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Nach der großen Explosion: Wiederaufbau in Beirut mit Schreiner Joseph Hashem

Reportage zum Wiederaufbau in Beirut mit Schreiner Joseph Hashem
Nach der großen Explosion

Vor einem Jahr wurde binnen Sekunden ein Großteil Beiruts verwüstet. Der Libanon, ehemals als die »Schweiz des Orients« bezeichnet, versank noch mehr im Chaos. Doch viele NGOs und Handwerker wie Schreiner Joe machen Wohnungen wieder bewohnbar.

Schreiner Joseph Hashem wusste nicht, dass das, was sich am 4. August 2020 gegen 18 Uhr wie ein Erdbeben anfühlte, seine Auftragslage radikal verändern würde. Hier in Qarnayel, einem beschaulichen Bergdorf in den Libanonbergen geht in seiner Schreinerei nur ein kleines Fenster zu Bruch. In der Hauptstadt Beirut, 40 Kilometer entfernt, zerbersten in diesem Moment hunderttausende von Fenstern, Häuser stürzen ein, Menschen werden schwer verletzt, begraben unter Schutt, etwa 200 von ihnen sterben. Schon kurz nach der gigantischen Explosion wird bekannt, dass unsachgemäß gelagerter Sprengstoff im Hafen von Beirut explodierte. »Eine libanesische NGO (Nicht Regierungs Organisation) namens Offrejoie nahm damals mit mir Kontakt auf. Die suchten eine Schreinerei, die spontan und schnell helfen konnte, hunderte zerborstener Türen, Fenster und Fensterläden zu reparieren. Ich war sofort dabei,« erzählt Hashem.

Hoffnung gegen den Libanon-Blues

Der Schwerpunkt der Arbeit lag im Beiruter Stadtteil Karantina, gleich hinter dem Hafen. Einem armen Viertel, das besonders stark gelitten hat und in dem die Bewohner keinerlei finanzielle Möglichkeiten hatten, die Reparaturen selbst zu übernehmen. Heute, ein knappes Jahr später, ist das Wiederaufbau-Projekt über die NGO Offrejoie so gut wie beendet. Und Hashem und sein Team von rund 20 Schreinern blicken auf eine abenteuerliche Bilanz: Repariert und erneuert haben sie über 300 Türen, 400 Fensterläden und 200 Fenster. Sie haben Küchen wieder aufgebaut und Schränke. »Nach Möglichkeit haben wir immer wieder den Originalzustand hergestellt, erzählt Hashem. »Vor einem Jahr war unsere Schreinerei komplett voll mit Material – man kam kaum durch. Jetzt lichtet sich alles.«

Aber nicht nur die Explosion hat das Geschäftsmodell des Schreiners verändert, auch die hohe Inflation und die Pandemie verlangen nach unternehmerischer Flexibilität. Hashems Frau Micheline hatte einen kleinen Kosmetiksalon im Ort, der Covid-bedingt schließen musste. Kurzerhand stieg sie in der Schreinerei ihres Mannes ein und kümmert sich seither um das Office-Management. Zudem arbeitet Hashem jetzt auch für Kunden in Ghana, Afrika. Via E-Mail werden Zeichnungen von Möbeln und Interiors autorisiert und wenn die Teile fertig sind, per Container verschifft. »Bedingt durch die Inflation stehen wir im Wettbewerb sehr gut da,« berichtet Hashem. Da ist die Tatsache, dass es vom libanesischen Staat nur eine Stunde Strom pro Tag gibt eher ein kleines Problem: Hashems Dieselaggregat produziert 100 kWh.

Schon als Bub interessierte sich Hashem für das Schreinerhandwerk. Verbrachte seine Sommerferien in der Werkstatt seines Vaters Tanos im benachbarten Babdath und erlernte so das Handwerk. In den Neunzigern, während des letzten libanesischen Bürgerkrieges, arbeitete er Vollzeit bei seinem Vater.

Schreiner und Innenarchitekt

Die Schulen waren damals geschlossen. Es folgte ein Nachtschicht-Job in der Möbelfabrik der Firma Condas, von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens. Danach, von 14 bis 19 Uhr das Studium der Innenarchitektur am Lebanese Universal College. Bevor der 45-Jährige seine eigene Schreinerei gründete, war er Manager in einer großen Möbelfabrik und hatte 100 Mitarbeiter unter sich. 2012 dann war es so weit: Er verkaufte sein Auto, um einen Dieselgenerator für die eigene Werkstatt zu kaufen.

Um gleich zu Beginn ein großes Projekt stemmen zu können, nahm er einen Kredit auf, kaufte Maschinen und stellte Personal ein. »Wir stellten das Projekt fertig, aber der Kunde zahlte nicht. Bis heute kämpfen wir vor Gericht für unser Recht,« berichtet der Schreiner.

»Wir können alles machen, was mit Holz zu tun hat«, erzählt Hashem. Zum Portfolio gehören Türen, Fenster, Fensterläden, Küchen oder auch Schränke. Und auch alles an Montagearbeiten. Für die kleine Kapelle im Ort hat er seine Expertise und Arbeitszeit gespendet. »Holz ist meine Leidenschaft. Und die Arbeit damit macht mich glücklich. Die Zusammenarbeit mit meinem Team ist wie Familienleben: Ich bringe ihnen alles bei, was ich weiß; und das seit 15 Jahren! Wenn ich mit Holz arbeite, ist es so, als würde ich es für mich selber tun. Im Moment ist meine größte Herausforderung, neue Mitarbeiter zu finden, Menschen zu ermutigen, in unser Handwerk einzusteigen. Es gibt viele Ingenieure im Libanon, aber nur wenige Leute, die bereit sind, den Holzstaub zu tolerieren, sich die Hände schmutzig zu machen.«

Keine Arbeit? Nicht so bei Joseph

»Alle behaupten, es gäbe keine Arbeit, aber egal wen ich frage, niemand möchte bei mir anfangen. Das ist falsch! Wer bei mir lernen will, sollte vor allem Leidenschaft mitbringen. Ich bin bereit, ihm alles beizubringen, was ich weiß. Nach drei, vier Jahren kann er dann Schreiner werden.«

Wo sieht sich Hashem mit seinem Unternehmen in fünf, zehn Jahren? »Ich will mit meiner Schreinerei wachsen, mehr Mitarbeiter beschäftigen und mit ihnen mehr Chancen entdecken. Aber ich will das nicht für mich, sondern weil ich anderen helfen möchte.«


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet unter anderem an der Deutschen Journalistenschule, an der Akademie der Bayerischen Presse und ist Dozent an der Deutschen Welle Akademie.


Steckbrief

Fotojournalist Erol Gurian bereist den Libanon seit vielen Jahren. Ein Schwerpunkt ist die Situation der Geflüchteten. Sein Medienprojekt OURVOICE bringt Jugendlichen visuelles Storytelling bei.

www.tinyurl.com/t2fhrnxs
www.gurian.de


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