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Beirut Blue(s)

Wiederaufbau des Beiruter Stadtviertels Karantina
Beirut Blue(s)

Interview mit Architekt Rami Alhayek über den Wiederaufbau des Beiruter Stadtviertels Karantina – die Hafenexplosion vor einem Jahr hatte es zerstört. Fotojournalist Erol Gurian besuchte Beirut und sammelte Eindrücke vom Engagement der ehrenamtlichen Helfer.

Rami Alhayek wurde im Libanon geboren und beendete sein Studium der Architektur 2017. Der Dreißigjährige arbeitete seither selbständig als Architekt in Saudi-Arabien, den Emiraten und im Libanon. Den Wiederaufbau Karantinas verantwortet er als »Project Manager« der »Beirut Blast Emergency Response«. Initiiert wurde das Projekt von der libanesischen NGO Offrejoie, die 1985 während des Bürgerkrieges entstand und im ganzen Land humanitäre Hilfe über Konfessionsgrenzen hinweg leistet. In der dds-Septemberausgabe hatten wir über die Arbeit von Schreiner Joseph Hashem berichtet.

Wie habt Ihr auf die Explosion am Abend des 4. August 2020 reagiert?

Seit dem 5. August, also direkt nach der Explosion, sind wir bei den Menschen hier. Täglich – und haben ca. 400 Dreiachser an Schutt abtransportiert. Wir mussten viele Wände einreißen, weil sie einsturzgefährdet waren. Viele Gebäude sind komplett eingestürzt. Da haben wir neue Fundamente gesetzt, neue Säulen errichtet und neue Pflastersteine verlegt.

Was war die vordringlichste Arbeit?

Als wir anrückten, war das Erste, was wir gemacht haben, Strom- und Wasserleitungen schnell provisorisch zu reparieren. Erst danach haben wir mit den echten Renovierungen begonnen. Während dieser Zeit waren laufend Begehungen notwendig, um herauszufinden, welche Gebäude einsturzgefährdet waren, den Bewohnern zu sagen, dass sie ihre Wohnungen räumen sollen und den Freiwilligen, welche Gebäude sie nicht betreten durften. Anschließend haben wir die Bereiche abgeriegelt, die unsicher waren. Die historischen Häuser stützten wir von innen mit Gerüsten ab. Das waren alles Entscheidungen, die wir sehr schnell fällen mussten.

Wo warst du selbst, als sich die Explosion ereignete?

Ich war 17 Kilometer vom Hafen entfernt und schaute mir eine Fernsehserie an und wollte mich gleich mit Freunden in Gemaize (Partyviertel Beiruts) treffen. Sie wurden schwer verletzt. Ich wollte noch die 20 Minuten bis zum Filmende ansehen. Wäre ich beim Anruf losgefahren, wäre auch ich in der Explosion gelandet.

Wie sehen die Maßnahmen des Aufbaus für Karantina aus?

Waren mehr als 70 Prozent einer Wohnung zerstört, stand eine Komplettrenovierung an. In Karantina richteten wir 36 Häuser, die sind nahezu fertig. Einige Elemente werden noch gestrichen. Dann bleiben noch die Treppenhäuser. Wir warten mit dem Anstrich, bis alle Wohnungen und Dächer renoviert sind, um dann alles sauber zu übergeben. Die Grünflächen dauern noch etwa zwei Monate. Da entsteht ein Vorzeigemodell für ganz Beirut: mit Straßenbeleuchtung, Park- und Spielplätzen und Parks für Senioren, wo man Schach spielen kann.

Bekannt wurde die Feuerwache …

Genau! In der Feuerwache in Karantina kamen mehr als zehn Feuerwehrleute bei der Explosion ums Leben Wir renovieren den gesamten Bau. Es bleiben dann noch sieben historische Gebäude in Karantina, inklusive der Kirche, die wir sanieren. Damit werden wir noch etwa bis zum Ende des Jahres brauchen.

Wie entstand das Stadtviertel?

Bis auf einige historische Gebäude ist das Viertel in den 40er bis 60er-Jahren errichtet worden. Damals war es hochmodern, wurde aber später vergessen, als die neue Autobahn gebaut wurde und Karantina vom Rest der Stadt abschnitt. Bis heute glauben alle, dass das hier ein Industriegebiet sei – wegen dem Hafen und einiger Fabriken. Geht man heute durch Karantina, fühlt es sich fast an wie in einem kleinen Dorf. Aktuell, mit der hohen Inflation kann man sich hier für 50 bis 80 000 US-Dollar eine schöne Wohnung kaufen. Die war früher 200 bis 500 000 Dollar wert.

Wie operiert die NGO Offrejoie?

Bei Offrejoi hatten wir seit dem 5. August 2020 etwa 6000 freiwillige Helfer. Auf der Website von OffreJoi kann man sich alle Berichte zu den Renovierungen herunterladen – alles ist »fully transparent«. Da sind sogar unsere Bankkontoauszüge einsehbar. Wohin das Geld fließt, wie viele Arbeiter wir haben, wie viele Freiwillige, wie viele Häuser wir gebaut haben.

