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Alles im Lot auf dem Boot

Ausbau
Alles im Lot auf dem Boot

Es ist noch viel zu tun, bis dieses Schiff nächsten Dienstag zu Wasser geht. Die Tischlerei Drews & Rathjen lässt sich vom Trubel an Bord nicht beirren und montiert ihre Wandelemente, die sie in ihrer nur fünf Minuten entfernten Werkstatt produziert.

Per WhatsApp schickt der Geselle Peter Schell nach und nach die letzten Werkstattaufträge für den Ausbau und die Wandvertäfelungen des Bodenseefahrgastschiffs Seegold. Die Luxwerft in Niederkassel bei Bonn fertigt es für eine Reederei in Konstanz. Peter Schell und zwei weitere Kollegen arbeiten für die Tischlerei Drews & Rathjen die ihren Sitz keine fünf Autominuten von der Werft entfernt hat, ebenfalls in Niederkassel. Heute ist Donnerstag. Obwohl die Kommandobrücke in der Nachbarhalle auf die Hochzeit mit dem Schiff wartet, soll es bereits am kommenden Dienstag zu Wasser gehen und den Rhein stromaufwärts fahren. Im großen Fahrgastraum herrscht zwar keine Hektik, aber reges Treiben. Die Elektriker und Heizungsbauer ziehen ihre Leitungen. Geöffnete Luken gewähren den Einblick in den Maschinenraum, wo sich die Schlosser tummeln. Mitten in diesem Trubel bringen die Tischler routiniert ihre letzten Wandvertäfelungen an. Im Durchschnitt bauen sie drei Schiffe im Jahr aus, mal ein kleines Fahrgastschiff, mal eine große Autofähre. Damit erzielt die Tischlerei etwa 35 Prozent ihres Umsatzes. Robert Drews und Stefan Rathjen haben ihre Tischlerei vor zehn Jahren gegründet. Kennengelernt haben sie sich in dem Betrieb, in dem beide ihre Lehre gemacht und ihre ersten Erfahrungen im Schiffsausbau gesammelt haben. Zunächst arbeiteten sie zur Untermiete in der Werkstatt eines Kollegen, dann alleine in einer anderen Mietwerkstatt und seit zwei Jahren in der eigenen Immobilie. Sie beschäftigen vier Gesellen, und zwei Auszubildende, davon eine Frau. Bei Auftragsspitzen engagieren sie ehemalige Kollegen, die heute als selbstständige Monteure arbeiten.

Robert Drews arbeitet in der Werkstatt, als die WhatsApp-Melodie den Eingang des Werkstattauftrags ankündigt. Er liest Peter Schells abfotografierte Handskizze, notiert sich ein paar Zahlen und schneidet auf der Formatkreissäge aus einer CPL-beschichteten Gipsfaserplatte einige Formate zu, holt aus dem Tiefkühlschrank im Pausenraum eine Tupperdose mit PUR-Granulat und gibt davon etwas in das Schmelzbecken der Kantenanleimmaschine. Er verrät mir: »Tiefgefroren in der luftdichten Dose hält sich der angebrochene Klebstoff ein halbes Jahr.« Er bekantet die Platten, schneidet auf der Formatkreissäge jeweils eine Längskante auf Gehrung und nutet auf der Tischfräse eine Harpunenstegwinkelfeder mit aufliegender runder Ecke, klebt sie mit PUR-Montageklebstoff ein und bringt die Elemente mit dem Lieferwagen zur Werft. Auf dem Weg erklärt er die Arbeitsweise: »Zunächst nehmen wir Aufmaß und fertigen und montieren die maßunkritischen Elemente. Das was danach noch fehlt, vermessen und fertigen wir dann in kleinen Happen.« Für das Aufmaß nimmt er den Zollstock, ein Bandmaß und einen Winkel. Mit der Wasser- oder Schlauchwaage kann niemand auf einem Schiff etwas anfangen. Auch Lasernivelliergeräte erweisen sich als problematisch, weil jeder noch so vorsichtiger Schritt auf dem Metallboden die Projektoren schwingen lässt. Viele Maße ergeben sich durch den Abstand zum Boden, zur Decke, zum Fenster oder einfach durch Augenmaß. Dennoch ist alles im Lot. Als Unterkonstruktion dienen Aluwinkelprofile für die das Schiff genügend Verankerungspunkte bietet. Die Paneele sind so zu montieren, dass sie sich wieder lösen lassen, weil sich dahinter Strom-, Wasser- und Heizungsleitungen befinden. Die Elemente stoßen stumpf gegeneinander. Schattenfugen bilden den Randanschluss. Ist das Gros der Elemente montiert, nehmen die Monteure nach und nach Aufmaß für jedes noch fehlendes Anschlussstück, skizzieren es und schicken es per WhatsApp in die Werkstatt. »Nach der Betriebsgründung,« sagt Stefan Rathjen, »arbeiteten wir zunächst als ganz normale Tischlerei. Wir dachten überhaupt nicht daran, uns mit dem Schiffsausbau zu befassen. Doch wie das Leben eben spielt, hat es sich ergeben, dass die Werft einen Innenausbauer suchte und bei uns nachfragte, ob wir das übernehmen. Inzwischen sind wir perfekt auf den Werftbetrieb und seinen Innenarchitekten eingespielt. Die räumliche Nähe erleichtert die Arbeit enorm.«
Neben der Werft und dem normalen Tischlereibetrieb gibt es noch ein drittes Standbein, Gehäuse aus Vollkunststoffplatten für Maschinen- und Anlagenbauer.
Für die Planung und Einrichtung der neuen Werkstatt nahmen die beiden Tischler den Beratungsdienst des Landesverbandes Tischler NRW in Anspruch. Berater Dieter Ribbrock half, ein praktikables und bezahlbares Gebäude zu planen und einzurichten. Die beiden Tischler haben sich für den Maschinenzulieferer Felder/Format-4 entschieden, der eine Niederlassung im Nachbarort Lohmar betreibt und alle Tischlereimaschinen und darüber hinaus die Kantenanleimmaschine und das Bearbeitungszentrum geliefert hat.

Steckbrief

Auftraggeber: Die Luxwerft in Niederkassel fertigt mit 75 Mitarbeitern jährlich drei Schiffe www.lux-werft.de
Auftragnehmer: Die Tischlerei Drews & Rathjen GmbH in Niederkassel, Möbel- und Innenausbau, Ausbau von Schiffen und Herstellung von Maschinengehäusen www.wir-sind-die-tischler.de
Maschinenausstatter: : Format-4 Werk 6060 Hall in Tirol, Österreich, 29 Service- und Verkaufsstellen in Deutschland Tel.: (089) 37159008, www.format-4.de
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