der Treppe. Den Weg nach oben begleiten im Inneren der Wangen spiralförmig verlaufende RHS-Profile, das sind Vierkantrohre aus Stahl. Sie gewährleisten die notwendige Stabilität und nehmen Torsionsschubspannungen und Schwingungen auf beziehungsweise dämpfen sie. Auch die freitragenden Trittstufen erhielten Verstärkung: 10 bis 15 mm dicke Stahlplatten wurden mit Sperrholz kombiniert und über kurze, dünne Stahlstummel mit der tragenden Konstruktion verschweißt. Eichenholzdielen dienen jeweils als Auftritt und Untersicht und gewährleisten optisch fließende Übergänge zwischen dem auf den Etagen verlegten Holzdielenboden und der Treppe.

Die Wangen und die Geländer fertigte der in Polen ansässige Spezialist für Bugholztreppen Trabczynski/GD zunächst vor. Dazu verleimte er um eine riesige Formschablone herum schichtweise dünne Eichenfurniere. Dabei verwendete er einen speziell für diesen Auftrag entwickelten PUR-Kleber mit einer besonders langen offenen Zeit.

Das wochenlang ausgehärtete Formschichtholz und die Vierkantstahlrohre tragen maßgeblich zur Versteifung der Konstruktion bei. Die fertigen Einzelelemente wurden an den Schnittstellen nahtlos verbunden und von Hand passgenau miteinander verschliffen, sodass die Übergänge kaum noch zu erkennen sind.

So entstand eine sich wie ein Korkenzieher mit durchlaufender Maserung Stockwerk für Stockwerk emporwindende Struktur, die als Balustrade im ersten Stock mit der angrenzenden Wand verschmilzt. Innerhalb der Treppenkonstruktion gleicht kein Einzelelement dem anderen. Auch farblich. Dunkel gebeizt und geölt passt sich die Holzstruktur unten der schummrigen Räucheratmosphäre einer Bar an. Auf dem Weg ins Mezzaningeschoss hellt sie sich mit jedem Zentimeter Höhenanstieg ein wenig mehr auf.

So viel Handwerkskunst braucht Zeit, Talent und Geduld: Allein die Fertigungsplanung der Treppe kostete Trabczynski/GD CEO Mikolaj Trabczynski 2000 Stunden. 15 000 Stunden und neun Schreiner sowie 4500 m2 dünne Eichenfurniere, 150 m2 5 mm dicke und stärkere Eichenfurniere, 3,5 m3 Sperrholz und eine halbe Tonne Spezialkleber waren nötig, um die Zeichnungen in die Realität umzusetzen. Lediglich die Stufen konnte der Treppenbauer auf einem CNC-Bearbeitungszentrum formatieren. Alles andere erforderte Handarbeit. Und schließlich brauchte es sechs weitere Handwerker in London, um alle Komponenten der vorgefertigten Konstruktion miteinander zu verbinden, die Schnittstellen zu verschleifen und die Oberflächen fertigzustellen. Doch das Ergebnis hat drei Sterne verdient. Wenn nicht mehr.


Christine Ryll ist Architektin und schreibt als Architekturjournalistin über die Themen Bau, Architektur und Immobilien. In dds hat sie bereits häufiger ausgefallene oder besondere Treppen vorgestellt.


Steckbrief

Objekt: Treppe im Londoner Restaurant Hide Piccadilly 85

Architekt: Atmos Studio, London

Tragwerksplanung: Heyne Tillett Steel (HTS)

Fertigung: Trabczynski/GD,
Polen

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