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Fensterexperte Rainer Rutsch im Interview

Asbest im Fensterbau: Interview Rainer Rutsch
»Wegducken ist keine Lösung«

Beim Arbeiten in Bestandsgebäuden müssen Fensterbauer sich darüber im Klaren sein, dass Schadstoffe wie Asbest im Spiel sein können. Wie geht man damit um? Fensterexperte Rainer Rutsch gibt im Interview Antworten darauf.

Interview: Hans Graffé

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Asbest nicht nur in den allseits bekannten Dachplatten enthalten sein kann, sondern auch in den sog. »PSFs« (Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber, Fensterkitt etc.) – und das potenziell in jedem Gebäude, das vor Ende 1993 errichtet wurde. Denn Asbest wurde jahrzehntelang unzähligen Materialien beigemischt, bis es 1993 endlich verboten wurde.

Wenn nicht bekannt ist, ob ein Gebäude belastet ist, muss man prinzipiell davon ausgehen, dass es belastet ist. Wie geht man nun als Handwerker mit diesem Sachverhalt um? Was bedeutet das für das Angebotswesen, lehnt man entsprechende Aufträge womöglich besser ab, wie kommuniziert man das Thema überhaupt mit dem Kunden? Und wer bezahlt im Zweifelsfall die Mehrkosten? Fragen über Fragen …

Herr Rutsch, wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Anfrage für den Fenstertausch in einem Altbau bekommen?

Rainer Rutsch: Handelt es sich um einen Endkunden, wird er mit unserem Angebot darauf hingewiesen, dass eventuell Schadstoffe vorliegen können. Um das auszuschließen, müssen die infrage kommenden Bereiche wie z. B. Fensterbänke, Laibungsputz oder Rollladenblenden untersucht werden. Dafür schicken wir in der Regel direkt einen Kostenvoranschlag mit.

Wie reagieren die Kunden?

Zunächst mal natürlich überrascht. In der Regel haben die Kunden aber Verständnis für die Vorgehensweise und beauftragen uns mit der Beprobung.

Wie groß ist die Gefahr, dass der Kunde abspringt?

In der Zielgruppe, in der wir uns bewegen – wir sind im hochpreisigen Holzfenstersegment unterwegs – sehr gering. Schlussendlich geht es für den Kunden ja um die eigene Gesundheit, das sehen die meisten sehr schnell ein.

Wer führt die Beprobung durch?

Die Probenentnahme im Gebäude macht einer unserer Mitarbeiter. Der hat den »kleinen Asbestschein« und ist darüber hinaus für das Arbeiten im kontaminierten Bereich qualifiziert. Das Material wird dann zur Untersuchung an ein Institut geschickt. Dabei muss vorher festgelegt werden, woauf getestet werden soll. Neben Asbest können nämlich noch andere Schadstoffe vorliegen, z. B. PCB. Bei der Fensterrestaurierung kann in den Fensterlacken auch PCP, Lindan und Blei enthalten sein, je nach Alter der Fenster.

Was kostet eine solche Beprobung?

Zwischen 1000 und 1500 Euro, je nach Art und Umfang der Analyse.

Was geht es weiter, wenn tatsächlich Asbest z. B. in der Laibung nachgewiesen wird?

Dann führen wir den Auftrag unter Beachtung aller erforderlichen Schutzmaßnahmen durch. Sprich: Es muss ein Gerüst gestellt werden, die Fenster werden zum Innenraum hin staubdicht eingehaust und nach außen hin ausgebaut. Sämtliche Arbeiten sind innerhalb eines sog. »Schwarzbereiches« auszuführen. Die Mitarbeiter tragen die volle Schutzausrüstung und alle Werkzeuge und Geräte werden hinterher gewaschen.

Welche Qualifikation benötigen Sie bzw. Ihre Mitarbeiter dafür?

Der aufsichtführende Mitarbeiter hat den kleinen Asbestschein und den Schein für Arbeiten im kontaminierten Bereich vorzuweisen.

Und diese Mehrkosten werden klaglos vom Kunden übernommen?

Klaglos vielleicht nicht gerade, aber was wäre die Alternative? Kein Mensch, der sich auch nur ein wenig mit der Gefährlichkeit von Asbest beschäftigt hat, möchte, dass das Zeug in seinem Gebäude freigesetzt wird.

Kennen Sie Kollegen, die so vorgehen wie Sie?

Einige wenige. Die Kollegen aus der Fensterrestaurierung haben sich noch am ehesten mit dem Thema Schadstoffbelastung beschäftigt und sind hier entsprechend sensibel.

Was sind bei Restaurierungsarbeiten die kritischen Bereiche?

Zum einen wie erwähnt die verwendeten Farben und Lacke, zum anderen der Fensterkitt. Um den zu entfernen, setzen wir bei Bedarf das emissionsarme Verfahren BT 42 ein.

Sie gehen schon einige Jahre proaktiv mit dem Thema Schadstoffe um. Wie lautet Ihr Fazit?

Das Thema ist handhabbar, wenn auch nicht immer ganz einfach. Aber Wegducken ist für mich keine Lösung. Mir geht es um die Gesundheit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und darum, sich bzw. den Betrieb so gut es geht gegen spätere Ansprüche abzusichern. Denn wenn ein Bauherr irgendwann feststellt, dass sein Gebäude belastetet ist und Sie damals Fenster ausgetauscht haben, ohne ihn zu informieren, ist man dran.

Dann muss jedes Teil im Gebäude gewaschen werden, jedes! Allein diese Kosten gehen ganz schnell in die Zehntausende. Von möglichen Schadenersatzforderungen ganz zu schweigen. Beim öffentlichen Bauen im Bestand ist die Untersuchung auf Schadstoffe übrigens bereits seit Längerem gang und gebe.


Guter Einstieg ins Thema: Die Handlungshilfe »Asbest beim Bauen im Bestand« der BG. Download unter Asbest beim Bauen im Bestand

Relevante Regelwerke, Verordnungen und Infoquellen

Gefahrstoffverordnung Anhang I Nr. 2.3; Anhang II Nr. 1 (März 2017)

Technische Regel Gefahrenstoffe TRGS 519 Asbest: »Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten«, Oktober 2019

»Leitlinie für die Asbesterkundung zur Vorbereitung von Arbeiten in und an älteren Gebäuden«, 1. Auflage. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und Umweltbundesamt (UBA), April 2020

Themenseite der BG Bau: www.bgbau.de/themen/sicherheit-und-gesundheit/asbest/

Der Verband Tischler NRW beschäftigt sich in einer Folge des Podcasts »Lauschwerkstatt« mit dem Thema Asbest. Thomas Radermacher, Präsident von Tischler Schreiner Deutschland und BG-Vorstandsmitglied Markus Köster diskutieren hier über die Relevanz des Themas für das Tischler- und Schreinerhandwerk. Zu finden unter www.tischler-nrw.de und überall dort, wo es Podcasts gibt.


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