Generationswechsel bei Blum: Interview mit Philipp Blum

Kontinuität und Dynamik

Beim österreichischen Beschlaghersteller Blum hat inzwischen die dritte Generation das Ruder übernommen. dds fragte Geschäftsführer Philipp Blum und Verkaufsleiter Michael Lang, wohin die Reise geht.

Herr Blum, letztes Jahr haben Sie und Ihr Cousin Martin bei Blum das Ruder übernommen und 2,6 Prozent mehr Umsatz erzielt. Was ist Ihr Schlüssel zum Erfolg?

Philipp Blum: Die Übergabe haben wir lange vorbereitet. Ich arbeite bereits seit zehn Jahren im Unternehmen und mein Cousin sieben. Und was viel wichtiger ist, wir haben eine gute Mannschaft um uns herum und arbeiten nicht allein.

Wohin steuern Sie?

Unser Großvater hat das Unternehmen stets im Sinne der Sicherheit für seine Mitarbeiter gelenkt. Dem schließen wir uns ohne Wenn und Aber an. Weiterhin setzen wir auch auf Kontinuität in der strategischen Ausrichtung. Das heißt erstens Fokus auf die Märkte und den Ausbau der Vertriebsnetze sowie zweitens kontinuierliche Innovation. Diese Stabilitätspfeiler rühren wir nicht an. Dennoch ist Dynamik immer dabei. Das hängt von den handelnden Personen und dem Umfeld, zum Beispiel der digitalen Transformation, ab. Die richtige Mischung zu finden, ist unsere spannende Aufgabe.

Wie teilen Sie sich die Aufgaben auf?

Wir wollen eine neue Form der Zusammenarbeit lernen und zwar im ganzen Unternehmen. Zwei Grundsätze sind mir wichtig. Zum einen arbeiten wir in einem Netzwerk und nicht mehr in alten Strukturen, die in einer Organisation mit festgeschriebenen Zuständigkeiten abgebildet sind. Zum anderen wollen wir entlang der Kompetenzen unserer Leute arbeiten. Derjenige, der etwas am besten kann, soll es auch machen. Jeder soll natürlich weiterhin seine Schwerpunkte haben, die sollen jedoch nicht 1:1 zementiert sein. Wer etwas Positives beitragen möchte, soll das auch tun können. Meine Themen sind eher Verkauf und Marketing, die meines Cousins Technik und Produktion.

Herr Lang, rechnen Sie im deutschsprachigen Raum mit einem weiterhin wachsenden Möbelmarkt?

Michael Lang: Zurzeit erleben wir in den DACH-Märkten (Deutschland, Österreich, Schweiz) eine rege Dynamik, auch was das Handwerk betrifft. Handwerklich gefertigte, individuelle hochwertige Möbelstücke sind gefragter denn je, das spüren wir. Diese Situation ist vielleicht etwas abgekoppelt von der weltweiten Entwicklung. Deutschland hat eine sehr exportorientierte, wachsende Küchenmöbelindustrie. Davon profitiert auch der Möbelmarkt.

Werden Beschläge künftig einen höheren Anteil an der Wertschöpfung eines Möbelstücks haben?

Philipp Blum: Das ist nicht unser primäres Ziel. Wir wollen dem Endverbraucher mit Innovationen einen Mehrwert schaffen und ihn damit begeistern. Natürlich kann das auch zu einem höheren Wertschöpfungsanteil der Beschläge am Möbel führen. Auf der Werkstoffseite gibt es aber auch noch gewichtige Mitspieler, die ebenfalls zur Aufwertung der Möbel beitragen. Davon profitieren alle, auch der Tischler.

Michael Lang: Der Wertschöpfungsanteil hängt stark vom Möbeltyp und vom Segment ab. Bei Küchenmöbeln entfällt heute bestimmt ein höherer Anteil auf die Beschläge als noch vor 15 Jahren. Im Wohnzimmer kann sich das durchaus andersherum verhalten. War früher ein Wandverbau mit 15 und 20 Auszügen üblich, finden wir heute Lowboards mit vielleicht nur drei Auszügen.

