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Kein Hexenwerk

Bauelemente
Kein Hexenwerk

Werden bei einer Gebäudesanierung mehr als ein Drittel der Fenster ausgetauscht, ist ein Lüftungskonzept zu erstellen. Wessen Aufgabe ist das und wer ist für die Umsetzung verantwortlich? Norbert Sack vom IFT-Rosenheim gibt Auskunft.

Norbert Sack, IFT Rosenheim

Schimmelpilzwachstum durch falsches oder ungenügendes Lüften führt immer mehr zu gesundheitlichen Problemen bei den Bewohnern. Speziell nach einer Altbausanierung, bei der häufig keine Fachplaner zur Verfügung stehen, wird die Lüftungsproblematik in der Regel nicht berücksichtigt. Zurückzuführen ist dies auf die »dichtere« Gebäudehülle nach der energetischen Sanierung. Der dadurch nicht mehr vorhandene »Grundluftwechsel« wird in der Regel nicht durch den Nutzer abgefangen, da das Problem oft nicht erkannt wird. Aufgrund langer Abwesenheitszeiten der Bewohner kann der Mindestluftwechsel durch sie selbst nicht sichergestellt werden. Dies führt zu den bekannten Problemen. Eine nutzerunabhängige Lüftung würde die häufigste Ursache des Schimmelpilzwachstums – ungenügende und falsche Lüftung – ausschließen und damit einen Großteil an Schadensfällen vermeiden. Auch im Bereich des Neubaus findet in der Regel keine gezielte Planung der Lüftung statt, sondern bleibt dem Zufall überlassen.
Lüftung im Wortlaut der DIN
In der DIN 1946-6 »Raumlufttechnik – Teil 6: Lüftung von Wohnungen« werden vier Lüftungsstufen sowie die dazu nötigen Außenluftvolumenströme definiert:
  • 1. Lüftung zum Feuchteschutz: Lüftung, die in Abhängigkeit des Wärmeschutzniveaus unter üblichen Feuchtelasten und Raumtemperaturen Schimmelpilz- und Feuchteschäden vermeiden soll.
  • 2. Mindestlüftung: Lüftung, die unter üblichen Feuchte- und Schadstofflasten Mindestanforderungen an die Raumluftqualität erfüllt bzw. eine »reduzierte Nutzung« berücksichtigt.
  • 3. Grundlüftung: Lüftung zur Gewährleistung des Bautenschutzes sowie der hygienischen und gesundheitlichen Erfordernisse bei planmäßiger Nutzung einer Nutzungseinheit.
  • 4. Intensivlüftung: Zeitweilig notwendige erhöhte Lüftung zum Abbau von Lastspitzen (Lastbetrieb).
Bei der freien, d. h. nicht motorischen Lüftung, ist entsprechend DIN 1946–6 mindestens die Lüftung zum Feuchteschutz nutzerunabhängig sicherzustellen. Das manuell öffenbare Fenster dient demnach je nach geplantem Lüftungskonzept zur Mindestlüftung, zur Grundlüftung bzw. zur Intensivlüftung auch in Verbindung mit ventilatorgestützten Lüftungssystemen.
Ob ein Lüftungskonzept nötig ist, ergibt sich aus dem Vergleich des wirksamen Infiltrationsvolumenstroms (Undichtigkeiten der Gebäudehülle) qinf mit dem notwendigen Gesamt-Außenluftvolumenstrom zum Feuchteschutz qFL. Wenn qFL größer ist als qinf sind lüftungstechnische Maßnahmen festzulegen, d. h. der Infiltrationsluftwechsel allein reicht nicht aus.
Die Tabellen 1 und 2 stellen dar, wann entsprechend DIN 1946-6 eine »Lüftungstechnische Maßnahme« (LtM) erforderlich ist.
Lüftung über die Fenster
Um die Anforderungen der DIN 1946-6 zu erfüllen, sollten auch Fenster eine nutzerunabhängige Lüftung ermöglichen. Deshalb ist die Weiterentwicklung der »Fensterlüftung« notwendig und kann nicht mehr allein über die klassischen Öffnungsfunktionen geleistet werden. Dezentrale, ins Fenster integrierte Lüftungssysteme – sogenannte Fensterlüfter – können eine nutzerunabhängige Lüftung gewährleisten. Diese Lüftungseinrichtungen werden auch als Außenluftdurchlässe (ALD) bezeichnet. Eine weitere Möglichkeit sind Fenster mit sensorgesteuerter motorischer Öffnungsmechanik.
Bei ALDs wird der notwendige Luftaustausch durch freie Lüftung (Querlüftung, Schacht- bzw. Auftriebslüftung) oder in Verbindung mit einer zentralen ventilatorgetriebenen Abluftanlage erreicht. Durch den richtigen Einsatz solcher Lüftungssysteme kann eine der häufigsten Ursachen der Schimmelbildung – ungenügende und falsche Lüftung – weitestgehend vermieden werden.
Dimensionieren der Lüfter
Bei der Umsetzung von lüftungstechnischen Maßnahmen ist zwischen freier und ventilatorgestützter Lüftung zu unterscheiden. Bei Querlüftung ist mindestens die Lüftung zum Feuchteschutz sicherzustellen; optional kann die Auslegung auch für die Stufe der reduzierten Lüftung erfolgen. Schachtlüftung ist für die Stufe der reduzierten Lüftung auszulegen. Ventilatorgestützte Fensterlüfter sind unabhängig von der Art für die Stufe Nennlüftung auszulegen.
Zur Umsetzung sowohl der freien Lüftung als auch der ventilatorgestützten Lüftung ist der notwendige Luftvolumenstrom für die Nutzungseinheit durch entsprechende Berechnung nach DIN 1946-6 zu ermitteln. Unter www.ift-rosenheim.de steht für die Planung der freien Lüftung eine entsprechende Rechenhilfe kostenlos zur Verfügung.
Vereinfachtes Verfahren
Für die Lüftungsstufe Feuchteschutz wurde im Rahmen eines Forschungsvorhabens ein vereinfachtes Diagrammableseverfahren erarbeitet. Um das vereinfachte Verfahren anzuwenden, sind folgende Daten für die zu betrachtende Wohnung zu ermitteln (vgl. Beispiel ab Seite 48 unten ):
  • 1. Handelt es sich um eine ein- oder mehrgeschossig verbundene Wohnung?
  • 2. Handelt es sich bei der Wohnung bzw. Nutzungseinheit um einen Neubau oder um eine Modernisierung?
  • 3. Wie ist das Wärmeschutzniveau der Nutzungseinheit? (Wärmeschutz hoch =Neubau nach Wärmeschutzverordnung 1995 oder Komplettmodernisierung mit entsprechendem Wärmeschutzniveau; Wärmeschutz gering =Gebäude nicht modernisiert, d. h. Bestandsgebäude vor Wärmeschutzverordnung 1995 oder Teilmodernisierung wie z.B. nur Fenstertausch).
  • 4. Welche Wohnfläche in m2 hat die Nutzungseinheit?
  • 5. In welchem Landkreis befindet sich die Nutzungseinheit und welche Windlage ergibt sich hieraus? (ersichtlich aus DIN 1946-6 Anhang H bzw. der IFT-Richtlinie LU-02/1).
In den Bildern 3 und 4 sind die für die jeweilige Situation (Tab. 3) erforderlichen Luftvolumenströme dargestellt. Die dargestellten Diagramme wurden aus einer Vielzahl von Auslegungsberechnungen nach DIN 1946-6 erarbeitet. Die Geraden stellen die oberen Grenzwerte der erforderlichen Luftvolumenströme dieser Berechnungen dar. In vielen Fällen kann durch eine detaillierte Berechnung ein geringerer Luftvolumenstrom ausreichend sein.
Um den Luftvolumenstrom pro Fensterlüfter zu ermitteln, ist der aus den Diagrammen ermittelte Luftvolumenstrom durch die Anzahl der Fensterlüfter in der Nutzungseinheit zu dividieren. Der so ermittelte Luftvolumenstrom dient als Anforderung an den Fensterlüfter bei dem entsprechenden Differenzdruck (Tab. 3). Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Fensterlüfter gleichmäßig über die Gebäudeaußenhülle verteilt sind.
Neben der Zu- und Abluft sind im Rahmen der Umsetzung einer lüftungstechnischen Maßnahme auch die sog. Überströmöffnungen zu dimensionieren. Im Rahmen des Forschungsvorhabens hat sich gezeigt, dass für die Lüftung zum Feuchteschutz im Regelfall der untere Luftspalt der Innentüren hierzu ausreichen sollte.

