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Make or buy: »Im Entwurf liegt der Verdienst«

Make or buy
»Im Entwurf liegt der Verdienst«

Wo und womit verdienen Tischler und Schreiner ihr Geld? Fahren sie besser mit Zukaufteilen oder ist die Eigenfertigung attraktiver? dds sprach darüber mit Martin Schäffer. Er betreibt in Stuttgart eine modern eingerichtete Schreinerei mit zwölf Mitarbeitern.

Hallo Herr Schäffer, ich sehe, Sie haben soeben einen Schrank konstruiert. Haben Sie damit bereits Geld verdient?

Ja, in der Regel berechnen wir auch den Entwurf. Für die Kostentransparenz erfassen wir vom Entwurf an alle Zeiten.

Das heißt, Sie wissen auch, wo Sie Ihr Geld verdienen.

Ja, das weiß ich ganz genau.

Und wo verdienen Sie denn Ihr Geld? In der Werkstatt, im Büro oder beim Verkauf?

Ich verdiene es hauptsächlich beim Verkauf und dem Entwurf und verliere es am ehesten bei der Montage, wenn da etwas schiefläuft. Die Produktion erweist sich als überschaubar und unkritisch.

Ist der Verkauf für Sie damit die Stellschraube zum Erfolg?

Ja, da kann ich mich vom Wettbewerb absetzen und einen anderen Preis erzielen, als wenn ich in der Masse mitschwimme. Im Verkauf und damit vor allem im Entwurf wird das Geld verdient.

Fertigen Sie Ihre Entwürfe lieber selbst, oder lassen Sie produzieren?

Das, was unsere eigene Kapazität übersteigt, kaufen wir bei Kollegen zu.

Sie fangen also Auslastungsspitzen über den Zukauf ab.

Nein, das sind nicht nur Spitzen, das ist mehr, das ist ein Anteil des Umsatzes. Wir kaufen ständig zu. Ich brauche meine Grundauslastung, damit ich den Schreinerbetrieb erhalten kann. Und den Betrieb muss ich erhalten, um flexibel zu bleiben. Ich kaufe gerne bei Schreinerkollegen zu, aber das birgt das Risiko steigender Preise, wenn diese viel zu tun haben. Die Preise der großen Möbelteilezulieferer sind da weniger spitzenanfällig. Und wenn ich eine eigene Produktion habe, muss ich nur das, was über die Grundlast hinausgeht, unterkriegen. Außerdem ist jeder Gewinn, den ich dabei zusätzlich erziele, ein Gewinn, selbst wenn der mal nicht ganz so hoch ist wie sonst.

Welche Betriebsauslastung streben Sie denn an?

Wir streben mindestens 110 Prozent an. 100 Prozent davon fertigen wir selbst, alles was darüber geht, kaufen wir zu. Die Gemeinkosten für die Zuschlagskalkulation verteilen wir auf die 100 Prozent mit der Eigenfertigung. Das bedeutet, dass kalkulatorisch von den Erlösen aus Zukaufteilen keine Gemeinkosten mehr abzuziehen sind. Somit ist auch eine eventuell geringere Gewinnmarge mit Zukaufteilen immer noch attraktiv.

Die angestrebten 110 Prozent bieten also die Chance für attraktive Geschäfte on top. Welche weiteren Vorteile bringt diese Denkweise mit sich?

Sie gibt uns Planungssicherheit bezüglich der Auslastung der Mitarbeiter. Sollte das Auftragspolster mal längere Zeit zurückgehen, kann ich rechtzeitig den Zukauf zurückfahren und die Belegschaft Dinge fertigen lassen, die wir sonst von Kollegen fertigen lassen.

Verdienen Sie weniger, wenn Sie Wertschöpfung aus dem Haus geben?

Nein, nicht zwingend, aber es kann sein. Im Küchenbereich erzielen wir sogar höhere Gewinne als mit Eigenfertigung. Bei einem besonders komplizierten Möbelstück kann das anders aussehen, weil ich viel Planungsaufwand reinstecken muss und der Kollege sich auch noch darin einarbeiten muss. Das geht dann natürlich zulasten des Gewinns. Wenn das jedoch wie eben schon gesagt jenseits der Grundauslastung geschieht, freue ich mich trotzdem über den zusätzlichen Gewinn.

Können Kollegen, die für Sie arbeiten, Ihre Planungs- und Konstruktionsarbeit in das eigene System einlesen?

Nein, der Datenimport ist nur sehr eingeschränkt möglich, weil die Kollegen mit anderen Programmen oder Programmversionen, anderen Maschinen und anderen Werkzeugen arbeiten. Sie müssen tatsächlich unsere Konstruktion noch einmal nachbauen. Mit keinem Kollegen arbeite ich so intensiv zusammen, dass sich der Abstimmungsaufwand für einen automatischen Datenfluss lohnen würde.

Gibt es für Sie noch weitere Gründe, Leistungen von Schreinerkollegen zuzukaufen?

Ja, wir können natürlich nicht alles. Mit komplizierten 3D-Teilen befassen wir uns beispielsweise gar nicht. Die lassen wir vom Spezialisten auf 5-Achs-Maschinen fertigen. Da fangen wir nicht an, das Rad neu zu erfinden. Auch Haustürrohlinge oder Schubkästen kaufen wir zu. Grundsätzlich planen wir Vollholzschubkästen ein, die wir in großen Stückzahlen beziehen.

Was fertigen Sie denn gerne selbst?

Mit unseren zwölf engagierten Mitarbeitern, einer 4-Achs-CNC von Homag, einem leistunsfähigen Maschinenpark, dem CAD/CAM-System PointLine und einer eigenen Furnierabteilung können wir das Gros aller anfallenden Arbeiten sehr effizient und auf hohem Qualitätsniveau selbst fertigen. Die Preise für die Eigen- und Fremdfertigung habe ich im Blick, und weiß beispielsweise, dass es sich nicht rechnet, Schubkästen selbst zu bauen.

Gibt es Dinge, die Sie besonders gut können, für die Sie als Spezialist gelten?

Alles, was nicht Standard ist, fertigen wir selbst. Unsere Stärke ist es aber auch, aus Standardteilen das Besondere zu machen, etwa bei Küchen.

Das Interview mit Martin Schäffer in Stuttgart führte dds-Redakteur Georg Molinski


»Meistens arbeiten wir mit mindestens 110 Prozent Auslastung. Ab 100 Prozent kaufen wir zu.

Ist mal weniger zu tun, können wir Dinge, die wir sonst beim Kollegen beziehen, selbst fertigen.«

Martin Schäffer

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