Zur Interzum hat Blum den neuen Markenauftritt »Moving Ideas« vorgestellt. Was ändert sich denn?

Philipp Blum: Unser bisheriger Claim hieß mehr als zehn Jahre lang »Perfecting Motion«. Jetzt haben wir uns erneut gefragt, was uns einzigartig macht, was wir realistisch sind und sein wollen. Heraus kam »Moving Ideas«. Das bringt zum einen unsere Kernkompetenz, die Bewegung, zum Ausdruck. Die Ideen sagen zum anderen, dass wir im Dialog stehen mit unseren Partnern und nicht im stillen Kämmerlein überlegen, was sie sich wohl wünschen könnten.

Was muss denn alles geschehen, bevor eine Innovation wie die jetzt auf der Interzum vorgestellte »Merivobox« erhältlich ist?

Philipp Blum: Unser Konzept heißt globaler Kundennutzen. Jeder, der mit unserer Innovation in Berührung kommt, soll davon profitieren. Daher reden wir mit Endverbrauchern, Monteuren, den Möbelverkäufern und den Verarbeitern. Es gilt, verschiedenste Interessen zu berücksichtigen. Endverbrauchern widmen wir große Aufmerksamkeit. In Haushalten beobachten und filmen wir ihr Verhalten beim Nutzen der Möbel. Das ist ein bisschen wie bei Big Brother. Nur wenn eine Produktidee jeder dieser vier Gruppen einen Vorteil bringt, verfolgen wir sie weiter.

Und wie geht es dann weiter?

Die eigentliche Entwicklung ist ein langwieriger Prozess. Bei der Merivobox waren das mehr als acht Jahre. Immer wieder checken wir zwischendurch quer , ob wir uns noch in Richtung der Entwicklungsziele bewegen. Bei der Merivobox waren das vier Themen: der Plattformgedanke, das Design, die Funktion und die Vorteile für den Verarbeiter. Dann kam die Interzum und die mit Spannung erwarteten Gespräche mit den Kunden. Das Kundenecho hat uns bestärkt. Wir erweitern in unserem Werk 4 die Produktion um fast 50 000 m² , unter anderem auch für die Merivobox. Lieferbar ist die Box dann ab Herbst 2020.

Welche Vorteile bringt die Merivobox?

Sie bietet reduziertes, modernes Design und hervorragende Funktionalitäten. Letzteres nimmt der Nutzer zwar nicht bewusst wahr, aber das ist auch gar nicht notwendig. Der Verarbeiter profitiert von einem durchgängigen Plattformsystem: Nur eine Korpusschiene, nur eine Frontbohrung und die Möglichkeit, mit nur einer Zarge ganz viele Designs zu realisieren. Außerdem lassen sich mit nur einer Schiene drei Bewegungstechnologien realisieren: Blumotion, Tip-On Blumotion und Servo-Drive.

Welches Preissegment sprechen Sie mit der Merivobox an?

Michael Lang: Bisher haben wir mit der Tandembox das Basic-Programm abgedeckt. Ein Tischler, der etwa eine Kita einrichtet, fuhr und fährt auch weiterhin damit gut. Für den edlen privaten Innenausbau nahm und nimmt er auch weiterhin unser Premiumprodukt, die Legrabox, auch wenn sie etwas aufwendiger zu verarbeiten ist. Die Merivobox platzieren wir jetzt genau dazwischen. Sie lässt sich ohne Systemwechsel sowohl in Richtung Premium als auch in Richtung Basic modifizieren.

Das Interview führte dds-Redakteur Georg Molinski.


Steckbrief

Der Name Blum steht für innovative Produkte, engagierte Mitarbeiter und internationale Marktpräsenz. 1952 gründete Julius Blum sein Unternehmen im österreichischen Höchst bei Bregenz und produzierte sein erstes Produkt: Hufstollen für Pferde. Heute zählt Blum zu den weltweit führenden Herstellern von Möbelbeschlägen, beschäftigt weltweit fast 8000 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von 1,9 Milliarden Euro.

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