FAQs Wer ist verantwortlich für die Lüftung?

Norbert Sack beantwortet die wichtigsten Fragen zur DIN 1946-6.
Wann ist der Fenstertausch lüftungstechnisch relevant lt. DIN 1946-6?
Wenn mehr als ein Drittel der Fenster getauscht werden.
Muss der Fensterbauer ein Lüftungskonzept erstellen?
Nein. Er ist nicht dafür verantwortlich. Im Falle der Modernisierung und des Austausches von mehr als einem Drittel der Fenster hat er jedoch die Hinweispflicht, dass der Fenstertausch lüftungstechnisch relevant ist und der Bauherrn zu prüfen hat, ob eine lüftungstechnische Maßnahme notwendig ist. Der Hinweis sollte schriftlich erfolgen und mit dem Angebot abgegeben werden.
Darf der Fensterbauer ein Lüftungskonzept erstellen?
Ja, er kann Lüftungskonzepte anbieten und übernehmen.
Wann muss eine lüftungstechnische Maßnahme umgesetzt werden?
Sobald der sog. Infiltrationsluftvolumenstrom kleiner als der notwendige Volumenstrom für die Lüftung zum Feuchtschutz ist. Im Regelfall ist dies bei eingeschossigen Nutzungseinheiten (Etagenwohnungen) der Fall – sowohl im Neubau als auch im Rahmen der Modernisierung.
Wie wird eine lüftungstechnische Maßnahme geplant?
So, dass mindestens die »Lüftung zum Feuchteschutz« nutzerunabhängig sichergestellt ist. Die Planung erfolgt nach DIN 1946-6. Hilfe bietet die IFT-Richtlinie LU-02/1.
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