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Asbest im Tischlerhandwerk: Die unsichtbare Gefahr

Asbest im Tischlerhandwerk
Die unsichtbare Gefahr

Asbest wurde jahrzehntelang unzähligen Materialien und Werkstoffen beigemischt, bis es 1993 endlich verboten wurde. Was nach Schnee von gestern klingt, ist heute leider ein brandheißes Thema auch für Tischler und Schreiner. Ein Überblick mit den wichtigsten Fragen und Antworten.

Fast 30 Jahre nach dem Asbestverbot sterben jährlich noch immer mehr als 1500 Menschen an den Folgen des früheren, oft sorglosen Umgangs mit Asbest. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) geht davon aus, dass immer noch über 37 Millionen Tonnen asbesthaltiges Material in Deutschlands Gebäuden verbaut sind.

Seit 2015 ist nun bekannt, dass Asbest auch in sog. »PSFs« verarbeitet wurde, also in Putzen, Spachtelmassen, Fliesenklebern, Fensterkitt u. Ä. Asbest ist hier zwar nur in geringen Konzentrationen verarbeitet, aber besonders bei der flächigen Bearbeitung (Schleifen) muss mit hoher Konzentration von Asbestfasern in der Luft gerechnet werden.

Wer ohne spezielle Fachkenntnis an diese Materialien herangeht, setzt selbst durch ein winziges Bohrloch Millionen mikroskopisch kleiner Fasern frei. Über die Atemluft geraten diese in die Lunge, reichern sich dort an und lassen das Gewebe vernarben (Asbestose). Noch gravierender sind verschiedene Krebsarten, die sich Jahrzehnte nach dem Asbestkontakt entwickeln können. Nach Angaben des Nationalen Asbest Profils Deutschand ist mehr als jede zweite Berufskrankheit mit tödlichem Ausgang auf Asbest zurückzuführen.

Inwiefern sind Tischler, Schreiner und Fensterbauer von dem Thema Asbest überhaupt betroffen?

In jedem Gebäude, das vor dem 31.10. 1993 errichtet wurde, kann Asbest in den sogenannten PSFs (Putze, Spachtelmasse, Fliesenkleber etc.) verbaut sein. Jeder Handwerker, der in einem solchen Gebäude Arbeiten wie bohren, schleifen, stemmen usw. ausführt, geht auch das Risiko ein, Asbestfasern freizusetzen. Das Bundesarbeitsministerum (BMAS) geht davon aus, dass rund ein Viertel der Gebäude, die vor 1993 errichtet wurden, tatsächlich betroffen sind.

Wie ist der rechtliche Hintergrund und was droht bei Nichtbeachtung der Vorschriften?

Rechtliche Grundlage ist die aktuelle Gefahrstoffverordnung und entsprechende EU-Regelungen. Details regelt die Technische Regel Gefahrstoffe 519 »Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten«. Verstöße gegen die Regelungen sind bußgeld- und zum Teil auch strafbewehrt. Die Gefahrstoffverordnung wird hinsichtlich der PSFs aktuell überarbeitet. Mit einer kurzfristigen Veröffentlichung ist nach Aussage der BG jedoch nicht zu rechnen.

Ich habe einen Auftrag in einem Gebäude mit Baujahr vor 1993. Was muss ich tun?

Gemäß der im April 2020 veröffentlichten »Leitlinie für die Asbesterkundung zur Vorbereitung von Arbeiten an und in älteren Gebäuden« der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), muss grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass asbesthaltige Materialien verbaut wurden. Der Nachweis, dass keine asbesthaltigen PSF-Materialien vorhanden sind, kann demnach nur erbracht werden durch:

  •   Beprobung und Analyse der Materialien oder
  •   schriftlich belegbare Bestätigung der auftraggebenden Person

Was ist, wenn weder eine negative Beprobung noch eine Bestätigung des Auftraggebers vorliegen?

In diesem Falle dürfen sämtliche Arbeiten ausnahmslos nur von Fachbetrieben durchgeführt werden, die über die erforderliche sicherheitstechnische und personelle Ausstattung verfügen. Dazu zählen sachkundige Personen, die verantwortlich für die Planung von Asbestarbeiten und deren Anzeige gegenüber den Behörden sind sowie die Tätigkeiten vor Ort beaufsichtigen. Für Tätigkeiten an asbesthaltigen PSF ist mindestens eine Sachkunde nach Anlage 4C der Technichen Regel Gefahrstoffe TRGS 519 nachzuweisen (»kleiner Asbestschein«).

Wie aufwendig ist dieser »kleine Asbestschein«?

Der Lehrgang umfasst 17 Lerneinheiten und dauert in der Regel zwei Tage.

Was ist im Unterschied dazu der »Q1E«-Lehrgang?

Mit dem Q1E Lehrgang, der ohne Prüfung abschließt (TRGS 519, Anlage 10), qualifizieren sich die Teilnehmer/-innen ausschließlich für die Beaufsichtigung von Tätigkeiten, die mit »anerkannten emissionsarmen Verfahren« ausgeführt werden. Der Umfang dieser Schulung ist allerdings genauso groß wie beim Sachkundelehrgang nach Anlage 4c der TRGS 519.

Was müssen Tischler/Schreiner vor bzw. während der Arbeiten in Gebäuden mit potenziell asbesthaltigen Baustoffen beachten?

