Fenstermontage

»Neulich auf der Baustelle …«

Bei der Fenstermontage passiert nach wie vor viel Murks. Der Sachverständige Jürgen Sieber schreibt sich hier den Frust über die Realität auf Deutschlands Baustellen von der Seele und appelliert an die Politik, die Meisterausbildung hochzuhalten.

Jürgen Sieber, Landesinnungsmeister Fachverband Glas Fenster Fassade, Baden-Württemberg

Aus gutachterlicher Sicht lässt sich die Fenstermontage in den letzten Jahren in zwei Klassen unterteilen. Zum einen in die Montage mit gut ausgebildetem Personal, bei denen der Firmenchef eine Meisterausbildung besitzt und die Mitarbeiter – in der Regel – ausgebildete Fachkräfte sind. Hier ist eine gute handwerkliche Basis und so viel Fachwissen vorhanden, dass gravierende technische Fehler vermieden werden.

Zum andern in Montagebetriebe, bei denen vom Chef bis zur Hilfskraft niemand über eine entsprechende Fachausbildung verfügt. Ein Kennzeichen dieser Betriebe ist, dass Fachausdrücke wie »Sohlbank«, »Blendrahmen«, »Trägheitsmoment«, »Windlast« etc. weder im aktiven noch im passiven Wortschatz beherrscht werden. Vom Ablesen einer »Belastungsbreite« in einer Statiktabelle ganz zu schweigen. Sehr ausgeprägt ist dagegen die Neigung, bis in die Nacht oder samstags zu arbeiten und eine Schulbank das letzte Mal im Alter von 15 Jahren gesehen zu haben.

Diese Betriebe produzieren nicht nur einen immer größer werdenden volkswirtschaftlichen Schaden, sie schaden dem Handwerk im Allgemeinen und dürften die Bezeichnung »Handwerksbetrieb« eigentlich nicht führen. Das Wort »Handwerk« impliziert schließlich eine Ausbildung bzw. Spezialisierung. Nach dem Motto »Ich habe zwar noch nie ein Fenster montiert, aber so schwer kann es ja nicht sein« wird losgelegt. Als Gutachter steht man mit offenem Mund vor Ort und denkt, dass der verstorbene Kurt Felix mit seiner versteckten Kamera gleich um die Ecke kommt.

Sicher: Auch Monteuren mit einer Fachausbildung unterlaufen Fehler. Die sind jedoch meist nicht schwerwiegend und werden nur dann existenzgefährdend, wenn der Betrieb es mit »speziellen« Kunden zu tun hat. Kunden, die aufgrund ihrer akademischen Ausbildung meinen, alles besser zu wissen als der Handwerksgeselle vor Ort, die weder im familiären Umfeld noch im Freundeskreis einen Handwerker persönlich kennen und enttäuscht sind, dass sie mit dem Fenstermonteur nicht über Kants »Kritik der reinen Vernunft« diskutieren können.

In einem aktuellen Fall hat ein Montagebetrieb mit unausgebildeten Mitarbeitern innerhalb eines Jahres allein an den Gerichtsgutachter so viel bezahlen müssen, dass mit diesem Geld einem Mitarbeiter die Meisterschule hätte bezahlt werden können. Von den weiteren Kosten (Anwalts- u. Gerichtskosten, Schadenersatz etc.) ganz zu schweigen. Das Argument, die Meisterausbildung wäre zu teuer, kann also nicht angeführt werden. Die Kosten für einen – durch gute Ausbildung vermiedenen – Rechtsstreit übersteigen eine Meisterausbildung bei Weitem.

Wer von politischer Seite mehr Geld für die Bildung fordert, die Bildung als das maßgebliche Mittel zum Erreichen eines breiten gesellschaftlichen Wohlstandes ansieht, gleichzeitig aber die Meisterausbildung als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet, handelt schizophren und unglaubwürdig. Und der muss akzeptieren, dass durch unqualifizierte Betriebe ein großer volkswirtschaftlicher Schaden entsteht.