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Helmut Frorath zur CO2-Zertifizierung im Tischlerhandwerk

Im Interview: Helmut Frorath
»Überschlägige Verfahren entwickeln«

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Dipl. Ing. (FH) Helmut Frorath ist freiberuflicher Coach und Auditor bei der DGNB. Mit seinem Unternehmen »Geht doch!« berät er Betriebe in Sachen Nachhaltigkeit sowie bei der Team- und Organisationsentwicklung. Foto: www.frorath.com
Helmut Frorath begleitet Betriebe wie z.B. die Tischlertekten aus Großmaischeid auf dem Weg zum nachhaltigen Unternehmen. Im dds-Interview spricht der Holzingenieur darüber, warum ein zu große Genauigkeit bei der CO2-Berechnung nichts bringt und warum die Kompensation immer schwieriger wird.

Herr Frorath, eine Schreinerei wie die Tischlertekten emittiert, wie im Beitrag zu lesen, 36 t CO2 im Jahr. Beim derzeitigen Preis von 25 Euro/t kann sich der Betrieb also für knapp 1000 Euro CO2-neutral stellen. Das ist doch eigentlich ein Klacks, oder?

Helmut Frorath: Die Kosten für die eigentliche Kompensation sind wirklich gering, das stimmt. Allerdings steigt der CO2-Preis nach dem Willen der Bundesregierung bis 2025 auf 55 Euro/t an. Außerdem kommen die Kosten für die Berechnung noch hinzu.

Mit welchem Betrag muss man für die Zertifizierung rechnen?

Je nach Umfang der Berechnung und nach Art und Größe des Betriebes kann man von einmalig 1500 bis 3000 Euro ausgehen.

Sind 36 t CO2 für einen Betrieb
mit sieben Mitarbeitern viel oder wenig?

Nach meiner Erfahrung ist dieser Wert typisch für ein Schreinerei, zumindest wenn sie mit Holzresten aus der Werkstatt heizt und Ökostrom eingekauft bzw. selbst erzeugt. Alle Betriebe, die ich bisher zertifizieren durfte, kamen auf
4 bis 6 to/Co2 pro Mitarbeiter und Jahr.

Nun bezieht sich der Wert ja nur
auf den Standort, nicht auf die in der Tischlerei gefertigten Produkte. Haben Sie Erfahrungswerte, von welchen CO2-Mengen wir hier sprechen?

Das hängt sehr stark vom Tätigkeitsspektrum des Betriebes ab. Für Möbel- und Innenausbauer wage ich die These, dass die CO2-Menge der gefertigten Produkte etwa zwei bis drei Mal so hoch ist, wie die Emissionen des Standorts. Wird jedoch viel Handelsware eingesetzt, z.B. E-Geräte für die Küche, Stahlteile, Licht usw., kann der Wert aber auch schnell auf das Fünf- bis Zehnfache steigen.

Ist es denkbar, dass Tischler ihren Kunden demnächst »CO2-neutrale« Möbel anbieten, sprich die Emissionen auch auf Produktebene berechnen und dem Kunden die Kompensation anbieten?

Denkbar ja. Es gab vor vielen Jahren bereits ein Pilotprojekt des hessischen Tischlerverbandes, wo genau das versucht wurde. Damals war die Zeit offensichtlich noch nicht reif dafür. Heute ist sie es, allerdings wäre es hilfreich, überschlägige Verfahren zu entwickeln, um zu hohen Rechenaufwand zu vermeiden. Eine zu große Genauigkeit an dieser Stelle kostet nur Geld und bringt keine Vorteile – weder für den Kunden noch für den Betrieb und schon gar nicht für die Umwelt. Es wäre wünschenswert, wenn die Verbände in dieser Richtung aktiv würden.

Die Tischlertekten haben ihre 36 t CO2 über ein Aufforstungsprojekt in Costa Rica kompensiert. Warum nicht über ein Projekt in Deutschland?

Das Projekt in Costa Rica entspricht dem sogenannten »Gold Standard«: das ist das wichtigste Zertifizierungssystem für Projekte zur Reduzierung von CO2. Hierzulande gibt es kaum Projekte und deswegen kaum Zertifikate, die man erwerben könnte. Überhaupt wird das Thema Kompensation immer schwieriger, da es weltweit wahrscheinlich nicht genug Aufforstungsprojekte geben wird, wenn Alle kompensieren wollten oder müssen.
Umso wichtiger daher, das Augenmerk auf Vermeiden und Reduzieren zu legen. Man muss sich schon darüber klar sein: Jede Tonne CO2 die kompensiert wird, wird doch zunächst einmal in die Luft geblasen. CO2-neutral ist nicht klimaneutral!

Das Interview mit Helmut Frorath führte dds-Autor Hans Graffé

Hier gehts zum Beitrag über die C02-Zertifzierung der Tischlerei „Tischlertekten“ im Westerwald

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