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Sanierung einer Zehntscheuer mit Fensterbauer Hans Gutekunst

Sanierung einer Zehntscheuer mit Fensterbauer Hans Gutekunst
Ein Fenster kommt selten allein

Die Zehntscheuer bildet seit 1500 gemeinsam mit der Galluskirche und dem ehemaligen Dorfschulhaus den Ortskern des Tübinger Stadtteils Derendingen. Für die Sanierung fertigte der über neunzigjährige Fensterbauer Hans Gutekunst mehr als 24 Fensterunikate.

Eine baugemeinschaft nahm sich nach längerem Leerstand der denkmalgeschützten Scheuer an. Miteigentümer und Architekt Christoph Manderscheid war für die Umnutzung zum Wohngebäude und die Gebäudeertüchtigung nach denkmalpflegerischen und baukonstruktiven Gesichtspunkten verantwortlich (siehe auch dds März-Ausgabe 2021). Für die energetische Aufrüstung wurden Dach- und Bodenplattendämmungen in Neubauqualität ausgeführt; ein diffusionsoffener Innendämmputz lässt zudem das äußere Erscheinungsbild unangetastet.

Überhaupt erst möglich wurde die Nutzungsänderung (neben der Installation einer Niedertemperaturheizung mit Gasbrennwert) allerdings erst durch ein umfangreiches, natürliches Belichtungs- und Belüftungskonzept. Aus Respekt vor dem Bestand lassen die neuen Fensteröffnungen die historische Tragstruktur unbeeinträchtigt: Im Bereich der Aufsparrendämmung sind somit alle acht Fensterbänder vor dem Dachstuhl und im Bereich der Innendämmung, gut 24 Fenster und zwei Scheunentor-Verglasungen rauminnenseitig, hinter der Fachwerkkonstruktion in der jeweiligen Dämmebene zu finden.

Eine kostbare Zusammenarbeit

Für die Realisierung der geplanten Fenster griff Christoph Manderscheid auf eine seit den 1950er-Jahren bestehende Zusammenarbeit mit dem Glaserei- und Fensterbaubetrieb Gutekunst zurück, die bereits sein Vater – ebenfalls Architekt – mit dem Unternehmensinhaber Hans Gutekunst etabliert hatte. Nicht zuletzt für das Projekt Zehntscheuer von unschätzbarem Wert, blickt Herr Gutekunst auf eine Jahrzehnte währende Berufserfahrung zurück, die bis ins Jahr 1945 reicht. Als nach Ende des Krieges die Gewerbeschulen wieder eröffneten, begann Hans Gutekunst seine Ausbildung, um anstatt seines gefallenen Vaters und Onkels den 1898 begründeten Betrieb vom damals 75-jährigen Großvater zu übernehmen. Rasch arbeitete der junge Mann selbstständig und wurde mit seiner Arbeit Teil des deutschen Wiederaufbaus. Zahlreiche Bautrends hat der Fensterbauer kommen und gehen sehen: »Früher waren die Fenster beim Fachwerkgebäude zehn Zentimeter von außen nach innen gesetzt und ein Dachüberstand schützte vor Schlagregen. In der Nachkriegszeit kamen Rollläden auf. Das ließ die Fenster in der Laibung bis auf vier Zentimeter vorrücken, während zugleich die Dachüberstände geringer wurden«, berichtet der erfahrene Handwerker und fügt hinzu, dass die inzwischen vielfach verbreiteten Kunststofffenster bis heute einfach nicht seine Sache sind.

Einmal Holz, immer Holz

Herr Gutekunst blieb bei Sanierungsprojekten und individuellen Fensterlösungen aus Holz. Die Derendinger Scheune war in seinen Augen reizvoll. Kein Fenster gleicht hier dem anderen. »Die Detailsammlung war im Vorfeld bereits umfangreich«, erzählt Gutekunst. Ob ein Fenster mit Schiebetürmechanismus oder Kipp-Dreh-Flügel ausgeführt ist, sei final in Abhängigkeit zur Einbausituation entschieden worden.

Gefertigt wurden alle Elemente aus 3- bis 4-fach verleimter, russischer Lärche. Die im Regelfall 56 Millimeter messenden Rahmen der Fensterflügel halten eine 3-Scheiben-Wärmeschutzverglasung. Der im Schnitt 50 Millimeter messende Rahmen ist mit einem Kompriband, bündig abschließend zur Laibung, unauffällig eingebaut. Eindeutig sichtbar werden die neuen Fenster in der historischen Fassade erst durch ihren blauen Leinölanstrich; der im Falle der beiden Scheunentor-Verglasungen erst nach der Montage aufgetragen wurde.

Eine Herausforderung sei das Projekt nicht gewesen, aber ein immenses Projekt für die zwei Mitarbeiter und ihn, sagt der über Neunzigjährige rückblickend. Wie viele Fenster es für die Zehntscheuer schlussendlich gewesen seien, müsse er selbst erst nachzählen, aber das sei auch nicht entscheidend, denn: »Solche Projekte habe ich stets am liebsten gemacht. Dennoch Manderscheid war mein letztes großes Projekt. Neue Mitarbeiter oder fähige Leiharbeiter sind sowieso schwierig zu bekommen«. In Derendingen wird er trotzdem noch einmal vorbeischauen; manch ein Fenster funktioniert möglicherweise noch nicht so, wie er sich das vorstellt. Da lässt sich nur sagen: #Handwerker4life. Chapeau, Herr Gutekunst!

Zahlreiche Fenster für die Zehntscheuer zu fertigen, reizte den Fensterbauer Hans Gutekunst einen letzten großen Auftrag anzunehmen
Zeichnung: Manderscheid Architekten
Zahlreiche Fenster für die Zehntscheuer zu fertigen, reizte den Fensterbauer Hans Gutekunst einen letzten großen Auftrag anzunehmen
Zeichnung: Manderscheid Architekten
Zahlreiche Fenster für die Zehntscheuer zu fertigen, reizte den Fensterbauer Hans Gutekunst einen letzten großen Auftrag anzunehmen
Zeichnung: Manderscheid Architekten
Schnitt zu durchgängiger Verglasung wie auf Foto rechts
Zeichnung: Manderscheid Architekten
Entsprechendes Montagedetail zu Foto rechts
Zeichnung: Manderscheid Architekten
Entsprechendes Montagedetail zu Foto rechts
Zeichnung: Manderscheid Architekten

Autorin Henriette Sofia Steuer genießt den Austausch mit lebens- und berufserfahrungs-reichen Unternehmern und Handwerkern, es gibt immer etwas zu beiden Bereichen fürs
eigene Leben zu lernen.


Steckbrief

Architekt: Manderscheid Architekten aus Tübingen-Derendingen

www.manderscheid-
architekten.de

Fensterbauer: Glaserei und Fensterbau Hans Gutekunst
aus Reutlingen

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