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Der Mensch im Mittelpunkt

Personalentwicklung im Handwerk
Der Mensch im Mittelpunkt

Maren Ulbrich ist Expertin für Personalentwicklung im Handwerk. Im dds-Interview verrät sie, warum zufriedene, motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kein Zufall sind und warum sich »Kaltakquise« bei der Personalsuche nicht lohnt.

Interview: Hans Graffé

Frau Ulbrich, viele Betriebe haben Probleme, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten oder neue zu finden. Was raten Sie denen?

Maren Ulbrich: Ein Patentrezept oder die eine Maßnahme, die garantiert funktioniert, gibt es nicht. Was aber funktioniert, ist, sich als Handwerksbetrieb so aufzustellen, dass die Beschäftigten Spaß an der Arbeit haben und der Betrieb attraktiv für neue Mitarbeiter ist. Mit einer modernen Personalentwicklung passiert das fast zwangsläufig.

Was verstehen Sie unter »moderner Personalentwicklung« im Handwerk genau?

Im engeren Sinn ist es die emotionale Führung und talentorientierte Weiterbildung aller Personen im Betrieb. Das reicht vom Unternehmer bzw. der Unternehmerin über den Partner und die Familienangehörigen bis zu den Mitarbeitern. Personalentwicklung ist für mich jedoch noch viel mehr: nämlich tiefgehende Unternehmensentwicklung, die dabei jedoch immer den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Wie können Betriebe das Thema konkret angehen?

Oft sind Konflikte im Betrieb der Anlass, über substanzielle Veränderungen nachzudenken. Z. B. haben sich zwei Mitarbeiter auf der Baustelle gezofft und weigern sich, weiter zusammenzuarbeiten. Bei der Analyse wird dann meist schnell klar, dass es nicht um die konkrete Situation geht, sondern darum, dass es keine gemeinsam getragenen Werte im Betrieb gibt, keine Unternehmenskultur. Hier setzt dann z. B. unsere Beratung an und wir entwickeln ein Maßnahmenpaket mit dem Ziel, das Denken im Betrieb von Grund auf ändern: hin zu gemeinsam getragenen Entscheidungen und gemeinsamer Weiterentwicklung des Betriebes.

»Gemeinsam« heißt in dem Fall »gemeinsam mit den Mitarbeitenden«?

Ganz genau. Viele Handwerksunternehmer haben nicht gelernt, sich das Denken der Mitarbeiter zunutze zu machen: gemeinsam eine Vision zu entwickeln, wohin man will. Welchen Umsatz machen wir im nächsten Jahr? Welcher Kollege fehlt uns in Zukunft? Welche Kunden wollen wir haben usw. Es geht darum, die Mitarbeiter zu beteiligen, damit sie wieder Sinn in der Arbeit finden, Perspektiven bekommen und sich weiterentwickeln können. Dann puzzelt sich alles andere zusammen: der wertschätzende Umgang unter Kollegen usw.

Was sind weitere wichtige Faktoren, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und zu binden?

Aus meiner konkreten Erfahrung: flexible Arbeitszeiten, digitale Arbeitsmittel und vor allem Kommunikation und Transparenz! Viele Beschäftigte fühlen sich unheimlich schlecht informiert über Ziele und Werte ihres Betriebes, über anstehende Aufgaben und Herausforderungen. Gute Kommunikation ist viel mehr wert als ein paar Cent mehr Lohn. Den Wettbewerb mit der Industrie in Sachen Bezahlung können wir als Handwerk ohnehin nicht gewinnen.

Was sind die größten Hemmnisse für die Betriebe, sich mit der Personalentwicklung zu beschäftigen?

Viele Chefs hängen in der Arbeitsfalle fest: Das Tagesgeschäft frisst sie auf. Auch hier zeigt sich, dass der Fachkräftemangel im Handwerk angekommen ist: Der Inhaber muss die dünne Personaldecke kompensieren, ist gestresst ohne Ende und läuft wie verrückt in seinem Hamsterrad. Da muss er erstmal raus, um etwas zu verändern. Viele Betriebsinhaber sind zwar bereit in Mitarbeiter, Nachfolge usw. zu investieren, wissen nur nicht konkret, wie. Bei anderen dominiert oft noch das »Nicht-erkennen« der Handlungserfordernis: Die schauen weg. »Wir haben keine Zeit«, ist die meistgehörte Ausrede.

Was machen erfolgreiche Chefinnen und Chefs diesbezüglich anders?

Sie blocken sich Zeitfenster, um am Betrieb zu arbeiten und lassen sich nicht vom operativen Tagesgeschäft davon abhalten. Sie nehmen sich Zeit, um Prozesse zu denken und Strategien zu entwickeln.

Man hört immer wieder, Betriebe müssten zur »Arbeitgebermarke« werden. Was verbinden Sie mit diesem Begriff?

Für mich heißt das: die Mitarbeiter stolz zu machen auf das, was der Betrieb ist und tut. Viele wissen jedoch gar nicht, wofür ihr Arbeitgeber steht. Begeisterte Mitarbeiter tragen ihre Freude nach außen, z. B. über die sozialen Medien, und bestimmen so das Image des Betriebes wesentlich mit.

Welche Kanäle haben sich aus Ihrer Sicht für die Personalsuche bewährt?

Die sozialen Medien, der WhatsApp-Status – sowohl der eigene als auch der der Mitarbeiter. Mit Einschränkungen sind auch Stadtteilzeitungen oder Vereinsmitteilungen geeignete Medien. Alles andere lohnt sich nicht.

Was halten Sie von Ebay-Kleinanzeigen als Plattform zur Mitarbeitersuche??

Warum nicht? Das ist nach unserer Erfahrung in der Regel erfolgreicher und kostengünstiger als Anzeigen in irgendwelchen Jobportalen. Wichtig ist der individuelle Charakter der Werbemittel, es sollte halt schon gut gemacht sein.

Wie wird es mit dem Thema Fachkräftemangel und Personalentwicklung weitergehen?

Für einen Handwerksbetrieb ist es aus meiner Sicht eine der wesentlichen Herausforderungen der Zukunft. Es wird darauf ankommen, den Betrieb fit für die sogenannte »Vuka«-Welt (engl.: Vuca) zu machen. Vuka steht im Deutschen für »volatil, unsicher, komplex und ambivalent« – Merkmale des digitalen Zeitalters, die viele Menschen verunsichern. Geben Sie Ihren Mitarbeitern Sicherheit durch eine klare Kommunikation und aktive Beteiligung – sie werden es Ihnen danken!


Die Diplom-Ökonomin Maren Ulbrich ist Gründerin und Inhaberin von Handwerksmensch.de. Mit einem Team von fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt sie Betriebe in allen Fragen der Personal- , Organisations- und Unternehmensentwicklung. Ausgehend vom aktuellen Leidensdruck des Betriebes wird gemeinsam ein Maßnahmenpaket erarbeitet, das aus konkreten Prozessoptimierungen besteht und eine neue Unternehmenskultur zum Ziel hat. Der Mensch steht dabei im Mittelpunkt. Neben Einzelberatungen und Coachings bietet Maren Ulbrich Workshops und Seminare an, hält Vorträge und ist auf den sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Youtube aktiv. Auch einen Podcast gibt es von ihr: Überall dort, wo es Podcasts gibt.

Maren Ulbrich, Handwerksmensch, 26215 Heidkamp, Tel.: +49 441 777 98 310, info@handwerksmensch.de, www.handwerksmensch.de

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