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Als Schreiner in Norwegen

Seitenblick
Als Schreiner in Norwegen

Was hat man eigentlich als deutscher Möbelschreiner vom Schreinerhandwerk in Norwegen zu erwarten? Wie kommt man zurecht, welche Techniken und Standards gibt es? Ein Erfahrungsbericht von Jörg Schauer

Norwegen, hier im speziellen die Region Trøndelag und deren Zentrum Trondheim, ist ein modernes und hoch entwickeltes westeuropäisches Land mit enormen finanziellen Ressourcen. Die technischen Grundvoraussetzungen sind da, große Zulieferer wie Würth, Häfele und Hettich sind vertreten.

Gleich vorweg: Mit einer abgeschlossenen deutschen Schreinerausbildung hat man in diesem Land eine grundsolide Basis. Die Fachkenntnisse sind im Vergleich zu den Kollegen mit einer norwegischen Ausbildung umfassender und tiefgreifender.

Wie man hier Schreiner wird

Die Ursache dafür liegt in der norwegischen Handwerksausbildung. Auf den berufsorientierten weiterführenden Schulen werden im ersten Jahr lediglich berufsübergreifende Grundkenntnisse vermittelt. Im zweiten Jahr wird die Ausbildung dann etwas spezieller und die Lehrlinge wechseln auf eine Schule, die sich auf das Schreinerhandwerk spezialisiert hat. Der Lehrplan wird dort weiterhin mit anderen allgemeinen Schulfächern ergänzt.

Nach den zwei Jahren Schule bewirbt man sich bei einem der wenigen Schreinereien und geht dort zwei Jahre in die praktische Ausbildung. Anschliessend schließt man die Ausbildung mit der Gesellenprüfung ab. Bei dieser wird, ebenso wie in Deutschland, neben der theoretischen Prüfung, auch ein Möbel gebaut. Eine separate praktische Prüfung der Fachkenntnisse findet nicht statt.

Die handwerkliche Bandbreite des Schreiners ist etwas anders gefächert als in Deutschland. Der Zimmermann oder »Grobschreiner« übernimmt hier einen großen Teil der Arbeiten, die in Deutschland von Schreinern oder Spartenhandwerkern ausgeübt werden. Dazu gehören z. B. Fußböden verlegen, Leichtbauwände setzen, Türen und Fenster einbauen, Dachdeckerarbeiten usw.

Zimmermänner gibt es viel häufiger

Der Zimmermann übernimmt in Norwegen die Rolle des universalen »Schreiners«, während der Möbelschreiner wesentlich mehr auf Inneneinrichtung oder seine gewählte Nische (z. B. Treppenbau) spezialisiert ist.

Im Jahre 2010/2011 gab es meines Wissens nach nur eine einzige Schreinerschule in der Fylke (= Bundesland) Trøndelag mit lediglich sechs (!) Schülern im Bereich Möbelschreiner. Im Jahr 2019 war es fraglich, ob der Schulbetrieb überhaupt aufrechterhalten werden kann. Falls nicht, müsste man für eine Ausbildung zum Möbelschreiner eine Schule in einer anderen Fylke besuchen. Hier wird deutlich, wie weit sich die Norweger, zumindest hier in Mittelnorwegen, vom traditionellen Möbelhandwerk entfernt haben. In den Schulen wird außerdem dazu geraten, diesen Berufsweg nicht einzuschlagen, da sich als Schreiner nicht genügend Geld verdienen lässt. Die Prüfungskommissare für Trøndelag sahen die aktuelle Generation von Möbelschreinern bereits vor fünf bis sechs Jahren als verloren an, ohne jedoch aktiv etwas gegen diese Entwicklung zu unternehmen. Keine besonders gute Aussicht für das hiesige Handwerk also.

Wie ist das Qualitätsniveau?

Generell lässt sich sagen, dass das deutsche Qualitätsniveau eine Stufe über dem norwegischen liegt. Das gilt auch für das Qualitätsverständnis, sowohl bei Handwerkern wie auch bei Kunden.

Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn als Schreiner stets in kleinen Betrieben gearbeitet, bei denen sehr viel Wert auf qualitativ hochwertige Arbeit gelegt wurde. Das war hier in Trondheim nicht anders. Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Qualitätsanspruch in Norwegen etwas niedriger ist, oder besser gesagt: die Akzeptanz für etwas nicht ganz Perfektes ist wesentlich höher.

Das mag durchaus am Handwerksstolz und der Handwerkstradition der deutschen Handwerker liegen, dienen diese beiden Aspekte bei uns doch so oft als Triebfeder für Überstunden und das letzte Bisschen zusätzlichen Einsatz bei der Arbeit. Zum anderen begründet es sich möglicherweise auch darin, dass die norwegischen Kunden bei Weitem nicht so verwöhnt sind, wie das vergleichbare deutsche Klientel. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, muss aber klargestellt werden, dass hier oben keine minderwertige Ware produziert wird. Es fehlt eben nur oft das berühmte Tüpfelchen auf dem i, um den deutschen Standard zu erreichen. Im letzten Jahrzehnt hat sich in Mittelnorwegen allerdings gewaltig was getan in Sachen Qualität.