Was erzählen die Zahlen?

Wir haben 40 Gebäude in (den Vierteln) Basta Al Tahta und Khandak el-Ghamik mit neuen Fenstern und Fensterscheiben versorgt bevor der Winter kam. Es sollte kein Wasser in die Häuser eindringen. Die Menschen blieben während der Bauarbeiten in ihren Wohnungen – auch hier in Karantina. Die Bäder waren herausfordernd – schnelle Arbeit war gefragt, wegen der Permanentnutzung der Bäder.

Viele junge Frauen sind ehrenamtlich engagiert – wie kommt das?

Die Menschen sollen schnell zurück in ihre Wohnungen können – das ist ihr Anliegen. Die Helferinnen sind meist zwischen 18 und 28 Jahre alt. Sie engagieren sich nicht als Fachkräfte, sondern tun Dinge wie Schutt räumen, Medikamente und Lebensmittel verpacken aber auch schwere Zementsäcke schleppen.

Aus welches Umfeld kommen sie?

Ein Großteil sind Studierende aus insgesamt 18 Nationen. Sie kommen während ihres Online-Studiums oder nehmen gerade ein Gap-Year, eine Auszeit. Einige möchten einfach nur helfen oder dazu beitragen, die Lebensbedingungen der Bewohner zu verbessern. Speziell denjenigen, die traumatisiert sind oder wirtschaftlich durch das soziale Raster fallen. Andere wurden von Freunden überredet – und werden »süchtig« nach dieser Arbeit. Wieder andere kommen, weil sie gerne unter Gleichgesinnten sind, gerne neue Leute kennenlernen oder Gutes tun möchten und gleichzeitig persönliches Wachstum erleben können.

Ich treffe dich beim Tee nebenan beim Besitzer der KFZ-Garage …

Er heißt Abou Rabih und seine Werkstatt grenzt unmittelbar an Karantina. Auch ihm haben wir geholfen, wieder zurück ins Business zu kommen. Karantina ist eine kleine Community, von allen vergessen; also halten alle zusammen: Er ist der Mechaniker des Viertels.

Wer liefert das Holz, die Türen, die Fenster zu? Lokale Schreiner?

Wir kaufen das Holz und bezahlen die lokalen Schreiner für das Zuschneiden und Einbauen. Einige Innentüren und Farben wurden gespendet. Aber das Meiste kommt von Händlern. Offrejoie nennt keinen ihrer Zulieferer – nicht einmal die Spender, weil wir grundsätzlich keine Werbung für Irgendjemanden machen.

Wie ist die Materialsituation – auch schwierig wie aktuell in Europa?

Es war hier schon immer schwer, an Material zu kommen. Jetzt besonders. Oft verzögern sich Reparaturen, weil das Material fehlt. Alles wird importiert.

Weshalb die absolute Transparenz, bis hin zu den Kontoauszügen?

Wir machen alles transparent, alle unsere Zahlen sind sichtbar. Jeder darf erfahren, wie und wo wir unsere Mittel ausgeben – vor allem unsere Spender. Ich wünschte, unsere Regierung würde das auch tun …

Spielt die religiöse Zusammensetzung des Viertels eine Rolle?

Traurigerweise sind die religiösen Strukturen streng getrennt. Es gibt Muslime, die in christlichen Vierteln leben und umgekehrt. Da haben wir keine Probleme – man ist befreundet. Doch die Viertel arbeiten nicht zusammen. Übrigens wählten wir Karantina und das Viertel Mar Mikhael wegen der starken Zerstörungen. Es sind christliche Viertel. Aber auch in muslimischen Vierteln arbeiteten wir, wenn sie ihre Scheiben verloren hatten und ohne Hilfe blieben. Dazu schickten wir ein Team von Glasern und einen Pickup los, um die Fenster zu richten.

Hat das viele Blau an Fenstern und Türen einen Hintergrund?

Weit draußen am mediterranen Horizont begegnen sich das Blau des Meeres und das Blau des Himmels. An Land inspiriert die Farbe seit jeher die Architektur: Auch im Libanon erstrahlen viele Türen und Fenster in diesem kühlen Schein!

Der Libanon macht schwere Zeiten durch: kein Benzin, nur 1 Stunde Strom, die Inflation galoppiert …

Frage mich nicht, ob ich das Land verlassen werde – sondern wann …


Erol Gurian ist Fotograf und Fotojournalist. Er unterrichtet unter anderem an der Deutschen Journalistenschule und ist Dozent an der Deutschen Welle Akademie.


Steckbrief

Fotojournalist Erol Gurian bereist den Libanon seit vielen Jahren. Ein Schwerpunkt ist die Situation der Geflüchteten. Sein Medienprojekt OURVOICE bringt Jugendlichen visuelles Storytelling bei.

www.tinyurl.com/t2fhrnxs
www.gurian.de

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