Energetische Ertüchtigung historischer Einfachfenster

Energetisch ertüchtigt

An der Meisterschule für Schreiner Garmisch-Partenkirchen wurden 2017 nach Vorbildern des Freilichtmuseums Glentleiten historische Einfachfenster nachgebaut und mit Innenfenstern zu Kastenfenstern ergänzt. Eine bauphysikalische Berechnung bestätigt den Erfolg.

M. Königsdorfer, S. Schlaug, C. Schreyer,
Schulen für Holz und gestaltung Gap

Lassen sich historische Gebäude nach dem Leitsatz der Baudenkmalpflege, die originale Substanz so weit wie möglich zu erhalten, so ertüchtigen, dass sie heutigen Wohnansprüchen genügen? Dieser Frage sind Meisterschüler an den Schulen für Holz und Gestaltung Garmisch-Partenkirchen am Beispiel des Bauteils Fenster nachgegangen. Fenstertypen aus über 250 Jahre alten Gehöften im Freilichtmuseum Glentleiten dienten ihnen als Basis, um Modelle für energetisch ertüchtigte Einfachfenster zu entwickeln. Dazu wurden die Originale vor Ort genau studiert, um sie im Detail nachbauen zu können: Beschläge wurden in Art und Dimension vom spezialisierten Zulieferer bezogen, die farbige Fassung der Oberflächen am Original genau bestimmt, um sie von einer Malerfirma auf die Rekonstruktion aufbringen zu lassen. Vorbilder waren drei

Gehöfte. Eines wurde 1796 in Siegertsbrunn errichtet (Landkreis München) und ist im Zustand Anfang des 20. Jahrhunderts mit zweiflügligen Sprossenfenstern erhalten: Ein Blockrahmenfenster mit Setzholz, die Einfachverglasung liegt im Kittbett. Fensterläden sind in Rahmenbauweise mit Füllung gefertigt.

Die historischen Vorbilder

Ein weiteres Anwesen stammt aus Rottau (Landkreis Traunstein) und wurde um 1745 errichtet. Ebenfalls hat es Blockrahmenfenster mit Setzholz. Die Flügel sind aus Lärche gefertigt und heben sich durch ihre filigrane und flächenmäßig kleine Gestaltung klar vom Gehöft in Siegertsbrunn ab. Hohe Lichtausbeute bei möglichst geringem Wärmeverlust zu erzielen, wird hier die Prämisse gewesen sein. Fensterläden in Brettbauweise mit Gratleisten schlagen in einen Falz ein und erhöhen die Dichtheit des Bauteils.

Das Hauptgebäude eines Hofes aus Rottach-Egern (Landkreis Miesbach) stammt aus dem Jahr 1729. Es wurde 1789 erweitert, im Zuge des Fremdenverkehrs fanden ab den 1880er-Jahren diverse Umbauten statt. Am erhaltenen Ausbau zum Feriendomizil von 1911 lässt sich ein Bedeutungswandel des Fensters zum Gestaltungsobjekt ablesen: Die Fensterflächen sind deutlich größer, Fensterläden zeigen Bauernmalerei, die Zierfunktion steht im Vordergrund. Der einfache Fensterstock zeigt profilierte Gesimse an Kranz und Sockel und wird damit auch anfälliger für Einflüsse der Witterung.

Diese Fenster wurden durch die Meisterschüler originalgetreu nachgebaut. Modellwände simulieren die Einbausituation in Glentleiten. Erweitert um ein Futter und jeweils ergänzt durch ein individuell auf den Bestand abgestimmtes Innenfenster sind die Rekonstruktionen dann zum Kastenfenster ertüchtigt worden. Die Innenfenster wurden dabei jeweils mit Einscheibenisolierglas (K-Glas) verglast, um schlanke Profile zu ermöglichen. In den Falz der Innenfenster wurden Schlauchdichtungen eingefräst.

Am Beispiel von Rottach-Egern hat das Münchner Ingenieurbüro Müller-BBM im Auftrag der Schulen für Holz und Gestaltung GAP eine bauphysikalische Berechnung vorgenommen: Das Kastenfenster erzielt mit dem errechneten Wärmedurchgangskoeffizienten von 1,51 W/(m2 K) ein hervorragendes Ergebnis, das nahe am angegebenen Referenzwert für Fenster in Neubauten von 1,3 W/(m2 K) liegt. Im Hinblick auf das Kondensatrisiko an den Innenwänden bestätigt die Berechnung dem Kastenfenster eine deutliche Verbesserung, im Einzelfall ist allerdings noch eine genauere Betrachtung des Wandaufbaus erforderlich. Fensterfalz oder Fensterstockdurchlüftungen können sicherstellen, dass sich innen kein Tauwasser an den Scheiben der Außenfenster bildet. Immer gilt hier der Grundsatz »innen dichter als außen«. Durch einen Ausbau zum Kastenfenster wird der Kaltluftabfall an der dem Wohnraum zugewandten Fensterinnenseite nachhaltig reduziert und die gefühlte Beghaglichkeit im Wohnraum damit erheblich gesteigert.

Gute Aussichten

Das Ergebnis des Projektes bestätigt den beteiligten Partnern für das Bauteil Fenster, dass Baudenkmäler, wie sie das Bild bayerischer Kulturlandschaft noch maßgeblich prägen, durchaus zu nach zeitgemäßem Standard bewohnbaren Häusern ertüchtigt werden können. Für die Bauteile Dach, Wand, Boden etc. sind bei überlegtem Vorgehen sicherlich ähnlich gute Resultate zu erwarten, wenn mit der Materie vertraute Fachleute hinzugezogen werden.


Steckbrief

Historische Einfachfenster energetisch zu ertüchtigen und dabei zu bewahren, war 2017 Thema einer Kooperation zwischen dem oberbayerischen Freilichtmuseum Glentleiten, Großweil und der Meisterschule für Schreiner an den Schulen für Holz und Gestaltung Garmisch-Partenkirchen.

www.glentleiten.de

www.shg-gap.de