Es ist eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, die Beschäftigten sind mit einer schriftlichen Betriebsanweisung einzuweisen, eine arbeitsmedizinische Vorsorge ist zu veranlassen und ein Expositionsverzeichnis nach TRGS 410 ist zu führen. Es sind vorrangig Arbeitsverfahren zu wählen, die eine Freisetzung von Asbestfasern verhindern bzw. minimieren (»staubarmes Arbeiten«). Falls es für die auszuführenden Tätigkeiten ein anerkanntes emissionsarmes Verfahren gibt, ist dieses einzusetzen. Nach Abschluss der Tätigkeiten ist der Arbeitsbereich sorgfältig zu reinigen.

Gilt das alles auch dann, wenn ich als Innenausbauer nur ein paar Löcher in Wände und Decken bohren muss?

Grundsätzlich ja. Unter bestimmten Voraussetzungen sind jedoch Erleichterungen bei den Schutzmaßnahmen vorgesehen, z. B. wenn sogenannte »anerkannte emissionsarme Verfahren« eingesetzt werden. Für Löcher bis 12 mm steht mit dem »BT 30«-Bohrverfahren ein anerkanntes emissionsarmes Verfahren« zur Verfügung.

Was bedeutet »anerkanntes emissionsarmes Verfahren« genau?

»Emissionsarme Verfahren« nach TRGS 519 Nr. 2.9 sind solche Tätigkeiten mit geringer Exposition, die behördlich oder von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung geprüft und anerkannt sind. Einem emissionsarmen Verfahren liegt ein standardisiertes Arbeitsverfahren zu Grunde, für das zur Anerkennung die sichere Unterschreitung der Akzeptanzkonzentration von Asbest nachgewiesen wurde.

Wo gibt es weitere Informationen?

Einen Einstieg ins Thema bietet die jüngst erschienene »Handlungshilfe für Tätig-keiten an asbesthaltigen Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern« der Berufsgenossenschaften. Empfehlenswert ist auch die Folge 12 des Podcasts »Lauschwerkstatt« von Tischler NRW zum Thema Asbest, zu finden unter www.tischler-nrw.de, bei Spotify und überall dort, wo es Podcasts gibt.
Weitere Auskünfte, Hilfestellung und Informationen zu aktuellen Lehrgängen geben die Landesverbände des Tischler- und Schreinerhandwerks und der Bundesinnungsverband Tischler Schreiner Deutschland TSD in Berlin.

Relevante Verrdnungen, Regelwerke, Infoquellen

Das Thema Asbest ist komplex. Zur besseren Verständlichkeit haben wir den Sachverhalt für diesen Beitrag sprachlich teilweise vereinfacht. Rechtlich relevant sind immer die einschlägigen Verordnungen, Regelwerke und Normen.

  • Gefahrstoffverordnung (März 2017); Anhang I Nr. 2.3; Anhang II Nr. 1
  • TRGS 519 Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten, Oktober 2019
  • Leitlinie für die Asbesterkundung zur Vorbereitung von Arbeiten in und an älteren Gebäuden. 1. Auflage. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und Umweltbundesamt (UBA), April 2020
  • Themenseite der BG-Bau: www.bgbau.de/themen/sicherheit-und-gesundheit/asbest/

dds-Interview mit Ralf Bickert, Geschäftsführer SIAM

Sind die Ehrlichen die Dummen, Herr Bickert?

Herr Bickert, wie brisant ist das Thema Asbest für Tischler und Schreiner?

Die Brisanz, die hier drinsteckt, ist mindestens so groß wie damals beim Holzstaub. Es betrifft jeden, der Arbeiten in Bestandsgebäuden vor 1993 ausführt. Viele Betriebe haben das noch gar nicht realisiert. Sorgen machen uns vor allem die Fensterbauer, da es sehr schwer ist, für den Fensterausbau ein anerkanntes emissionsarmes Verfahren zu etablieren.

Was sollten die Betriebe also jetzt tun?

Wir raten dringend dazu, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Einen Einstieg bietet die jetzt erschienene Handlungshilfe der BG, die sehr gut die Problematik beschreibt. Weitere Arbeitsblätter für konkrete Tätigkeiten ergänzen diese noch im Laufe des Jahres. Hieran wird bei den beteiligten BGn und Verbänden gearbeitet. Grundsätzlich empfehlen wir jedem betroffenen Betrieb, dass zumindest eine Person im Unternehmen den Sachkundelehrgang nach TRGS 519, Anlage 4c absolviert.

Wer sich an die Vorschriften hält, könnte Gefahr laufen, Aufträge zu verlieren. Sind die Ehrlichen mal wieder die Dummen?

Fakt ist: Es wird immer Anbieter am Markt geben, die aus Unwissenheit oder Ignoranz geltende Regeln umgehen. Davor ist jedoch eindringlich zu warnen. Unternehmer haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern, die sie gerade beim Thema Asbest nicht außer Acht lassen können. Wird im Nachhinein bekannt, dass bei Arbeiten Asbestfasern freigesetzt wurden, ist auch mit hohen Folgekosten und Schadenersatzforderungen der Auftraggeber zu rechnen. Viele Betriebshaftpflichtversicherungen haben das Thema Asbest übrigens aus ihren Leistungen ausgeschlossen.

Ralf Bickert ist Geschäftsführer des Arbeitsschutz-Dienstleisters SIAM, eines Serviceunternehmens der Tischler- und Schreinerverbände. Er befasst sich als einer von mehreren Experten für das Tischlerhandwerk mit dem Thema Asbest.


Zusammenstellung und Interview: Hans Graffé, exklusiv für dds


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