Der Wettbewerbsdruck ist gering

Auch als ambitionierter Schreiner kann man also im Land der Fjorde durchaus glücklich werden und in seinem Beruf aufgehen. Es ist ganz einfach genug Geld vorhanden, um qualitativ hochwertige Dinge zu schaffen. Die Zahlungsmoral der Kundschaft ist in der Regel ganz ausgezeichnet. Manchmal spielte der Preis sogar eine untergeordnete Rolle, oder überhaupt keine! In der Universitätsstadt Trondheim mit ihren knapp 200 000 Einwohnern konkurrieren weniger als ein Handvoll Schreinereien um die Gunst der äußerst finanzkräftigen Klientel!

Von der Kiefernhölle …

Im Gegensatz zum Schreinerhandwerk blüht und gedeiht das Zimmererhandwerk. Holzkonstruktionen haben in ganz Skandinavien einen hohen Stellenwert. Fichte und Kiefer sind als lokale Rohstoffe für Zimmermänner und Schreiner dominierend. Aus den unzähligen skandinavischen Hütten sind die Einrichtungen aus Kiefer nicht wegzudenken. Ein Umstand, der in Norwegen mit dem Begriff »Furu helvete«, zu Deutsch: »Kiefernhölle« umschrieben wird. Viele Bauelemente, für die in Deutschland Metall, Beton oder andere Materialien verbaut werden, sind hier aus Holz. Als dritte relevante Holzressource ist die Birke zu nennen. Im Außenbereich ist sie wenig tauglich, aber für den norwegischen Möbelbauer ist Birke das lokal verfügbare Holz der Wahl, wenn es aus dem Nadelholzbereich heraus und in den Hartholzbereich hinein geht.

… zu Fichte, Birke und Eiche

Im Süden Norwegens ist die Artenvielfalt höher als im Norden. Die Bedeutung von Birke als verfügbares Hartholz nimmt zu, je weiter man nach Norden kommt. In Trøndelag in Mittelnorwegen befinden sich in den milderen Küstenregionen die nördlichsten Eschenwälder Norwegens und dieses Material findet auch in der Möbelschreinerei in der Region regelmäßig Verwendung. Seit vielen Jahren zeigt sich zudem Eiche als viel verwendetes Material, das nicht aus der Mode zu kommen scheint. Hierbei handelt es sich zum allergrößten Teil um imporierte »White Oak« aus Nordamerika.

Die Ausrüstung in den Werkstätten steht der deutschen in den allermeisten Fällen in nichts nach oder übertrifft diese sogar noch. Die Betriebe sind mit modernen Maschinen, nicht selten ein deutsches Fabrikat, ausgerüstet. Ausländische Technik und internationales Know-how müssen in Norwegen oft eingesetzt werden, da es im eigenen Land an der nötigen industriellen Struktur fehlt. Auch die CNC-Bearbeitung hat in vielen Betrieben und Werkstätten schon vor Jahren Einzug gehalten.

Der Job hat nicht immer Priorität

Tugenden wie Genauigkeit und Zuverlässigkeit, die man als »typisch deutsch« bezeichnen könnte, sind hoch angesehen, müssen aber mit Vorsicht dosiert werden. Der Norweger identifiziert sich üblicherweise nicht ganz so sehr mit seinem Arbeitsleben wie es häufig in Deutschland der Fall ist. Arbeit und Berufsleben stehen wesentlich häufiger an zweiter Stelle der Prioritätenliste der individuellen Lebensgestaltung. Die Familie mit den Kindern steht, falls vorhanden, im Mittelpunkt. Generell hat Freizeit einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Das gilt in allen Lebensbereichen und wer in Norwegen eine Zeit lang gearbeitet und Erfahrungen mit der Arbeitseinstellung vieler Norweger gemacht hat hat, wird Deutschland anschließend kaum noch als Servicewüste beschreiben.

Wenn man ein Leben in Norwegen plant, muss man lernen, sich mit dieser etwas lässigeren Herangehensweise zu arrangieren und akzeptieren, dass es oft andere Prioritäten als die Arbeit gibt.

Auch im weiteren Zusammenleben muss man als Deutscher ein wenig umdenken. Probleme, die eher psychosozialer Natur sind, werden in der Regel nicht so offen angesprochen, wie man es aus der Heimat gewohnt ist. In Norwegen gilt es aufzupassen, niemandem zu nahe zu treten. Die typische deutsche Direktheit funktioniert meist nicht. Es gilt, Probleme umsichtig zu lösen. Mit diesem wichtigen kulturellen Unterschied muss man sich auch an der Universität und in großen Unternehmen, die einen hohen Anteil an internationalen Angestellten vorweisen, auseinandersetzen.

Ein gutes Land zum Arbeiten

Als Fazit lässt sich festhalten: Den technischen und fachlichen Herausforderungen im norwegischen Arbeitskontext kann sich der deutsche Schreiner in der Regel ohne Probleme stellen. Die norwegische Sprache ist bei Kenntnis der deutschen Sprache und deren Grammatik relativ einfach zu lernen und stellt auf Dauer keine große Barriere dar. Die Norweger sprechen generell gutes Englisch, was gerade am Anfang eines Arbeitsverhältnisses sehr hilfreich ist. Die größten Herausforderungen sind eher die kulturellen Unterschiede und das Fehlen einer tief verwurzelten Tradition und Verbundenheit mit dem Handwerk.


Jörg Schauer ist Schreinermeister und lebt seit fast 15 Jahren in Trondheim/Norwegen. Nach zehn Jahren in privaten Betrieben arbeitet er in der Modellwerkstatt der Fakultät für Architektur und Design. Kontakt: jorg.schauer@ntnu.no

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