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Treppe stützt maroden Turm

Treppe stützt maroden Turm
Inneres Korsett

Eine moderne Treppe windet sich im eigentlich maroden Turm eines englischen Baudenkmals aus dem 16. Jahrhundert nach oben und hält ihn in Form.

Was tun mit einem maroden Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert? Es gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der englischen Stadt Brentwood und diente als Wohnhaus, dann als Schulgebäude und zuletzt als Sitz der örtlichen Radiostation. Keiner der Nutzer kümmerte sich um den Erhalt der Bausubstanz. Letztes Jahr fand sich jedoch ein Investor, der das Gebäude sanierte und darin sechs Wohnungen schuf.

Zu diesem Zeitpunkt waren die alten Stiegen schon lange verrottet und auch der Treppenturm war marode. So genügte es nicht, einfach eine neue Erschließung einzustellen. Auch die umgebenden Wände mussten ausgesteift beziehungsweise gestützt werden, um die Sicherheit der Anlage zu gewährleisten. Die Planer des Londoner Architekturbüros Tonkin Liu entwarfen daher eine Treppe, deren äußere Wange gleichzeitig als aussteifende Wandbekleidung dient.

Wie eine Natter am Äskulapstab windet sich die CNC-gefräste Konstruktion am Treppenauge entlang über zwei Stockwerke nach oben. Dabei trägt sie sich nicht nur selbst, sondern steift darüber hinaus die Wände des umgebenden Treppenturms aus. Ihr spiralförmiges Zentrum besteht aus schicht- und formverleimtem Sperrholz. Es nimmt es den größten Teil der Treppenlast auf und produziert gleichzeitig nach außen drängende Schubkräfte. Diese übertragen sich über die Tritt- und Setzstufen – jeweils zwei Schichten aus 18 mm dickem Birkensperrholz – auf die den Treppenraum umgebenden Mauern und geben diesen wie ein stützendes Korsett Halt.

Die Wandbekleidungen des Treppenraums bestehen aus Birkensperrholzplatten. Diese dienen als Wangenersatz und spannen die Treppenstufen quasi ein, siehe linke Zeichnung. Beim Aufbau der Anlage musste die Schreinerei Brilliart Limited in London daher nach einem exakten Plan vorgehen. Sie fertigte die gesamte Treppenanlage auf Basis einer 3D-Planung zunächst vor und stapelte sie im Anschluss vor Ort Stufe für Stufe von unten nach oben auf. Nach dem Prinzip Wandpaneele, Stufe, Wandpaneele legten die Monteure jede einzelne Stufe zunächst auf ein auf die exakte Höhe zugeschnittenes Vertäfelungselement auf, bevor sie mit der nächsten Wandpaneele fixiert wurde. Auf diese Weise ist jede Stufe quasi in ihrer Position verriegelt. Daraus resultiert eine starke und stabile Konstruktion, die die Wände des historischen Treppenturms mit der modernen Birkensperrholzspirale verspannt.


Christine Ryll ist Architektin und schreibt als Architekturjournalistin über die Themen Bau, Architektur und Immobilien. In dds hat sie bereits häufiger ausgefallene oder besondere Treppen vorgestellt.

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